Bestandsaufnahme oder: Eigentlich müssten alle meine Einträge „Gedanken zum Schreiben“ heißen

affeblogWo man hinsieht, lächeln Einen ja Erfolgsautoren an. Sie verkaufen ihre Bücher super, erhalten grandiose Rezensionen und schießen von Null in die Top Ten der Charts. Dies tun sie dann mit bunten Bildchen und gezielt gesetzten Links überall kund und man kommt fast gar nicht nicht umhin, es wahrzunehmen. Sie haben sich mit ihren Büchern Träume erfüllt, sich aus der Arbeitslosigkeit und/oder der Privatinsolvenz gerettet. So einfach ist das scheinbar. Und das alles, obwohl sie ihre Bücher, an denen sie ja immerhin eine ganze Zeit lang gearbeitet haben werden, verschenken oder für den Gegenwert irgendeines Plastikschrotts verkaufen.

Da muss man sich doch einmal die Frage stellen, ob man selbst nicht etwas falsch gemacht hat -oder sogar alles und von Grund auf.

2009 veröffentlichte ich einen Roman, wenn man das so nennen kann, denn sein Dasein fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Presse: einmal regional, zwei Lesungen vor insgesamt 25 Leuten. Absatz: ca.150 Exemplare.
In der Zeit, in der ich auf das Erscheinen wartete, begann ich einen Zweiten, der dann ziemlich zügig fertig wurde und recht kurz nach dem ersten, 2010, erscheinen konnte. Da er eine bekannte Hauptfigur hatte, die viele interessierten, und in der Region spielte, wurde dieser „Schnellschuss“ recht gut aufgenommen. Ein Radiobericht, überregional. Ein Fernsehbericht, regional. Zwei positive lokale Presseberichte. 2 Lesungen vor insgesamt 30 Leuten. Das machte dann einen Absatz von ca.400 Exemplaren.
Ich hatte zu der Zeit schon ein älteres Manuskript in der Schublade, das ich nun wieder hervorholte und komplett überarbeitete. Es war sicher mein bis dahin bester Text und der kleine Verlag, der meine ersten beiden Titel gemacht hatte, brachte ihn im Folgejahr heraus. Wir versprachen uns beide durchaus etwas davon, nach der freundlichen Aufnahme des Vorgängers. Aber der Neue hatte thematisch und stilistisch nichts mit diesem gemein und wurde ein Riesen-Flop. Eine Lesung vor 20 Leuten, zwei kleine Presseberichte. Absatz: tendierend gen Null. Ich sagte mir, dass dies vielleicht auch mit dem recht laxen Vorgehen des Verlags zu tun haben könnte und beschloß, dort nicht mehr zu veröffentlichen.

2012 erschien in einem ebenso kleinen, aber unglaublich viel sorgfältigeren Verlag ein Gedichtband. Optisch schön, inhaltlich sicher vertretbar, zumindest nicht zum Schämen. Im Gegensatz zu meinen ersten drei Büchern sauber und korrekt lektoriert und gesetzt. Nun gut, es war Lyrik und ich hatte nicht an den richtigen Schulen gelernt, wohnte nicht in Berlin und in den richtigen Zeitschriften war ich auch noch nicht gewesen. Damit konnte man das geringe Interesse begründen. Während der Korrekturarbeiten daran hatte ich zur Zerstreuung bereits einen kleinen satirischen Krimi geschrieben, der dann auch fast parallel in einem anderen Verlag, der auf so etwas spezialisiert war, erschien. Regional war das Interesse groß, darüber hinaus aber keines vorhanden.Nach dem ersten halben Jahr stagnierte der Absatz und stellte sich im Weiteren gänzlich ein.

Seit der Fertigstellung dieses Textes hatte ich an einem neuen Manuskript gebastelt, das alles übertreffen sollte, was ich bisher geschrieben hatte. Hier sollte ein Sprachfeuerwerk stattfinden und erstmals kein regionaler Bezug vorhanden sein. Doch ich geriet ins Stocken, der Stoff schien noch nicht zu Ende gedacht. Außerdem drängte sich durch einen Zufallsfund ein anderes Thema wieder auf, das ich bereits einmal in Ansätzen aufgegriffen hatte. Es faszinierte mich unheimlich und außerdem ähnelte es dem meines bisher erfolgreichsten 2. Romans. Ich ließ also das eine Manuskript liegen und arbeitete die folgenden 2 Jahre nur an dem Neuen, so intensiv und ambitioniert wie nie zuvor. Alles, was ich aus einer Familiengeschichte, einem biographischen Roman, einem Roadmovie und meinem Krimi gelernt hatte, floss dort hinein. Es ist sicher mein stärkster Roman- finde ich. Die Verlage, die reagierten, meinten jedoch: zu lang, zu flüchtig, zu speziell (obwohl er m.E. genau einigen momentanen Trend entspricht)…und ähnliches. Er ist bis heute ungedruckt.

Man kann einen Begründungsversuch starten, in dem man sich vergewissert, dass man mit einem Thema, das nicht regional zu verorten ist, in Konkurrenz mit schlichtweg allen anderen Romanen tritt. Man verläßt ein Biotop, das einem eine gewisse Aufmerksamkeit und eine gewisse Reichweite sichert und riskiert, dass einen vor Ort weniger Leute wahrnehmen als zuvor und noch dazu im Haifischbecken der Allgemeinheit bestenfalls untergeht….
Hatte ich zu viel gewollt? Habe ich zu früh veröffentlicht? Auf jeden Fall war ich mittlerweile zu alt, um als Wunderkind zu gelten, soviel stand fest. Bei meinem ersten kleinen (wirklich: klitzekleinen) Preis, den ich mit 24 erhielt, war das noch etwas anders. Ich hatte immerhin nun schon veröffentlicht, was manche Tür öffnete: zu Verzeichnissen, Katalogen, Vereinen…es zeigte sich nur, dass die meisten Räume hinter diesen Türen genau genommen menschen- und besonders leserleere Hallen waren.

In der Zeit, in der ich mich versuchte, damit abzufinden, nahm ich mein liegengelassenes Manuskript wieder hervor und arbeitete es durch. Vieles flog raus, anderes wurde ergänzt und ein Ende gefunden. Es liegt nun bei Verlagen; genauso wie der neue Band Gedichte, der in den Zeiten dazwischen entstand; für meine Verhältnisse üppig: mit über 50 neuen Texten seit meinem ersten, für dessen 40 Texte ich über 10 Jahre gebraucht hatte.

In den 5 Jahren seit 2009 habe ich also 4 Romane und einen Gedichtband veröffentlicht und von beiden Genres jeweils einen weiteren geschrieben. Einmal abgesehen von den Kurzgeschichten und Experimenten, die ich sowieso nur auf meinem Blog verschenke und Verlagen nicht einmal anbiete, denn wer druckt schließlich noch Stroys von einem unbekannten Autoren? Überhaupt höre ich von Verlagen momentan nicht viel Posititves. Zeitschriften und Anthologien nehmen hier und da einige meiner Gedichte, aber einen Band macht sowieso fast niemand mehr. Auch was die Prosa angeht, heißt es hier und da: „Nein, wir machen dieses Jahr lieber kein Buch, statt eines möglichen Flops, der uns die Existenz kosten könnte.“ Natürlich gibt es die, die sagen: „Super, machen wir! Überweisen Sie einfach 5000€ und los geht`s!“ Aber das ist nun einmal nicht meins.

Warum ich mir diese Fragen stelle? Um mich abzulenken von dem Gedanken, dass ich gerade, das erste Mal seit langer Zeit, an keinem Projekt arbeite; kein Gedicht, keine Geschichte und keinen Romanstoff im Hinterstübchen, geschweige denn unter der Feder habe. Da ist es mal Zeit für allgemeine Fragen und den Gedanken an den Sinn des Ganzen. Besonders angesichts der ausschließlich mit ihrem Erfolg protzenden Autoren. Nirgends sieht man als erfrischendes Gegenteil einmal Autoren, die ihren Misserfolg mitteilen. Ich weiß ja: Die Welt braucht nur eines weniger als Autoren- und das sind jammernde Autoren! Aber dies ist auch kein Jammern: es ist nur: ehrlich.
Dass Verkaufszahlen und Medienecho nichts über Qualität aussagen, habe ich ja selbst in genügend Beiträgen hier bereits thematisiert. By the way haben viele als „erfolgreich“ eingestufte Autoren, die deutschlandweit rezensiert werden, prozentual auf ihre Reichweite gerechnet, auch nicht nennenswert mehr verkauft.

Ich merke einfach, dass ich mich ein beträchtliches Stück weit über die literarische Produktion definiere. Ich muss dafür gar nicht konkret schreiben: wenn ein Thema ausdauernd in mir spazieren geht, eine Formulierung oder eine Metapher frech immer wieder ihren Kopf über den Berg Bügelwäsche erhebt und mir zuwinkt, dann fühle ich mich bereits tätig und einer einigermaßen sinnvollen und berechtigten Existenz ein gutes Stück näher. Ist das nicht so, fehlt etwas. Ich weiß, dass sich auf kurz oder lang etwas in der Art wieder einstellen wird und hoffe eher auf kurz. Forcieren kann man es nicht. Beklagen darf man sich nicht. In dem Moment, wo es kommt, wird dieser Stoff, diese Idee für mich die einzig interessante auf der ganzen Welt sein, selbst wenn mir schon bewußt ist, dass sich das für eben diese Welt dann bei Fertigstellung, Angebot und eventuellem Erscheinen gaaaaanz anders dastellen wird.

Wie auch immer: kann man es richtig machen? Kann man ein für soviele Teile der Spezies Mensch völlig uninteressantes, für die wirtschaft irrelevantes und eigentlich an Onanie grenzendes Geschäft wie das Schreiben von Büchern richtig machen? Machen es die Tausend lächelnden Erfolgsautoren richtig, deren Namen in der Bevölkerung noch weniger kennen als den von echten Erfolgschriftstellern -sagen wir mal- Thomas Mann? Jeder mittelmäßige Zweitliga-Fußballprofi hat mehr Fans als jeder Zweitliga-Autor. Nicht, dass das DAs Kriterium wäre, aber ein Daniel Kehlmann hat etwas mehr als 5000 Facebook-Likes, während ein Manuel Neuer bei gut über 7 Millionen liegt- nur mal so…..
Alles fließt-aber geht deshalb alles auch zwangsläufig den Bach runter?

5 Kommentare

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5 Antworten zu “Bestandsaufnahme oder: Eigentlich müssten alle meine Einträge „Gedanken zum Schreiben“ heißen

  1. da mag man gar nicht „gefällt mir“ drücken… aber kopf hoch sagen, das mag man. denn du BIST tätig und das allein kann/sollte/dürfte den grundstein dafür legen, einfach nicht aufzugeben. nur mut!
    wenn man sich doch nur nicht immer messen lassen müsste – oder messen würde.

    • Danke für`s Kopf hoch!
      Ich weiß ja: alles ist relativ und vielleicht schon übermorgen brenn` ich wieder für irgendein zweifelhaftes Produkt aus Buchstaben. Und DAS ist es letztlich, was zählt, denn genau diese Messbarkeit wollte ich relativieren
      (Das hörst du jetzt grad nicht so gern, vermutlich) Ein erschienenes Buch ist letztlich „nur“ ein erschienenes Buch unter 100 000 anderen. Und (ABER) für UNS AUTOREN in diesem Meoment das Einzige und Wichtigste. Den Rest der Welt schert es, wenn wir ehrlich sind, wenig- aber das macht nix, wenn die Welt z.B. Helene Fischer-Alben scheren. Dann ist die Welt eben in diesem Fall kein Maßstab, basta!
      Tätig sein. (Zitat)“…irgendwo Esel treiben“ (Zitat Ende)DAS zählt, wollte ich eigentlich nur sagen. Ich danke dir und wünsch dir alles gute und noch so 18 und so!

      • dochdoch, eigentlich höre ich das mit der relativierten messbarkeit sehr gern. klar, ich will das gedruckt sehen, aber es macht einen trotzdem nicht zum nabel der welt.

        was zählt (zählen sollte) ist wohl das, was man für den eigenen lebenssinn daraus macht. ob das schreiben & brennen oder das gelesen werden die rolle spielt… auf lange sicht glücklicher ist man sicher mit ersterem (auch wenn das zweite so unschätzbar schön ist).

  2. Thyra

    Lieber Matthias,

    ich habe Ähnliches mit meiner Malerei erlebt. Mich auf Museumsebene hochgearbeitet, international ausgestellt und bin doch wieder in der Versenkung verschwunden. Marketingstrategien, die funktionierten, taten es von einem Moment auf den nächsten auf einmal nicht mehr. Es verwundert mich also nicht, dass es mit der Schreiberei genauso läuft.

    Wenn ich Zwischenbilanz ziehe, dann bleibt auch bei mir eine große Portion Enttäuschung und Bitterkeit. Meine Geduld ist nicht mehr groß, meine Kenntnisse und Fertigkeiten haben (zwangsläufig) einen gewissen Stand erreicht, der mich die Stümpereien hochnäsiger Berufsanfänger kaum mehr ertragen lässt. Ich gehe selten zu Ausstellungen, lege die meisten Texte schon nach den ersten paar Zeilen wieder zur Seite (von Deinem Lyrikband schwärme ich dagegen immer noch) und ein unbeschwerter Kunstgenuß gelingt mir immer seltener. Aber natürlich, genau das treibt mich andererseits immer wieder an, es besser zu machen. Dann existiert wenigstens e i n Kunstwerk mehr, mit dem ich mich beschäftigen, das ich anschauen oder lesen mag. Ich schreibe und male mir sozusagen „meinen kleinen Bedarf selber“.

    Außerdem treibt mich das Gefühl um, dass manche Dinge gemalt oder gesagt werden MÜSSEN, also von sich aus das Recht auf Existenz haben. Als ob ich nur deren „unwürdiger Diener“ wäre, mit der Pflicht, sie auf die Welt zu bringen. Dieses Gefühl ist natürlich ziemlich irrational und kratzt schon an der Grenze zum wahnhaften Denken,
    liefert mir aber den zweiten Grund weiter zu machen.

    Was die Leute über mich denken, ist mir natürlich nicht egal. Wenn sie sich freuen, freue ich mich mit ihnen. Aber mein Bedürfnis, mich mit ihnen auseinander zu setzen, ihnen Rede und Antwort über die Beweggründe meines künstlerischen Handelns zu stehen, geht mittlerweile gegen Null. Selbst die, die mich loben, verstehen nur einen sehr kleinen Teil von dem, was ich ausdrücken wollte.
    Also auch hier Resignation und Erschöpfung.
    Allerdings würde mich ein großer Batzen Geld darüber hinweg trösten. Den Austausch mit Käufern nur auf das Pekuniäre zu beschränken, wäre schon eine feine Sache. Sehr verlockend. 🙂 Hätte ich finanziellen Erfolg, würde ich meinen Käufern noch nicht mal ein „Selfie“ mit mir gestatten.

    Lieber Matthias, Du siehst also, es geht nicht nur Dir allein so. Trost gibt es für uns nicht. Unsere Gehirne sind leider auf die Produktion von Kunst getrimmt, ob mit oder ohne finanziellen Erfolg. Da gibt es kein Entrinnen.

    liebe Grüße
    Thyra

    • Liebe Thyra, all die aufmunternden Kommentare freuen mich sehr; deiner ebenso. Du hast völlig Recht: man kann aus diesem irren Betrieb und seinen Mechanismen nicht schlau werden und höchstens temporär auf einzelnen Wellenausläufern mitreiten und sich einreden, es sei Können- dabei ist es Glück! Im Moment schaue ich dem Allen in etwa so zu wie ein Anthropologe gewissen Kulten eines fremden Stammes. Dass es vielen so geht, weiß ich- nur die wenigsten geben es zu. Deshalb denkt man immer: „Oh, dieser X oder diese Y – DIE haben es wirklich drauf!
      Befremdlich, das Ganze! Ein großer Haufen Geld würde mich übrigens auch dafür entschädigen, hehe!
      Ich weiß, dass auch m e i n Hirn mir bald sagen wird: „Ey Alter, scheiß` drauf! Du musst jetzt genau das und das machen. Es führt kein Weg dran vorbei!“ Und dann werde ich es machen, denn -wie du sagst- manche Dinge m ü s s e n gemacht werden und einer muss dann nun mal ran!

      Braucht ein Dichter Publikum, um ein Dichter zu sein?- so fragte mich ein Freund heute -ebenfalls in Antwort auf diesen Beitrag hier…..
      Ich weiß es nicht. Wahrscheinlich nicht. Wenn ein Gedicht EINEN Leser erreicht, der was damit anfangen kann, dann ist es schon gut -sagte ein mir gerade entfallener Lyriker kürzlich….da ist was dran! Und es gibt immerhin ein paar treue Seelen, die mit meinem Geschreibsel was anfangen können- DU bist seit langem darunter und das freut mich und macht mich stolz!

      Es ist ja auch nicht so, dass ich wer-weiß-wie leide, derzeit. Ich wollte nur mal ein paar Fragen stellen und manche Eindrücke festhalten.
      Mir wird nur klar, dass ich (nicht nur im literarischen Bereich) immer weniger Lust habe, gewisse Spiele mitzuspielen. (Muss das Alter sein!)

      Dank Dir noch mal für deine klugen und hilfreichen Gedanken. Machen wir einfach weiter, nicht wahr!?

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