Ungeordnete Gedanken zur Paris, der Zeit und mir

Irgendwie ist für mich immer noch nicht wieder Alltag. Keine Zeit für Sonntags-Gedichte, Facebook mit Profilbildern in blau-weiß-rot und andere Ablenkung. Überhaupt keine Zeit für Gedichte und Kunst. Mir sitzen die Ereignisse vom vergangenen Freitag arg in den Knochen. Einige völlig ungeordnete Gedanken zu Paris, der Zeit, in der wir leben und mir habe ich mir gemacht, die keinerlei Anspruch auf irgendetwas erheben. Sie beschreiben nur die Kreise, die mein Denken gerade zieht.
Deshalb heute kein Sonntags-Gedicht oder spitzfindiges Zitat, keine Werbung- sondern dies:

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89/90. Ich war 14/15,  als zuerst die Mauer und dann nach und nach der Kommunismus im halben Ostblock fiel. Deutschland war Fußball-Weltmeister, kollektiver Freudentaumel. Millionen über Jahrzehnte unterdrückte Menschen waren plötzlich frei und es schien die Demokratie zu siegen. Das in seiner ersten von Kampf und Mord und in seiner zweiten Hälfte vom kalten Krieg geprägte Jahrhundert zu Ende. Von dem einen hatte ich nur im Unterricht gehört, das andere bewusst erlebt. Das neue Jahrtausend versprach Freiheit, Frieden und Vernunft bereit zu halten. Ich heiratete 1999, mit 24, war hoffnungsvoll und bereit. Mein Sohn wurde im Jahr 2000 geboren. Alles war gut.

2001 im August kam unsere Tochter zur Welt. Immer noch war alles gut, sogar besser! Am 11.September, sie war 6 Wochen alt, hatten wir einen vergnüglichen Nachmittag mit Besuch von einer Kollegin und deren Kindern. Als sie am Nachmittag aufbrachen und wir unsere vom Besuch aufgedrehten Kinder auf den Abend vorbereiten, bekam ich einen Anruf von meinem besten Freund, der mir aufgeregt erzählte, in New York seien Flugzeuge in die Türme des World Trade Centre geflogen und es gäbe tausende von Toten. Völlig unklar sei,  wer dahinterstecke.

Da wir damals keinen Fernseher hatten und noch kein Internet, schaltete ich, nachdem die Kinder bettfertig gemacht waren, das Radio ein. Unsere Tochter war unruhig in dieser Nacht und ich blieb, mit ihr auf der Brust, bis in die Nacht hinein auf, das Radio leise im Hintergrund. Die Bilder würde ich erst am folgenden Tag in der Zeitung sehen; die bewegten Aufnahmen und vor allem die Geräusche erst wesentlich später zu Augen und zu Ohren bekommen und nicht so schnell wieder vergessen. In der Nacht auf den 12.09. jagten sich die widersprüchlichen Meldungen und Vermutungen. Es fiel das erste Mal der Name Bin Laden, der mir völlig fremd war und weit nach Mitternacht  hörte ich die Nachricht: Kabul brennt, die sich dann als Irrtum herausstellte.

In Amerika wurden Männer mit Turban kollektiv verdächtig, man diskutierte weltweit Sicherheitsmassnahmen, die praktisch jedermann in jeder Härte guthieß. So lange nichts passierte. Es gab dennoch Terror in London und Krieg im Irak und Afghanistan. Kanzler Schröder machte nicht mit, wir waren plötzlich das „alte Europa“-die jahrzehntelange Freundschaft mit den USA bekam Risse.

Jahre vergingen. Man lernte wieder Kinderfeste und Sommermärchen zu feiern. Man machte sich Gedanken über die Zukunft der Kinder. Diese hörten in der Schule vom Krieg und der Wende und fanden es theoretisch interessant.  Längst schon bejubelte niemand mehr Bin Ladens Tod, als er endlich gefunden wurde. Man war klüger geworden. Sicherheitsmassnahmen wurden infrage gestellt. Die USA hörte unsere Kanzlerin ab. Man gewöhnte sich an das Wort Krisengebiet.

Dann 2014. Banken hatten sich aus mit Geld gefüllten Löchern neu erhoben. Deutschland war Fußball-Weltmeister. Kollektiver Freudentaumel. Die Boote wurden voller, die ein oder andere Grenze schloss sich bereits. Deutschland ist ein sicheres Herkunftsland. Dann Vorgestern. Meine Tochter, mittlerweile 14, sieht mit ihrer Mutter fern. Mein Sohn, mittlerweile 15, schaut das Länderspiel in seinem Zimmer und berichtet von Explosionen.  Das Spiel interessiert bald nicht mehr, da anderes passiert, das ihn völlig in Beschlag nimmt. Wir haben immer noch keinen Fernseher, aber im Internet sieht er die flüchtenden, verletzten Menschen, sieht die Angst sofort, die ihn wohl nicht so schnell loslassen wird. Ich habe am 11.September bis spät in die Nacht Radio gehört und fallende Menschen , Staub und Feuer gesehen- allerdings erst Tage später.

Währenddessen ist meine Frau zu Bett gegangen, gottlob früh genug, um noch Schlaf zu finden. Ihr Arbeitstag beginnt früh. Unsere Tochter macht sich ebenfalls für das Bett fertig. Im Zimmer des Sohnes laufen noch die Reportagen und er will reden, fragen, reden. Im Zimmer eine Etage darunter stehe ich und schaukele unsere 11 Wochen alte Tochter in den Schlaf.

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