Konzert ohne Dichter, Klaus Modick

modickMal wieder ein Bestseller.
Konzert ohne Dichter von Klaus Modick ist ja wirklich auch mal beim Leser sehr erfolgreich. Wie immer bei Modick, (Jahrgang 51) der jetzt wieder in seiner Geburtsstadt Oldenburg lebt, ist der Stil süffig, aber nicht ohne literarischen Anspruch und -wie auch schon zuvor- greift der Autor bei seinem Stoff auf reale Geschehnisse und reale Figuren zurück. Konzert ohne Dichter nun könnte DER große Worpswede- Roman werden, denn alle dort angesiedelten und heute noch verehrten Maler sind darin porträtiert. Heinrich Vogeler, der als Hauptfigur fungiert, Overbeck, Modersohn und Frau, die Bildhauerin Clara Westhoff und eben auch ihr prominenter Ehemann: Rainer Maria Rilke, dessen „Freundschaft“ und Verbindung zu Vogeler im Zentrum steht.

Vogeler, der immer wieder über sein „Meisterwerk“ DAS KONZERT resümiert, weiß, dass gerade dieses Bild ein Problem hat. Er stellt fest, dass er Musik nicht malen kann und fragt sich, ob das überhaupt möglich ist. Dass Rilke aus diesem Porträt der engsten Vertrauten getilgt ist, hat ebenfalls seinen Grund….Ein wenig hat Modick das gleiche Problem, wenn er versucht, über Malerei zu schreiben. Das Übertragen eines künstlerischen Mediums in eine anderes hat eben seine Tücken. (Wie sagte schon der große, wenn auch völlig anders geartete William Burroughs: Über Musik schreiben ist wie über Architektur tanzen“) Und so gerät manche Passage über die Bilder Vogelers und seiner Kollegen etwas zu sehr in Richtung Bildbeschreibung in der Schule. Aber seine Landschaftsbeschreibungen, seine Charakterisierung Rilkes und Vogelers, auch die der vielen Nebenfiguren und sein Porträt der Zeitumstände sind durchaus gelungen und unterhaltsam.

Heinrich_Vogeler_SommerabendÜberhaupt gefällt mir das alles recht gut- zumal ich eine Neigung zu Romanen mit realen Hauptfiguren habe, wie Ihr bereits festgestellt haben dürftet. Kompositorisch arbeitet Modick mit den Erinnerungen des bereits berühmten Vogelers, der allerdings erste Zweifel an seinem Konzept des künstlerisch völlig durchstilisierten Lebens hegt. Es gibt geschickt eingeflochtene Rückblicke und über Recherche brauchen wir bei Modick gar nicht reden- das ist alles sehr gut und gründlich gemacht. Und Rilke kommt herrlich unsympathisch, fast durchtrieben und wie ein Scharlatan herüber- wenn auch sein lyrisches Genie unangetastet bleibt. Die Sympathie, bei allen Schwächen, liegt eher bei Vogeler. Ich höre allerdings schon Kritiken, denen das alles zu viel norddeutsches Idyll ist, zu viel Flora und Fauna, zu viel Plattdeutsch. „Landlust-Literatur“ -Das hatten wir ja gerade bei Jan Wagner! Aber: Es muss ja nicht alles immer so berlin sein…. Oder?

Mein Fazit lautet: eine angenehme, handwerklich großartige Lektüre mit zeit-, kunst- und literaturgeschichtlichem Hintergrund. Wie schon bei Modicks Roman Sunset über Lion Feuchtwanger schätze ich seine Fähigkeit, genaue Recherche und interessante Charakterstudien zu verbinden, Zeit- und Milieuporträts zu schaffen, die Lust auf weiterführende Lektüre machen. Mit Konzert ohne Dichter im Gepäck sollte man natürlich einmal ins Teufelsmoor fahren, um es an den Originalschauplätzen zu lesen- ob es nun die, wie die Werbung es nennt: Chronique scandaleuse des Künstlerdorfes ist, sei dahingestellt. Dafür fehlt es wohl doch an sensationellen neuen Enthüllungen- aber braucht es die immer?

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