Nick Bilton: In Mutters Bibliothek…

In der New York Times stieß ich vergangene Woche auf einen sehr schönen kleinen Essay von Nick Bilton. Da er so wunderbar zum Thema meines Vortrages am Donnerstag passt, habe ich ihn einmal übersetzt und will ihn Euch nicht vorenthalten. Nennt es kitschig oder sentimental- ich mag`s!

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Ende März, einige Tage nachdem meine Mutter an Krebs gestorben war, saß ich mit meinen beiden Schwestern in meinem Wohnzimmer im Norden Englands, als ein Anwalt das Testament meiner Mutter verlas. Uns wurde mitgeteilt, dass ihr überschaubarer Besitz zu gleichen Teilen unter ihren drei Kindern aufgeteilt werden sollte- mit einer Ausnahme: Ihre Sammlung von über 3000 Büchern solle an ihre älteste Tochter Leanne gehen.

Als sie dies hörte, drehte sich meine Schwester zu mir; Tränen stiegen mir in die Augen. Sie alle wussten, dass meine Mutter und ich immer eine unbändige Freude an Büchern geteilt hatten. Meine frühesten Erinnerungen finden in ihrem Schlafzimmer statt, wo ich ihr zusah, wie sie mit einer Hand ihre Haare föhnte und in der anderen einen Roman hielt.

Als ich aufwuchs, führte mich meine Mutter durch die Welten von Harper Lee, Charles Dickens und Lewis Carroll. Geburtstage und Weihnachten brachten immer rechteckige Geschenkpäckchen mit sich. Jedes Buch war mit einer kleinen Notiz versehen: „Lieber Nick. Lebe niemals ohne schöne Bücher. In Liebe, Mum“, hatte sie in ein Exemplar von Krieg und Frieden geschrieben.

2011, als ich von New York nach Kalifornien zog, entschied ich, die meisten meiner Bücher zurückzulassen und gedruckte Bücher zugunsten eines Kindle und später eines I-Pads aufzugeben.

„Was zum Teufel ist bloß los mit dir?“, schalt sie mich am Telefon. „Ich hab dich nicht großgezogen, damit du auf einem verdammten Bildschirm liest!“
Sie sprach leidenschaftlich vom Geruch der Seiten, vom Gefühl der Kanten eines Hardcovers in der Hand und darüber, wie die Notizen eines früheren Lesers (bei mir waren es oft ihre) herrliche Unterbrechungen bescherten.
Ich gab nichts darauf, Ich war überzeugt, dass das digitale Lesen die Zukunft sei. „Du kannst in einem gedruckten Buch nichts suchen“, argumentierte ich,  „und ich kann 1000 Bücher in meiner Tasche haben, während du nur zwei in deine Handtasche kriegst.“ Einsehend, dass ich nicht nachgeben würde, versuchte Mutter, auf meine Seite zu wechseln. Jetzt nahm ich sie an die Hand, wenn wir durch die digitalen Welten von Amazon und Apple wanderten.  Aber ihr Kindle und später das I- Pad lagen die meiste Zeit unberührt in ihrer Schreibtischschublade. An Weihnachten und Geburtstagen landeten schwere rechteckige Päckchen in meinem Briefkasten.

Und schließlich starb sie, diesen März. Nach der Testamentsverlesung bot mir meine Schwester netterweise an, Mutters Bibliothek  zu teilen, was ich dankbar annahm. Und dann, einige Wochen später, als meine jüngere Schwester die persönlichen Sachen unserer Mutter durchsah, stieß sie auf etwas, von dem sie dachte, ich könnte es haben wollen.

„Willst du Mum`s Kindle?“ fragte sie mich in einer Textnachricht.
Nun, einen Kindle mit auf eine lange Reise zu nehmen ist nicht weniger als großartig. Aber das heißt nicht, dass ich das alte Gerät meiner Mutter als Erinnerung haben wollte. Mit Büchern, so verstehe ich jetzt, ist es komplett anders- besonders, wenn es um den sentimentalen Wert einer Bibliothek geht, die über eine ganzes Leben lang zusammengetragen wurde. Ich möchte die „echten“ Bücher meiner Mutter. Ich möchte das Papier riechen können, die handschriftlichen Notizen darin sehen und wissen, dass sie diese Seiten umgeblättert hat und ein Teil von ihr darin weiterlebt. Ich wurde mir der Ironie der endlosen Debatte mit ihr bewusst. Nun, da sie tot war, waren ihre Bücher das Einzige, um das ich mich sorgte.
Als die letzten Tage meiner Mutter angebrochen waren, bat sie mich, ihr ihr Lieblingsbuch zu geben: Alice im Wunderland. Sie schrieb etwas für meinen damals noch nicht geborenen Sohn hinein. Sie hatte verstanden, dass sie ihn nie kennenlernen würde. „Möge dein Leben immer mit schönen Worten gefüllt sein. In Liebe Großmutter.“     

Sie hatte nicht gesagt, ob diese Worte gedruckt oder digital sein sollten. Wenn sie jetzt auf sein Kinderzimmer herunterschauen sollte, sähe sie ihr Exemplar von Alice im Wunderland direkt neben einigen anderen ihrer Bücher und einer wachsenden Sammlung von Neuen.

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