Kruso & Deutscher Buchpreis- Keine Rezension

Da der ganze Trubel um die Vergabe des Deutschen Buchpreises nun ja wieder losgeht, möchte ich pünktlich zu diesem Anlass noch einmal meinen letztjährigen Artikel von kurz nach der Preisverleihung an Lutz Seiler anbringen. -Der Preisträger wird dieses Jahr natürlich ein Anderer sein, aber an den Überlegungen ändert sich nichts……

bcherwandklein.jpgLutz Seiler hat also den Deutschen Buchpreis gewonnen.
In den letzten Wochen hab ich mich ja schon ab und an zu diesem Thema ausgelassen.
Erst über die Anfeindungen von Seiten Marlene Streeruwitz`, die verkündete, der Preis sei sexistisch und keine Entscheidung der Jury könne richtig sein, denn bekäme ein Mann den Preis , unterstreiche dies nur den patriachalischen Charakter der Veranstaltung und würde eine Frau augezeichnet, dann geschähe dies nur, um eben diesen zu übertünchen- nun denn………

Ich habe ja auch schon verlautbaren lassen, dass ich furchtbar finde, wenn Dinge wie ein Buchpreis um jeden Preis torpediert werden müssen- eine Reflexhandlung offenbar, die mit dem Internet irgendwie aus dem Boden geschossen ist. Da haben wir einen Preis, der dafür sorgt, dass gehobene Literatur auch einmal ein Feedback im Buchhandel und beim Leser findet und beschweren uns dann:
-darüber, dass nur der Preisträger gelesen wird und schon die aussortierten Longlist-Titel durchfallen,
-darüber, dass ein gewisses Kalkül bei der Auswahl zu erkennen ist. (Ein Kehlmann z.B. bekommt den Preis eher nicht, dafür lieber ein anderer Autor, der nicht schon jeden Preis gewonnen hat. Ein Bezug zu aktuellenThemen, wie jetzt bei Seiler, hilft auch.)
-manche besonders bissige Kommentatoren bemängelten sogar, dass so viele andere tolle Titel nicht auf der Liste waren, z.B. Karen Köhlers Wir haben Raketen geangelt. Dass dieser Titel als Erzählband bei einem Wettbewerb um den besten deutschen Roman des Jahres irgendwie fehlgeleitet wäre, wurde gerne ignoriert. Erneut: Nun denn!

Dass eine Beurteilung von Kunstwerken per se nicht objektiv und aus Mangel an einem allgemein gültigen Massband oder einer Tabelle mit Kriterien generell schwer bis unmöglich ist, sollte klar sein. Ich habe nicht die gesamte Shortlist gelesen und maße mir kein Urteil an, aber Seilers Kruso ist wieder so ein Titel, der bei seiner hohen literarischen Qualität auch durchaus seinen Reiz für das breitere Publikum hat und das begrüße ich immer.

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Aber ein paar Gedanken mache ich mir doch nochmal zu diesem Preis, allein, um einmal den Horizont der Literatur über den Rand des Betriebs hinaus zu erweitern:

Lutz Seiler hat also den Deutschen Buchpreis gewonnen und meine bisherige Lektüre sagt: zu Recht.
Kruso ist als bester Roman des Jahres ausgezeichnet worden.
Aber:Kruso ist als bester Roman der Eingereichten ausgezeichnet worden. Ca. 270 Romane bekam die Jury von den Verlagen zugeschickt- ein Bruchteil der erschienenen Romane in dieser unserer Sprache in diesem Jahr.
Ein Großteil davon -das räumt die Jury selber ein- wird nur angelesen, kurz sondiert und verworfen.
Ohne Auswahl geht es nicht- das ist so klar und strahlend wie die Augen Paul Austers! Dieser Einwand ist auch kein weiterer Buchpreis-Torpedo aus digitalem Geltungsdrang! Ich möchte den Gedanken fortführen:

Kruso ist als bester veröffentlichter Roman des Jahres ausgezeichent worden….!
Auch zu diesem Punkt las ich kürzlich einen interessanten Artikel: Wie viele Romane werden nicht veröffentlicht; ziehen Kreise durch die Lagerhallen der Lektorate und werden entweder gar nicht erst gelesen oder aus markttechnischen Gründen nicht verlegt? Was sagt das über die Qualität dieser Romane aus? Wir kennen den sehr umfänglichen Schrott, den die Verlage mitunter produzieren; wir kennen den inzwischen ebenso beeindruckend raumgreifenden Schrott, den die Selfpublisher produzieren und erkennen darunter die Perlen schon gar nicht mehr, die es unzweifelhaft gibt und die der Buchpreis-Jury zum Beispiel gar nicht vorgelegt werden. Wir kennen auch die Geschichten von späteren Bestsellern, die von 30, 40 oder 120 Verlagen abgelehnt wurden, bevor sie endlich ein wohlwollendes Lektorenauge fanden- was, wenn auch dieser Lektor in genau diesem Augenblick eine Bindehautentzündung oder schlimmes Magengrimmen hat und seine übellaunige studentische Praktikantinnenvertretung das Manuskript statt seiner unter die Finger nimmt? Es erschiene wohl nicht– und wäre deshalb qualitativ nicht schlechter.
Und was ist mit den aus unterschiedlichsten Gründen nie einem Verlag angebotenen Romanen? Die, deren Autor zu feige ist oder unentschlossen? Die, deren Verfasser unter schlimmster Soziophobie leiden oder sich mit Bleistift und offline-Existenz den modernen Notwendigkeiten des Betriebs konsequent entziehen?- auch diese nahmen logischerweise nicht am Wettbewerb teil.

Ich würde sie gerne lesen: die Abgelehnten, die Übersehenen, die nie Eingereichen….es würde sicherlich den Preis und den Anspruch des Preises relativieren. Noch mehr Müll stünde da gegen noch mehr Perlen- ein vergrößertes Abbild des Marktes, wie er jetzt ist.
Lutz Seiler hat also den Deutschen Buchpreis gewonnen und ich freue mich darüber!

Nennt mich spinnert- aber diese Gedanken mussten mal geäußert werden…..

 

4 Kommentare

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4 Antworten zu “Kruso & Deutscher Buchpreis- Keine Rezension

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