Die Wahrheit über Achim -Erzählung-

lesende affenheader

Raffael hatte es von Luis und Luis von Ramona. Von Ramona wusste man nie, ob sie sich mit ihren sagenhaften Neuigkeiten nur produzieren wollte, oder ob tatsächlich etwas dran war. „Aber das tut ja alles nichts zur Sache!“, meinte Lucas. „So, wie wir ihn kennen, kann es einfach nicht wahr sein!“ „Ich kann es mir auch schlecht vorstellen“, pflichtete Oliver ihm bei. „Ich habe ihn nicht so kennengelernt.“ „Aber wir haben alle davon gehört“, meinte Karin. „Und alle aus verschiedenen Quellen“, ergänzte Mira spitzfindig. Alle nickten. Es war wahr. Gehört hatten es alle.

„Aber ich kann es nicht glauben“, weigerte sich Rudolf, es als Tatsache hinzunehmen. „Wenn man Herrn Bertram Glauben schenkte, hat er es in einem vollen Lokal getan, links und rechts wurde friedlich gespeist und leis gesprochen und da soll er ausrasten und es einfach so tun!?“ „Es sieht ganz danach aus“, meinte Mira, aber Paula zweifelte: „Wer soll das überhaupt gewesen sein, mit der er da gewesen ist?“ Achseln wurden gezuckt, keiner konnte oder wollte nähere Angaben machen, bis Lucas widerwillig sagte: „So eine aus dem Büro. Ich kenne sie aber nicht näher. Arni zufolge ist das so eine hochgeschlossene, mit Business-Kostüm und streng nach hinten gebürsteten Haaren.“ Einige sahen sich an und tauschten verwunderte Blicke. „Also, das er auf so welche abfährt, wäre mir neu“, meinte Rudolph, aber Karin wandte ein, manche hätten sehr wohl einen Faible für die Erotik dieser Art von Frau. Rudolf und Oliver sahen betreten auf die Spitzen ihrer Schuhe, bis Lucas erneut darauf hinwies, dass es so gar nicht zu Achim zu passen schien. „Ich meine, seid doch mal ehrlich! Er hat doch nie irgendwie aggressiv reagiert oder zu unüberlegten Handlungen tendiert!“ Die meisten nickten, aber einige schienen in sich zu gehen und zu überlegen, ob sie zustimmen konnten oder nicht. „Nun,“ wagte sich Lynn zaghaft zu sagen, „er hat mir erzählt, wie er früher seinen Hund geärgert hat, wenn seine Eltern nicht zu Hause waren.“ Aber die meisten nahmen das nicht als erstzunehmendes Argument, woraufhin Lynn verstummte.


„Ich kann es mir auch nicht vorstellen“, pflichtete Rudolph Lucas bei. „Ich hab es von Anfang an nicht geglaubt.“ Karin gab zu bedenken, dass Herr Bertram, der Leiter des Restaurants, ja nun mal eine zuverlässige Quelle sei. „Aber überleg doch mal“, widersprach ihr Martin, der bisher geschweigen hatte. „Von wem hat der es denn? War er dabei? Wohl kaum, denn er sitzt doch die meiste Zeit in seinem Büro.“ Wiederum sahen sich alle prüfend an, besonders Karin, die vorgeprescht war, wurde interessiert gemustert, ob sie noch Informationen nachzulegen haben würde. „Naja,“ setze sie zögerlich an, „es ist ja beobachtet worden und dann hat man ihn offiziell hinzugezogen.“ Lucas winkte ab und sagte verächtlich: „Ach, stell dir das mal vor. Wahrscheinlich saß an ihrem Nachbartisch irgendein frustrierter Oberstudienrat, der seiner Frau oder Freundin demonstrieren wollte, wie viel er auf Correctness in jeglicher Hinsicht gibt und hat ein wenig übertrieben mit dem, was er gesehen zu haben glaubte.“ Einige schienen das glaubhaft zu finden und nickten zaghaft mit den Köpfen. Aber Mira schüttelte unwirsch den Kopf und zog ihr Mobiltelefon aus der Tasche. „Ich hab noch die Nachricht, die Klaus mir geschickt hat, an dem Abend, an dem es passiert sein soll- Passt auf.“ Mit einigen flinken Bewegungen rief sie eine Meldung auf und zeigte sie Karin, die neben ihr stand. Karin las und ihre Augen weiteten sich. Sie nahm das Gerät aus Milas Hand und reichte es wie einen Beweis an Lucas weiter, der neben ihr stand. Lucas las und gab es an Oliver weiter, ohne sich besonders beeindruckt zu zeigen. Er zog die Schultern hoch und meinte: „Klausi, der Spießer! Tratscht doch immer gleich weiter, was er irgendwo aufschnappt!“ Das Handy war mittlerweile einmal durch die Runde gewandert und wieder in Miras Händen gelandet, die ein wenig enttäuscht über die Wirkung der Nachricht war und es schmollend einsteckte. „Hat eigentlich irgendjemand mal Achim selber gefragt, was genau da passiert ist“, wollte  Lucas wissen und erntete darauf nur Kopfschütteln und betretenes Schweigen.

Einige Tage später erhielt Rudolph einen Anruf von Verona, einer recht engen Freundin von Achim, die jedoch wenig mit seinen anderen Freunden zu tun hatte, nur sporadisch mit Rudolph und Lynn telefonierte, aber sehr selten. Sie habe Achim besucht, gestern und wolle die Sache nun einmal richtig stellen.
Sie gebe jetzt einfach mal wieder, was Achim gesagt habe und dann könne sich Jeder sein eigenes Bild machen. Rudolph versprach, ihre Schilderungen erst einmal anzuhören und sie nicht sofort zu unterbrechen. Laut Verona habe sie nach drei Tagen gedacht, es müsse jetzt endlich einmal Klarheit in die Sache gebracht werden und habe sich deshalb zu Achims Wohnung aufgemacht.  Sie habe Kuchen mitgebracht, „Beerdigungskuchen!“, habe Achim gesagt. Verona habe um Tee gebeten und Achim habe genickt und ihr Tee gemacht, bei dessen Verzehr er ihr alles erklärt habe:


Achim habe es niemandem erklären können. Er sei sich sicher gewesen, dass sein Verhalten zu Verwirrung und allgemeinem Getuschel geführt habe. Auch, dass das Geschehen mittlerweile zu etwas viel Größerem aufgeblasen geworden sein würde, sei ihm bewusst gewesen. Niemand habe sich bei ihm nach den eigentlichen Vorgängen erkundigt. In dem Moment, in dem er bemerkt habe, dass er zu weit gegangen sei, schien ihm die Geschichte mitsamt ihrem Ausgang besiegelt gewesen. Er habe glasklar den Widerspruch in den Reaktionen der Anwesenden und der Herrn Bertrams wahrgenommen, habe aber, für sich selber unerklärlich, immer noch stumm und erstaunt darauf gehofft, dass eine objektive Wahrheitsfindung sich auf irgendeine für ihn immer noch logische Weise selbst einstellen würde. Seinem Tischnachbarn zufolge habe er seine Begleitung misshandelt, andere wollten nur einen verbalen Streit wahrgenommen haben. Herr Bertram habe gemeint, körperliche Gewalt sei in seinem Lokal natürlich tabu und falls eine solche angewendet worden sei, müsse er die Konsequenzen ziehen. Achim sei daraufhin gegangen, ohne sich bewusst zu sein, dass er damit praktisch ein Schuldeingeständnis liefern würde.“Unglaublich!“, habe er noch beim Hinausgehen eine empörte ältere Dame sagen hören und  vielköpfiges Nicken mit ernsten, fast angewiderten Gesichtern gesehen. Er habe die Tür des Lokals geöffnet und sei mit der S-Bahn heimgefahren. Seitdem habe er hier in seiner Wohnung gesessen und sei nicht eigentlich traurig darüber gewesen, dass das Telefon, sowohl das Festnetz als auch das Handy still geblieben seien. Er habe es ohnehin niemandem erklären können. Verona habe ihm versichert, dass, wenn alles auf einem Missverständnis beruhe, sich die Wahrheit früher oder später ihren Weg suchen würde, Achim aber auf jeden Fall dazu beitragen müsse.


Rudolph gab die Informationen des Gespräches mit Verona einige Tage danach in der festen Annahme, er würde zu Achims Entlastung beitragen, seinen Freunden Raffael und Luis weiter. Da für ihn die Sache bereits erledigt war,  legte er wenig Gewicht auf die genaue Schilderung der eigentlichen Geschehnisse. Er betonte, vielleicht einmal zu oft, dass er felsenfest an Achims Version glaube und Raffael und Luis bemerkten in der Tat, dass Rudolph sich an keinerlei weiteren Spekulationen beteiligen würde und wünschten ihm einen schönen Urlaub, denn Rudolph fuhr am folgenden Tag mit seinem Kegelclub für eine Woche weg. Im großen Kreis der Freunde, der sich am folgenden Wochenende in Herrn Bertrams Lokal traf, taten sie genau das kund, was sie erfahren hatten, woraufhin Mira und Lucas, die seit Kurzem im Verborgenen miteinander schliefen, lapidar feststellten, Rudolph sei ja schon immer auf Achims Seite gewesen und seit seiner Scheidung doch auch generell irgendwie negativ gegenüber Frauen an sich eingestellt. Keiner widersprach. Karin fragte in die Runde, ob Verona sich denn nochmal bei Achim gemeldet habe oder ob ihr Besuch bei ihm ihr Letzter gewesen sei. Weder Raffael noch Luis wussten etwas Genaueres, denn sie standen mit Verona nicht direkt in Kontakt. Lynn war drei Tage krank gewesen und stand noch immer unter Medikamenten. Sie war sich ebenfalls nicht sicher. Da haben wir es, meinte Mira und einige nickten zustimmend. Herr Bertram kam an den großen Tisch und man bestellte Getränke, Bier in der Regel, Lynn einen Kamillentee. Am Tisch gegenüber saß ein Herr mit einer attraktiven Begleitung. Er wirkte wie ein Lehrer, blass und uninteressant, aber deutlich um sein Gegenüber bemüht. Sie trug ein strenges Business-Kostüm, an dessen weißer Bluse vielleicht ein Knopf zu viel geöffnet war. Ihr Haar war streng nach hinten gekämmt und sie roch, auch in dieser Entfernung war es noch wahrnehmbar, teuer. Karin bemerkte genau das in gewohnt sarkastischem Ton, woraufhin die Blicke der männlichen Freunde sich im Weiteren im Zaum hielten.

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