Frühling = Lesezeit -4 neue Titel, kurz & knapp-

Auch der Frühling mit der Leipziger Messe und seinen zahlreichen Neuerscheinungen ist LESEZEIT! Durch diese 4 neuen Romane fraß ich mich in den letzten zwei Wochen- zum Teil gefesselt, zum Teil latent unbefriedigt, mitunter begeistert. Kurze Resümees:
wolf
Angetan war ich bei Julia Wolfs Roman: Alles ist jetzt, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, besonders von den sprachlichen Fähigkeiten der Autorin (*1980). Kurze, prägnante Sätze, die dennoch biegsam und variantenreich daherkommen. Die Geschichte der jungen Protagonistin ist von Enttäuschungen geprägt: vom Vater früh, von der Mutter dauerhaft enttäuscht, vom Freund lieblos zurückgelassen, lebt sie ziellos und scheinbar Gefühle vermeidend vor sich hin. Als einziger Anker und Anlehnungspunkt fungiert der Bruder. Großartige Szenen, wie etwa das Treffen mit dem längst neu verheirateten Vater im Café, bei dem sie heimlich und vom in völlig anderen Gedanken verstrickten Vater unbemerkt, den ihr mitgebrachten Nelkenstrauß verspeist;- oder einige Schilderungen eines Besuches bei der absolut unerträglichen, alkoholkranken Mutter. Auch die als Kontrast durchaus geeigneten skurrilen Szenen im Live-Strip-Club, in dem Wolfs Protagonistin ihr Geld an der Bar verdient, sind generell gut gedacht.
Im Grunde sind die merkwürdigen und bunt gewürfelten Charaktere dort auf gewisse Weise ihre eigentlich Familie- bis auch diese sie verrät. Am Ende steht ein Aufbruch.
Sicher bin ich mir nur nicht, ob Entwicklungsgeschichten junger Frauen immer derart stark auf (oft gefühlsentleerten und derben) Sex fixiert müssen; von Drogen einmal abgesehen. Hier fühlte ich mich stellenweise alt und provinziell. Aber Julia Wolfs Beobachtungsgabe und sezierende psychologische Darstellung menschlicher Defizite hat mich beeindruckt.

pofalla

Alt und provinziell hätte ich mich auch bei Boris Pofallas Roman Low (Metrolit) fühlen müssen. Der Autor, geboren 1983, studierte Kunstgeschichte und Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, ist Autor und Kunstkritiker der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und schreibt außerdem für das Kunstmagazin Monopol.
Die Verlagswerbung fragt dann auch sinngemäß, ob man noch eines weiteren Berliner Szene-Roman von einem jungen Journalisten bedürfe und beantwortet dies mit Ja: Wenn er derart gut gemacht sei wie Pofallas Debüt.
Tatsächlich dachte ich auf Seite 118, ich habe nun genug Berlin und Drogen gehabt- aber die Geschichte des Ich-Erzählers, der auf der verzweifelten Suche nach seinem urplötzlich verschwundenen Freund und Mitbewohner von a nach B irrt und C und D und E und F trifft, ließ mich letztlich doch nicht los. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass ich unbedingt wissen wollte, was mit eben diesem Moritz, um den alles kreist, geschehen ist, sondern an Pofallas flüssiger und lakonischer Sprache, die frisch und echt herüberkommt. Trotz ständiger Szene-Partys mit reichhaltigem Drogen-Buffet, abgedrehten Charakteren aus dem Club- und Künstler-Milieu, wirkte Pofallas Erzähler auf mich authentisch und interessant- vielleicht eben WEIL er zwar schnupft und raucht und schluckt, was kommt-sein Antrieb aber ein zutiefst verständlicher und „normaler“ ist: er sucht seinen sehr sehr engen Freund, an dem er sich abglich, an dem er wuchs und der ihm Halt gab. Die Andeutungen einer gewissen Homoerotik wollen nicht unterschlagen sein, bleiben aber unklar; ebenso wie Moritz` letztendlicher Verbleib.
Als Fazit bleibt: auch wenn für mich, als westfälischem Wohngebiets-Eremiten, die Beschreibungen der hippen Berliner Großstadt immer ein wenig wie Feldforschungen eines Anthropologe bei mir völlig fremden Stämmen wirken, hat mich das alles unterhalten und stellenweise auch berührt. Auch hier steht am Ende ein Aufbruch.

wlad

In gewisser Weise lag mir da die Lebenswelt von Doris Knechts Protagonistin Marian in Wald (Rowohlt Berlin) deutlich näher. Hier geht es zunächst nicht um einen Aufbruch- vielmehr um einen Rückzug. Nach Gruber geht und Besser ist Wald Knechts dritter Roman. Marian war eine aufstrebende Mode-Designerin mit eigenem Label, Freunden, einem gewissen Erfolg und all den Attributen, die man modernen Großstädtern zuschreibt: einer schicken Wohnung, einem ökologischen Bewusstsein und einer gewissen Nervosität- bis die Krise kam. Stück für Stück muss Marian alles opfern; schlecht beraten von ihrem Finanzberater und zu lange blind für die verheerende Situation geht alles den Bach runter. Letztlich bleibt ihr nichts als das ererbte Häuschen ihrer Großmutter auf dem Dorf, mitsamt dem Eingemachten und etwas Land als Refugium. Hier, von den Dörflern angefeindet, ausgehalten vom hochangesehenen Landbesitzer Franz, dem sie bald gegen Schutz und gelegentliche Hilfestellung sexuell zu Diensten ist, verbringt sie zunächst einen schlimmen Winter, lernt nur allmählich, sich mit Erde, Angel und Flinte selbst zu ernähren und die Einsamkeit zu schätzen. Hier, in Rückblicken auf ihr früheres Leben, reflektiert Marian ihre Herkunft, ihre Karriere und die Fehler, die sie hierher geführt haben.
Zunächst könnte man an Haushofers Wand denken -schließlich trennt die Wand vom Wald nur ein Buchstabe, aber dies ist ein völlig anderes Buch. Letztlich geht es fast weniger um Marians Zurechtkommen im Wald, der m.E. etwas kurz kommt, als um Marians Antriebe und Entwicklung.
Ich mag Doris Knechts manchmal bissige, manchmal harte und manchmal spielerische Sprache sehr, finde aber, dass sie das logische Herauswachsen eines Charakters aus der eigenen Familiengeschichte und die Verstrickungen des sozialen Miteinanders in ihrem vorigen Roman Besser -nun ja- besser und intensiver dargestellt hat. Dennoch hat mich Wald sehr gut unterhalten und auch die Sozialkritik light, war weder peinlich noch oberflächlich, was einzig Doris Knechts Können geschuldet ist. Hilfreiche Tipps zum Überleben in der Wildnis fallen folglich weitestgehend aus- aber dafür gibt es ja Rüdiger Nehberg! In Wald bekommt man dafür ein feines Porträt einer Gescheiterten, die letztlich etwas findet, in dem sie -ganz ohne fremde Ansprüche an sich selbst- zufrieden ist.

bilkau

Noch viel glücklicher bin ich mit Die Glücklichen von Kristine Bilkau (*1974), erschienen bei Luchterhand. Möglicherweise, weil mir die Lebenswelt der Protagonisten vertrauter ist. Ein Paar, dann Vater-Mutter-Kind. Leise, aber genau und einfühlsam schildert Bilkau das Leben eines jungen Ehepaars, in dessen Leben mit dem Nachwuchs viel Freude, aber auch neue Herausforderungen treten. Gar nicht so sehr finanziell; auch das wieder Ankommen im Beruf, das Familienpolitische ist nicht so sehr Thema, wenn es auch geschildert wird, denn die Stadt, die Welt ist nichts für Versager! M.E. mehr im Zentrum stehen die Veränderungen in der eigenen Wahrnehmung, der Wahrnehmung des Gegenübers und die Frage nach der Definition der eigenen Person in den verschiedenen Rollen. Ein weiterer Strang sind die beruflichen Nöte der beiden. Isabell ist Cellistin in einem Orchester, aber seit Längerem von körperlichen Einschränkungen geplagt, die ein Andauern ihrer Karriere bedrohen. Georgs Zeitung ist defizitär und auch hier schwelt es. Aber Die Glücklichen hebt nicht vordergründig auf Gesellschafts –oder Globalisierungskritik ab, sondern fixiert sich auf das Persönliche, was mir außerordentlich gut gefällt. Es ist ein Familienroman, im Sinne der Darstellung der ehemals heiligen Dreifaltigkeit von Mann/Frau/Kind, aber auch im Aufbröseln der Generationen davor und deren Antriebe. Während Isabells Mutter sich früh abgesetzt hat, um ein selbstbestimmtes Leben zu führen, in dem die Tochter kaum vorkommt, bemüht sich Georg um seine mittlerweile kränkliche und vom Verlust des eigenen Geschäftes geprägte einsame Mutter. Eine weitere Rolle erwachsener Kinder, unmittelbar angehängt an eine Zeit als Märchenpaar ohne weitere Bindungen. Leben mit Kind oder Kindern, die plötzliche und ungefragte Einbindung in einen „Verein“, von dem man gar nicht weiß, ob man sich dessen Statuten fügen oder sich daran orientieren will; das Dürfen und Müssen, das Bild der „guten“ Mutter oder des „guten“ Vaters und die Erwartungen des „Draußen“ , sich bei aller Verschmelzung als Person nicht zu verlieren, letztlich die Liebe mit Zusatzfunktion- all das sind Themen, die dieser Roman großartig angeht und umsetzt. Isabell und Georg wollen es „gut“ machen, aber wer definiert gut? Diesen Frühling bisher mein Favorit!

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