Im Hotel le stylo gris

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Es waren epische Tage mit einem ausgelassener Ausklang auf der weitläufigen Außenterrasse des Hotels le stylo gris. Das Wetter war gut, die Verköstigung reichlich und an geistreichen Getränken herrschte kein Mangel. So war es ein Leichtes, die Teilnehmenden des diesjährigen Talentwettbewerbs zum Gruppenfoto zu versammeln. Die Stimmung war entspannt und würde im Laufe des Abends noch weiter an Verkrampfung verlieren. Dennoch waren die vereinzelten Abneigungen einzelner Kandidaten gegenüber anderen nicht zu übersehen und schlugen sich folglich auch in der hier zu sehenden Aufnahme nieder.

Am Rand der österreichische Soldat auf Urlaub dachte nur an seine Schwester und wirkte generell abwesend.Der Prager neben ihm bemühte sich redlich, den Mann im Mantel neben sich, der penetrant nach Mottenkugeln roch, nicht wahrzunehmen, der wiederum diesen stoisch ignorierte. Dagegen duftete der junge Stenz im billigen Anzug nebendran seinerseits nach Aal, rauchte Kette und bat hier gerade den ihm unbekannten greisen Herrn neben sich zum wiederholten Male um Feuer, was diesen zunehmend wünschen ließ, er sei zu Hause geblieben. Der Kaffee sei dort ohnehin besser.

Mittig sehen wir nicht den Kursleiter, sondern einen Teilnehmer aus der fernen Bukowina, der sich immer wieder routiniert in den Vordergrund stellte und besonders bemühte, den Damen in der Runde näher zu kommen. Wer den hemdsärmeligen Kerl mit dem Koffer eingeladen hatte, wußte keiner. Es wollte keiner gewesen sein; doch da er ohnehin fast den halben Tag in Unterhosen meditierte und mit kaum Einem ein Wort sprach, störte er wenig.

Der Preis für das beste Kostüm war, wie man sehen kann, bereits vergeben und der Preisträger aus der Schweiz weigerte sich beharrlich, es für den Rest der Veranstaltung wieder abzulegen. Während sein Landsmann, der Herr in Schwarz neben ihm, dies zu ignorieren bemüht war, versetzte die Dame aus Wuppertal ihm immer wieder missbilligende Blicke; vermutlich,weil sie nur den zweiten Platz hatte holen können, was ihr noch nie zuvor passiert war. Ganz rechts steht übrigens ein etwas angeschlagener Herr mit sonderbarem Namen, dessen einfallsreiche Herkunft er Jedermann zu erklären anbot, die allerdings niemanden interessierte.

Wie schon erwähnt, wurde ausgiebig getrunken und geraucht; in dieser Disziplin wäre jeder der Finalisten preiswürdig gewesen. Mit der größten Eleganz hielt sicher der Ire in der mittleren Reihe links, seine Zigarette. Neben ihm liest hier gerade ein gelangweilter Gast aus Paris im örtlichen Telefonbuch. Daneben überlegt der älteste der Teilnehmer, was es wohl zum Abendessen geben wird und wo er wohl wieder seine Zähne gelassen hat. Letztlich hat er sie nicht wiedergefunden, was ihn aber zu späterer Stunde vom Singen deftiger Lieder nicht abhielt.

Völlig blau war bereits der junge Mann, der in der vordersten Reihe gerade noch zum Liegen in der sprachlich sehr passenden Lage war. Glasigen Blicks und mit schwerer Zunge bemühte er sich immer wieder, den beiden Blondinen in der vordersten Reihe näher zu kommen. Diese jedoch erzählten sich lieber Männer-Witze und tauschten Backrezepte, was wiederum den älteren Herren am rechten Bildrand zunehmend verärgerte. Er war bereits ganz zu Beginn der Veranstaltung und danach wiederholt für den Kellner gehalten worden und hatte zum Zeitpunkt dieser Aufnahme bereits beschlossen, nie wieder an einem solchen Wettbewerb teilzunehmen.

Wie dem auch sei: der Ausgang der Veranstaltung ist bekannt. Wegen eines eilig heranziehenden und sich im Anschluss heftig entladenden Gewitters musste der Rest des Abends leider im Saal stattfinden. Letztlich konnte kein Sieger gekürt werden, da einzelne Gäste sich beharrlich weigerten vorzutragen, andere dazu zu betrunken waren und generell der Saal und das gesamte Gebäude so vernebelt vom Tabakqualm, dass ein Großteil der Jurymitglieder und Zuhörer nicht in der Lage waren, ihre für sie vorgesehenen Plätze zu finden und einzunehmen.
So musste und muss es vorläufig bei der Vorfreude auf das nächste Jahr bleiben, wenn hoffentlich wieder zahlreiche Kandidaten ihren Weg finden- ins Hotel le stylo gris.

(zu sehen sind:
Obere Reihe von links nach rechts: Georg Trakl, Franz Kafka, Thomas Mann, Wolfgang Borchert, Gottfried Benn, Elias Canetti, Jack Kerouac, Hugo Ball, Max Frisch, Else Lasker-Schüler, Klabund
Davor, sitzend: Oscar Wilde, Paul Celan, Bert Brecht, Ingeborg Bachmann

Vorne: Dylan Thomas, Sylvia Plath, Wolfgang Koeppen)

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