Künstlich aufgeblasen?

hand-halt-ein-buch

Neulich hatte ich eine interessante kleine Diskussion mit einer Leserin, die der Meinung war, aus den allermeisten Büchern könne man problemlos einen großen Teil, der nichts mit der eigentlichen Handlung zu tun habe, streichen. Die meisten Autoren würden ihre Romane künstlich „aufblasen“. Als Beispiel führte sie Kruso von Lutz Seiler an. Der Leser müsse nicht über jede Schnapssorte der DDR informiert werden- es habe keinerlei Belang für die Handlung und somit wäre Kruso ein besserer Roman, hätte der Autor sich all diese ausführlichen Abschweifungen verkniffen und ein schmaleres Werk vorgelegt…
-Wie seht Ihr das? Doktor Faustus von Thomas Mann zum Beispiel: ohne musikhistorische Exkurse ein besseres Buch? Nerven Euch Ab- und Ausschweifungen von Autoren? Wäre weniger manchmal mehr?
Ik bün jespannt!

13 Kommentare

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13 Antworten zu “Künstlich aufgeblasen?

  1. einerseits: wenn ich größere texte überarbeite, möchte ich auch am liebsten 90% als „nicht relevant“ zusammenstreichen.
    andererseits: was bliebe denn da für ein blutleeres, armseliges gerüst übrig – wenn dann überhaupt noch was übrigbleibt?

    … aufblasen hin oder her: hier kann man ja wohl nicht alle details über einen kamm scheren. wenn sie schön zu lesen sind, wenn mich die beschreibung der 30. schnapssorte immer noch fesselt – was schert mich die unmittelbare relevanz für die handlung?
    stimmung hat eine ganz eigene relevanz und ist für mich als leser die halbe miete. da liebe ich nicht die bücher mit der galopp-handlung (es sei denn, der autor schafft die hemingwaysche „for sale: baby shoes, never worn“-dichte), sondern die, die mich mit ihrer atmosphäre einfangen.

    PS: natürlich gibt’s auch bücher, die definitiv gekürzt werden könnten. was habe ich bei irving nicht schon alles übers ringen gelesen und bei goosen über doppelkopf… andererseits: es gehört auch irgendwie dazu. wer nur schnell durch handlung preschen will, der kann sich ja auch einen lektüreschlüssel oder einen happen wikipedia zu gemüte führen 🙂

    • Danke Sabine! Ich verstehe, was du meinst. Also macht es die Balance?! Wie sehen es die Anderen wohl?

      • ich sag mal so: wenn einer nichts zu bieten hat als schnapssorten, dann ist die relevanz des romans zu hinterfragen 😀 vielleicht hätte es dann eher ein spirituosenguide getan?

      • …es ist ja wohl auch generell eine Frage der „Temperatur“ eines Textes. Wenn es ein schneller, kurzatmiger, ereignisreicher ist, dann werden Exkurse eher als Unterbrechung wahrgenommen werden- ist es ein langsamer, präziser, aus Beobachtungen und Eindrücken komponierter Text, sind sie wohl eher ein Puzzlestück bei der Erschaffung einer Stimmung und einer Aussage, scheint mir. Oder verzettele ich mich?

      • nee, genauso denke ich das auch. wenn man z.B. in der abschlussszene eines thrillers ist, soll der protagonist bitte seine trinkgewohnheiten für sich behalten und zur sache kommen.
        man kann’s halt nicht über einen kamm scheren – wie (fast) alles.

  2. Witzige Vorschläge…mit den genannten Streichungen (Schnaps raus) wäre das ein anderes Buch. Eigentlich mit jeder Streichung.
    Es mag mir als Leser zu abschweifend sein – aber der Schriftsteller hat es eben so geschrieben und nicht anders.
    Da kann ich eigentlich der Leserin, die dies vorschlug, nur raten, ihre eigenen Bücher zu schreiben…ganz kurze, auf die Handlung reduzierte. Gebrauchsanleitungen.

    • Danke auch Dir! Ich war auch wirklich befremdet über diese Wahrnehmung. Allerdings KANN man tatsächlich mal drüber nachdenken, wie der Leser eventuell die ach-so-gebildeten Exkurse von Autoren aufnehmen. Streng genommen (nach creative writing-Schule) soll man ja kein Wort schreiben, das die Handlung nicht vorantriebe. Kürzlich beschäftigte ich mich mit Saul Bellows HERZOG, in dem zig fiktive Briefe der Hauptperson scheinbar willkürlich eingestreut sind und die Handlung unterbrechen. sie haben scheinbar keine Funktion- charakterisieren aber den Protagonisten und seine Weltsicht eben DOCH. Ein Kritiker schrieb darüber: Sie seien das Gebirge, über das man eben rüber muss, wenn man an die eigentliche Handlung will.“ Ich finde das ganz passend. Alles Gute Dir!

      • Ja, Bellows Herzog ist so ein Beispiel. ich bin auch gerade mittendrin in so einem überbordenden, abschweifigen Buch (Murmeljagd, Ulrich Becher, spielt sogar im Gebirge). Für mich sind das erst die reizvollen Bücher – mit denen man manchmal auch kämpft, aber ebenso konzentriert dabei bleiben muss. Was würde die Leserin denn nur aus dem Joyce-Werk machen, frage ich mich?

      • „Mann geht durch Dublin“, vermutlich. Fertig! Ich mag diese Herausforderungen auch und bin schon auf so viele „Abschweifungen“ gestoßen, die mich phasenweise mindestens ebenso gefesselt haben wie die Handlung selbst- Ich wollte sie nicht missen! Vielen Dank noch mal!

  3. Jede Abschweifung ist Teil des Buches und machen es lesenswert. Es ist dem Autor wichtig und somit trägt es indirekt zur Handlung bei. Auf keinen Fall möchte ich diese Exkurse missen!

  4. Vielleicht kann man sagen, dass es die Bücher „bunter“ (im positiven Sinne ) macht.

    • Danke Susanne, diese Sichtweise passt bei einer Künstlerin! Ich vergleiche gern mit Bildender Kunst: Würde man bei Manets „Nackter Maja“ zum Beispiel sagen: die Nackige genügt, um dem Titel gerecht zu werden- den dunkelhäutigen Diener mit Blumen und das Tuch und so weiter brauchen wir nicht“? Es wäre ein anderes Bild- auch eine Nackte, aber weniger stimmungsvoll, nicht wahr?

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