Kafkas Todestag

Heute im Jahre 1924 verstarb Franz Kafka. (Irrtümlicherweise ging hier und anderswo heute die Nachricht seines  Geburtstages herum- wie man sich täuschen kann! Mea culpa!) Da Kafka nicht nur über der neueren deutschen Literatur als strahlender Leitstern steht, sondern auch über meinem bescheidenen Geschreibsel: hier noch einmal eine Geschichte aus dem Archiv, die ihm -wenn auch flapsig- in gewisser Weise huldigt…das geht ja auch am Todestag! 

-Kafka zu Haus-

Kafka1

Seit sechs Monaten wohnt Kafka jetzt bei uns. Es ist merkwürdig, ihn im Haus zu haben. Er ist kein einfacher Geselle. Allein sein Äußeres ist schon gewöhnungsbedürftig. Er hat dichte, feste, schwarze Haare und etwas übergroße Ohren, die daraus herausstehen. Seine Augen sind tiefschwarz, groß und rund. Oft schaut er leicht gequält in die Welt und verschlafen. Das kann daran liegen, dass er scheinbar keinen sehr ruhigen Schlaf hat. Jede Nacht in diesem halben Jahr, das er bei uns wohnt, können wir ihn hören, wie er sich auf seinem Nachtlager herumwälzt und komische Laute von sich gibt, als unterhalte er sich im Halbschlaf mit sich selbst in einer fremden Sprache. Meine Frau und ich haben gedacht, das höre sicher irgendwann auf, wenn er beginnt, sich heimisch bei uns zu fühlen, aber es scheint so, als haben wir uns geirrt. Tagsüber ist es dann ebenfalls nicht ganz einfach, ihn um sich zu haben. Er ist dann wohl übermüdet von der unruhigen Nacht und etwas schreckhaft. Er mag mich durchaus, obwohl mittlerweile klar ist, dass es wohl nie ein wirklich inniges Verhältnis werden wird. Ab und an wirkt er auch fast feindselig mir gegenüber, verzieht sich und will nichts von mir wissen. Frauen scheint er im Allgemeinen nicht sehr zu mögen. Zwar akzeptiert er meine Frau im Haus als weisungsbefugt, was die Mahlzeiten etc angeht, aber ihr und auch allen anderen weiblichen Wesen, denen er begegnet, tritt er mit einer fast schon kriecherischen Unterwürfigkeit entgegen. Als habe er überhaupt kein Rückgrat. Wenn diese dann näher mit ihm in Kontakt treten wollen, wird er aggresiv. Mit den Kindern kann er wenig anfangen, was diese zuerst etwas enttäuscht hat, aber sie sind lange außer Haus und Kafka will eigentlich nichts anderes als in Ruhe gelassen werden, deshalb stören sich ihre Kreise wenig. Am liebsten mag er es, wenn es morgens ruhig ist im Haus, ich meine Dinge tue und er herumlungern kann und aus dem Fenster sehen. Manchmal interpretiere ich sein Hinausstarren als Wunsch, ins Freie zu gehen und nötige ihn zu einem Spaziergang. Er folgt dann widerwillig und drängt sich beim Gehen immer eng an meine Seite, weicht nicht davon weg. Entgegenkommende ignoriert er, ob bekannt oder unbekannt. Er macht sich förmlich unsichtbar und manchmal ist mir sein merkwürdiges Verhalten beinahe ein wenig peinlich. Er besieht aber durchaus interessiert alles, was auf unserem Weg liegt, jedoch jedes Mal aufs Neue, als habe er es noch nie gesehen. Panische Angst jedoch hat er vor allem, was mehr Beine hat als er. Spinnen im Gebüsch, Käfer im Gestrüpp, all dieses Getier macht ihn rasend. Erst neulich konnte ich Zeuge werden, wie er plötzlich herumsprang und sich im Kreise drehte wie ein Irrwisch, scheinbar ohne jeden erkennbaren Grund. Erst bei genauerem Hinsehen, als mir das Schauspiel dann doch zu lange dauerte, stellte ich fest, dass eines dieser Tierchen der Auslöser dafür gewesen war. Es saß mitten auf Kafkas Nase und rührte sich nicht. Kafka jedoch schien in Panik, die dunklen Augen, zur Mitte verdreht, starr auf das Wesen gerichtet und zitternd am ganzen Leib. Ich entfernte es und Ruhe war. Kein Ton, keine Dankbarkeit. Bald schon war er wieder zu seiner in sich selbst versunkenen Art des Spazierengehens an meiner Seite zurückgekehrt. Seit sechs Monaten wohnt Kafka jetzt bei uns. Als mich neulich ein Nachbar ansprach, auf meinen Begleiter zeigte und fragte, wie sein Name sei, sagte ich: Kafka. Der Nachbar lachte und meinte, das sei ein saublöder Name -für einen Hund.

2 Kommentare

Eingeordnet unter -, prosaisch

2 Antworten zu “Kafkas Todestag

  1. schifferw

    Müssen wir da aber nicht noch einen Monat warten? Ich fürchte, er wurde am 3. Juli geboren – und starb an einem 3. Juni, im Jahr 1924. Mir ist dieser Irrtum auch passiert. Aber es ist doch schön, dass wir ihn lieber ins Leben treten sehen…

    • Verrückt, worauf man so reinfallen kann…! Ich danke für diesen Hinweis. Naja, einen Todestag kann man zwar nicht unbedingt feiern, aber begehen…Ändern wir also mal schnell die Einleitung des Eintrags….Vielen Dank und beste Grüße

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