Hancock & Coldspin

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hancock war schwebstoff, tauchte überall auf, wo es knallte. war nie vorher  zu sehen und auch seinen aufstieg hatte nie jemand bemerkt. einzig sein abtrudeln aus dem aufwirbelnden staub war deutlich nachvollziehbar, bis er aufschlug auf der erde. wenn es wieder ruhig wurde,verschwand auch hancock bis zum nächsten großen knall irgendwo auf dem erdball. er war kein vertriebener, kein flüchtling, im gegenteil: hancock, der mit den katastrophen reiste, war immer in der katastrophe daheim. es konnte anders nicht sein. er lebte in der verwirrung, aß angst und trank verzweiflung. hancock und sein erscheinen waren sichere symptome für ein ungleichgewicht. sah man hancock, hieß es: laufen, obwohl man wußte, man wäre besser bereits fort gewesen, bevor man ihn erblickte. Es konnte in feuchten dschungeln oder in sandigen wüsten; inmitten von häuserschluchten von städten geschehen- niemand wußte, woher hancock kam oder wo er wohnte. wenn es vorrübergehend vermeindlich still war, was es in wirklichkeit niemals war, denn irgendwo schwelte immer etwas, staute es sich oder braute sich zusammen. immer verschoben sich irgendwo kräfte, mischte sich schlechtes mit ungutem in ungünstigem verhältniss. hancock, der nie entspannte, verfolgte all dies auf seinen monitoren und karten, behielt seine seismographen im auge und war, wenn es soweit war, unmittelbar bereit. mit hancock wurden die wetter schlagend, allerorten. er witterte diese ladung in der luft, fortwährend. am meisten liebte er die zustände der hartnäckigen, andauernden scharmützel, weniger die sich heftig und kurz entladenden stürme von aggression.

nur coldspin kannte hancocks namen, denn auch coldspin war einst ein schwirrender teil der verwüstung gewesen, bevor er erkrankte. eine infektion wie die coldspins führte unweigerlich zum ausschluss, kam mitunter, sogar häufig, einer vogelfrei-erklärung und liquidation gleich und wurde nicht selten bereitwillig von den erkrankten selbst vollstreckt. die meute, deren teil hancock und coldspin waren, reagierte auf den kranken teil seiner selbst mit radikaler bekämpfung, aussonderung und vernichtung. der schwarm behandelte seine schwächsten glieder wie ein organismus, der eine kranke zelle bekämpft. So erging es auch coldspin. er verließ den schwarm und viele glaubten, er sei gestorben, während andere hofften, er sei es nicht und ihm wünschten, dass er leide- was er tatsächlich tat. er hatte sich in hochländer zurückgezogen, in felsspalten und schließlich in vorrübergehend befriedete wälder; hatte mehrfach seine refugien, rechtzeitig von seinen alten instinkten gewarnt,  gewechselt und war mittlerweile einigermaßen genesen, abgesehen von der völlig beschädigten lunge und den rußigen und rissigen innenseiten seiner hände, die auch nach mehrfachem waschen nicht mehr rein werden wollten.auch war da dieses sirren in seinen ohren, unter jedem frühlingshaften zwitschern, unter jedem geplätscher friedlicher bächlein und unter dem wohligen, sommerlichen geschnatter der menschen in parks, die, wie coldspin wußte, in bestimmten situationen ideale aufmarschgebiete sein konnten. er bemühte sich, das alles zu ignorieren und schließlich war damit zu leben. dennoch ließ coldspin seine vergangenheit nicht los. wenn im herbst die laubfeuer loderten, alamierte der brandgeruch seine sensoren noch immer, auch nachts. der geringste gereizte unterton im wortschwall einer mutter, eines beamten oder in einer öffentlich erklärung, versetzte ihn in bereitschaft, sosehr er sich um entspannung bemühte. er praktizierte za-zen und yoga, ernährte sich gesund und achtete dennoch auf gelegentliche sünden als belohnung, lebte recht, tat recht und sein karma reinigte sich täglich. desöfteren hatte er geglaubt, frühere kollegen kurz völlig still stehend im gewühl oder in gleicher schrittfrequenz wie andere passanten auf plätzen oder in großen räumen gesehen zu haben. von der erinnerung an ihre bulligen und dennoch geschmeidigen  körper war er sozusagen tätowiert. doch bevor er sich gewiß werden konnte, war der fluß der menschen bereits weitergezogen oder urplötzlich der platz leer und friedlich, ohne, dass er jemanden konkret hätte erkennen können.

hancock war nicht krank, im gegenteil: seine beweglichkeit, seine durchschlagskraft waren trotz seiner mittlerweile mehrjährigen tätigkeit im schwarm immer noch auf der höhe ihrer möglichkeiten, beinahe besser als früher. sparsam und wirtschaftlich mit seinem furor, knapp in dessen ausführung, war seine effektivität unvergleichlich. er erschien,machte sein ding und verschwand: ohne sich, wie manche jüngere, zu brüsten oder, manch andere, zu reflektieren und zu zaudern, hinauszuzögern, was unausweichlich erfolgreich sein würde, um dem ganzen wenigstens einen gewissen reiz abzugewinnen. ein weiterer vorteil hancocks war seine akribische vorbereitung. kam ein einsatzbefehl, war allen bereits klar, dass hancock längst marschbereit war und über umfangreiche kenntnisse der lage und der anforderungen verfügte. während andere im schwarm die wenigen stillen und untätigen stunden ihrer arbeit damit verbrachten, dumpf vor sich hin zu brüten oder sich gegenseitig zu quälen, war hancock in diesen zeiten stets unterwegs, um schauplätze zu entdecken, die als potentielle neue arbeitsfelder in frage kamen, studierte atlanten und geschichtsalmanache, las die tagespresse mit einem blick, der alle hauptworte mit dem anfangsbuchstaben K besonders stark wahrnahm, inklusive aller möglichen diplomatischen synonyme. traumwandlerisch sicher fand sein Auge in den blättern die worte: Katastrophe, Konflikt, Konfrontation, Kontrahent, Krise, Kollaps und das ultimative K-wort, das man definierte als bewaffnete auseinandersetzung zweier parteien.

coldspin tat seine reise, die man guten gewissens auch als fortwährende flucht bezeichnen könnte, obwohl er selbst sie keineswegs als solche empfand, mit leichtem gepäck. nur wenig nahm er von der großen öffentlichkeit wahr- wollte nur möglichst wenig davon wahrnehmen. er mied die presse, verschloss seine augen gegen die überall einstürmenden bilder und seine ohren gegen die allgegenwärtigen informations- und kaufimpulsgewitter, er sah den menschen, denen er begegnete ins gesicht, das genügte ihm. es waren blicke, die niemand erwiderte, denn coldspin war, wie erwähnt, ein gezeichneter und, dem ersten anschein nach, wenig attraktiver oder vertrauenserweckender mann. darüber hinaus führte er sich nur informationen aus quellen zu, die er  immer und als einzig gedrucktes in seinem sonst spärlichen gepäck mit sich trug. bhagavat-gita, bibel, koran und pali-kanon. von jedem nahm er eines für jeweils einen monat mit auf seine ausgedehnten wanderungen, so dass er im laufe eines jahres alle je drei mal studiert hatte. er markierte worte darin, die ihm als mantra dienten, jeweils für die dauer der lektüre. er markierte Achtsamkeit, Nächstenliebe, Gelassenheit und Demut, markierte Verzicht, Friedfertigkeit und Mitleid. hatte er sie anfangs, noch unter dem einfluss der doktrin seiner ehemaligen dienstherren, lernen müssen wie vokabeln einer fremden und fernen sprache, gingen sie ihm nun flüssig von der zunge und hatten sich mitlerweile eines nach dem anderen mit bedeutung gefüllt.

unter umständen waren es hancocks übermäßig ausgebidleten ahnungen, seine besonderen fähigkeiten, seine überlegenheit und perfektion, die ihn dazu gebracht hatten. Vielleicht hatte sich hancock zu weit an die peripherie des kraftfeldes gewagt, das ihn und seine kollegen schützte und nährte.vielleicht war die gegend, die er anhand zahlreicher versteckter und nur ihm allein deutlich werdener hinweise als möglichen neuen krisenherd ausgemacht hatte, doch noch zu gesund und nur ganz latent vom virus unterwandert, von dem hancock sich näherte und den er wiederum durch seine anwesenheit wachsen ließ. Vielleicht hatten auch spuren einer vertrauten aura ihn hierher geführt, den jagdtrieb befeuert. fern der meute sich seiner unsichtbarkeit jedoch vollends sicher erreichte er diesen einen ort und traf, ganz gegen seine gewohnheiten, unvorbereitet auf einen alten bekannten oder den schatten dessen.

wechselnde winde gingen.

geruch von schwefel   und duft von den wiesen.
ganz gewöhnliche noten von nahen fabriken  im alltagsgeschäft

spuren von etwas, was den ausdünstungen von schweißarbeiten ähnelte.

dann wieder Weizen, wie gewohnt gemäht. gras.

auf dem platz: hancock,
niedergeschwebt, lautlos, aus dem nichts, vermeindlich.

ebenfalls dort, am rande:

coldspin, versenkt, wie gewöhnlich,
in eine seiner temporären Lektüren
und seit dem aufstehen von schmerzen in den gliedern gequält

der eine schwieg

der andere sagte nichts.

dennoch erkannte man sich:

der eine den anderen
wie eine lang erwartete angst

der andere den einen
wie etwas ohne dringlichkeit gesuchtes
.

hancock berufsbedingt
und aus erfahrung schwer für die umstehenden auszumachen.

coldspin in seinem wesen
und aus gutem wissen
erfolgreich um nichtbeachtung bemüht.

annäherungen, umkreisungen. aussendung von botenstoffen und tastende suche nach schwachstellen,
die der eine wohl verbarg, der andere in ihrer fülle nicht versteckte und nicht zu verstecken gewillt war.

erregtes, plötzlich murrendes gemurmel der umstehenden,
selbst nichts ahnend vom grunde
des umschlagens der eigenen stimmung;

gegenüber weiter ausgeglichenem
und freundlichem geplapper der unberührten am anderen ende.

wechselnde übergewichte.

sirenen vorbeifahrender einsatzwagen
und in sorge befangene gaffer:
ohne ihr wissen den einen befeuernd.

andererseits:
einvernehmlichkeiten
und freundliches bemühen um andere,
ebenso unwissend das klima neutralisierend.

niemand niedergeworfen,
niemand verletzt, wohl getaumelt,
verdreht, in seinen achsen unsicher,
in seinem wesen unschlüssig geworden
von den unbestimmt wirbelnden kräften
im inneren der vertrauten szenerie.

Hancock: um professionelle, effeziente vernichtung bemüht und zunehmend rasend wegen der nur latent und unterschiedlich starken trägermaterie: ansatzweien aggressionen, zunehmend spitzeren tönen, unfallgefahren und der gewaltbereitschaft vorbeigehender verzweifelter charaktere.

coldspin: um ausgleich, vermeidung und ruhe ringend, nicht überlegen, strauchelnd, doch vom vorhandenen ruhigen Strom der normalität unterstützt: vom geklingel der türen der läden, von gebäckgeruch, vom herüberwehenden geräusch der tobenden menge auf dem pausenhof der benachbarten schule.

keine tode.

unerklärliches unwohlsein hier und da,
vereinzelte vorrübergehende verwirrungszustände.
eine atmosphäre auf dem platz, die man für einige stunden unbewußt mied. leichter brandgeruch.

keine siege, keine kapitulationen.

wäre hier oder dort von flucht zu sprechen?

hancock verließ den ort

coldspin ging seiner wege.

der eine frisch infiziert

der andere schon lang beschädigt.

 

Ein Kommentar

Eingeordnet unter -, prosaisch

Eine Antwort zu “Hancock & Coldspin

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