(K)ein Liebesroman: Interview mit der Autorin Sabine Wirsching

hand_feder_04Ich freue mich, heute meine kleine Reihe mit Autoren-Interviews fortsetzen zu können. Erneut hat sich eine junge Autorin meinen Fragen gestellt, die kurz vor einem ganz großen Schritt steht- dem Ersten nämlich!
Sabine Wirsching ist gelernte Buchhändlerin (eine Kollegin also, schön!), studierte Germanistik- und Kulturwissenschaft an der Universität Bremen und ist mittlerweile äußerst umtriebig sowohl als Bloggerin (http://sabinewirsching.com) als auch als Texterin und Musikjournalistin unterwegs, u.a. ehemals als Chefredakteurin des Valve Online Music Magazine jetzt für DYNAMITE.

Heute, am 15.09., startet also Sabines großes Projekt: das Funding, das am Ende hoffentlich zur Veröffentlichung ihres Manuskriptes DRUCKSTAUEFFEKT- Soundcheck Berlin führen wird. Der kladde buchverlag aus Freiburg, mit dem sie dieses Unternehmen startet, ist der erste Verlag, der sein Programm komplett über crowdfunding finanziert. Interessierte Leser und Unterstützer können also bis zum 09.11. die erforderliche Summe für den Druck der Bücher beitragen und den Druck des Buches ermöglichen- und erhalten je nach Betrag eine ansprechende Gegenleistung: vom signierten Vorab-Exemplar über die namentliche Nennung im Buch bis zum persönlichen Event in privatem Rahmen. Dabei bietet kladde hochwertige Materialien und ein interessantes neues Vertriebs- und Marketingkonzept. Darüber führte ich dereinst ein Interview mit Verleger Jonas Navid Mehrabanian Al-Nemri, in dem er das Ganze ausführlich erklärt.
 –
kladde

Auf der Seite  http://www.visionbakery.com/druckstaueffekt gibt es dann jede Menge Informationen zu Sabine Wirsching und das Projekt: eine Leseprobe, Hintergründe und ein wirklich einmaliges Video, das das Ansehen definitiv lohnt! Dass sich auch das Mitmachen und Unterstützen lohnt, können wir hoffentlich auch mit diesem kleinen Interview unter Beweis stellen.
  (c) Justine Hogh
foto: Justine Hogh
 –

Interview

Sabine, du bist sicher ziemlich hibbelig vor diesem Montag, den 15.09.2014, nicht wahr?-Erzähl doch mal kurz warum.
 –
Eigentlich  bin ich schon seit mindestens zwei Wochen hibbelig… denn nach fast drei Monaten ist jetzt alles an Vorbereitung getan und ich kann nur noch  warten, dass das Crowdfunding losgeht und das Projekt hoffentlich  erfolgreich wird! Jetzt kann ich nichts mehr machen, oder zumindest  nicht viel, und pure Geduld ist etwas, das nicht gerade zu meinen  Tugenden gehört. Also: Jaaaaaa! Verdammt hibbelig! 
  –
Ist ja auch ein wichtiger Schritt zu deinem Buch! Bevor wir aber zum Funding und zum Konzept von kladde kommen, möchte ich erst ein paar allgemeine Fragen stellen. Das erste Buch ist ja auch ohne den spannenden Publikationsweg eine interessante Geschichte. Ich stell dir hier jetzt mal eine virtuelle Rührschüssel hier hin -bittesehr- und du wirfst mir mal alle Zutaten deines Romans hinein, mit denen nach kräftigem Umrühren  genau dein Buch herauskommt- nix vergessen, bitte!
  –
Dummheit. Sex. Liebe. Verlust, Angst und (Wieder-)Finden. Das Wunder neuer Chancen. Die Suche nach sich selbst und der Irrglaube, sich durch eine andere Person zu finden. Und eine ganze Menge Berlin!
 –
Das ist schon mal eine bunte Mischung, die Appetit macht- aber mir ist das noch ein wenig zu unspezifisch. Ein Liebesroman also? Eine Sinnsuche? Welche Rolle spielt Berlin? Vielleicht kannst du für uns, wie es die Verlagslektoren so gern haben, einmal die Handlung in zwei, drei Sätzen skizzieren?
  –
Kein Liebesroman – das haben wir bei Visionbakery ja direkt als Genre angegeben (lacht). 
Na klar geht es um Liebe, aber nach dem beliebten Berliner Ja-Nein-Vielleicht-Modell: Heute ist dieser Typ toll, morgen der nächste – es wird nichts mehr festgelegt, was einerseits großartige Freiheit bedeutet, aber andererseits auch Großstadtnächte voller Zweifel und Einsamkeit.  Meine Protagonistin macht das nach einer Trennung (die vielleicht doch keine ist), mehrfach durch. Im Prinzip hätte ich den Roman auch „Das merkwürdige Verhalten geschlechtsreifer Berliner zur Paarungszeit“ nennen können, aber den Titel gibt’s ja leider schon. 
  –
Und Berlin? Könnte das alles in Bielefeld oder Bergisch Gladbach nicht stattfinden?
   –
Nein. Vielleicht ginge eine Großstadt wie Hamburg oder Köln oder München auch, aber in Berlin liegen Wahnsinn und wunderbar näher zusammen als irgendwo sonst. Nur Großstädte bieten die Freiheit, wie meine Protagonistin ein promiskuitives Lebenskonzept zu testen, ohne dass Nachbarn oder Freunde sich das Maul zerreißen. Und diese Freiheit ist die Grundlage des Romans – die Selbstverständlichkeit und die Möglichkeiten, die nur das Großstadtleben bietet. Außerdem hab ich mittlerweile mein Herz in Berlin, das wird in dem zweiten Roman, an dem ich zur Zeit schreibe, noch viel deutlicher zum Tragen kommen.
  –
Ich verstehe. Und jetzt noch bitte ein paar literarische Einflüsse, ohne die die Autorin Sabine W. nicht so klingen würde, wie sie es heute tut…..
  –
George Orwell – keiner kann so undramatisch, präzise und klar erzählen wie er. Und: Er schreibt immer nur über das, was er kennt, das merkt man beim Lesen. Er ist immer authentisch und deswegen ein großes Vorbild.
Und Karen Duve. Für sie gilt eigentlich dasselbe, außer dass sie noch eine gehörige Portion schwarzen Humor draufpackt, die ich so noch bei keinem und keiner anderen wiedergefunden habe.
Außerdem seien Selim Özdogan und – bitte jetzt lachen! – Hera Lind genannt. Ihre frühen Bücher wie „Ein Mann für jede Tonart“ haben mich sehr getröstet als ich feststellen musste, dass ich eher ein Frauenbuch geschrieben habe. Denn im Gegensatz zu den Kürthys und wie sie alle heißen, hat die früher Hera Lind Witz, Schlagfertigkeit und Originalität. Ein Frauenbuch muss nicht pink & peinlich sein, das hat sie mir gezeigt (und vermutlich auch mein Geschlechterrollenbild nicht unwesentlich mitgeprägt, leider)
  –
Na, das verspricht ja einen interessanten Ton!
Wenn ich jetzt Klappentext-Schreiber wäre und mich für die Formulierung:
„So präzise wie Orwell, so schwarzhumorig wie Karen Duve und so schlagfertig wie Hera Lind!“ hinten auf Druckstaueffekt entscheiden würde- hättest du Bauchschmerzen oder würdest du es durchwinken?
  –
… oh Gott, dann würde ich in Ohnmacht fallen vor Freude. Vor Ehre! Vor allem! das würde ich mir auf die Stirn tätowieren und auf den Grabstein schreiben lassen! Aber ernsthaft: Wenn ich da jemals hinkomme, wäre das toll. Aber im Moment würde ich da doch noch auf die Bremse treten – das wäre ja, als wenn man seine Schauspielerkarriere mit „Titanic“ anfängt: Das zu toppen wird schwierig und ich will mich ja noch steigern.
  –
Du bist ja auch als Bloggerin und Journalistin unterwegs- kannst du Unterschiede zwischen dem journalistischen und literarischen Schreiben benennen?
  –
Bei Fiktion schreibe ich, wie mir Schnabel, Gefühl & Kopf gewachsen sind. Beim Journalismus habe ich noch unfassbar viel zu lernen – hier muss man viel offener rangehen und sich selbst deutlich zurücknehmen. Außerdem ist es noch wichtiger, den Leser bei der Stange zu halten, voll informiert zu sein und weder moralisch, noch sonstwie den Besserwisser zu machen.
  –
Wenn Fiktion ein Monolog ist, dann ist Journalismus mindestens ein Dialog: Und zwar nicht nur zwischen mir und dem Interviewpartner, sondern idealerweise auch mit dem Leser. Und von meinem Mentor kriege ich meistens auch noch Zunder (lacht). Was beide gemeinsam haben ist, dass ich teilweise wochenlang an einem Text arbeite, bis jedes Wort stimmt.
  –
Dein Buch soll also per crowdfunding finanziert werden! Die Idee ist mir persönlich ja nicht ganz neu. (Einige werden es mitbekommen haben.) Ich liste jetzt einfach mal die häufigsten Fragen und Einwände auf, die ich im Zusammenhang mit dem Konzept in letzter Zeit so vernommen habe- offenbar ist das Prinzip crowdfunding in der Verlagswelt und beim klassischen Leser tatsächlich noch sehr unbekannt.
  –
Also A: „Das ist doch selfpublishing!“
  –
Nein, es ist genau das Gegenteil. Der kladde|buchverlag fungiert ja nicht einfach als Druckerei, wie das bei selfpublishing der Fall wäre. Sie liefert stattdessen von Lektorat bis Distribution alle traditionellen Verlags-Dienstleistungen. Nur die Finanzierung ist eine andere.
  –
B: „Auf der Fundingseite steht, ihr braucht über 5000 Euro- das ist doch viel zu teuer! Bei book on demand kannst du das viel billiger machen!“
 –
Der Buchhändler in mir möchte den „Druckstaueffekt“ stapelweise im Laden sehen. Das passiert mit BOD nicht, in der Regel, außerdem sind BODs oft ziemlich hässlich. Ja, es geht billiger, aber ich wünsche mir Qualität und die hat ihren Preis. Der mit 5.000 Euro obendrein noch ziemlich fair angesetzt ist, übrigens.
  –
C: “ Warum soll ich mehr für ein Buch zahlen, als es später im Laden kostet?“
  –
Wieso mehr? Wenn du dein Buch über die Crowdfundingaktion beziehst, zahlst du dan Subskriptionsregelung sogar nur 12 statt der später im Laden angesetzten 15 Euro. Für alle, die das Projekt mit mehr Geld unterstützen möchten, gibt es verschiedene zusätzliche Gegenleistungen – aber wieviel man gibt, entscheidet jeder selbst.
  –
D: „Und wenn das Projekt scheitert, ist mein Geld weg, oder was?“
Nein. Die Einzige, die dann in die Röhre guckt, bin ich (lacht). Alle Supporter bekommen in diesem Fall ihr Geld zurück. Crowdfunding ist ein Win-Win-Konzept: Entweder man bekommt die gewünschte Gegenleistung oder kriegt sein Geld wieder. No risk, but fun!
 
Der kladde buchverlag hat ja in den letzten Monaten schon ein paar Titel präsentiert, von denen ein Berlin-Buch des Autors Ulrich Pätzold erfolgreich finanziert wurde und gerade erschienen ist. Allerdings hatte ich auf meinem Blog auch bereits zwei Autorinnen zu Gast, deren Bücher auf diesem Weg nicht finanziert wurden und auch für mein eigenes Wilde/Hamsun-Projekt hat es trotz eines guten Ergebnisse letztlich nicht gereicht. Wie schätzt du denn deine Chancen ein und wovon hängt deines Erachtens der Erfolg der kladde-Idee ab (generell und für dich im Besonderen)?
  –
Ich denke, es ist ein großer Fehler zu denken, dass beim Crowdfunding die „crowd“ bereits vorhanden ist und mit vollen Portemonnaies nur auf neue Projekte wartet. Vielleicht wird das irgendwann mal so sein, aber zur Zeit ist das Konzept einfach noch zu unbekannt. Deswegen kann man gar nicht früh genug anfangen, sich eine eigene „crowd“ zu schaffen: Man muss viel Aufklärungsarbeit betreiben und mit seiner Begeisterung gegen Vorurteile wie schnorren, selfpublishing etc. ankämpfen. Außerdem muss man dafür sorgen, dass sich das Projekt ausbreitet, und zwar über den eigenen Freundeskreis hinaus. 
Ich habe das große, das riesengroße Glück, über meinen Blog und vor allem über meine Tätigkeit als Musikjournalistin ein paar Triggermenschen zu kennen – also Menschen, die von ihren Fans und Freunden als „Meinungsmacher“ anerkannt sind. Wenn ich es schaffe, sie von meinem Projekt zu überzeugen, werden ihrerseits sie überzeugend sein und die Aktion bekannt machen.  Und ein paar davon, etwa den Singer-Songwriter John Allen, die Sängerin Amanda Palmer, die Berliner Band Bonsai Kitten oder Tilmann, den Chef des Rockabilly-Magazins DYNAMITE, konnte ich schon ins Boot holen. Außerdem habe ich  ein paar wirklich rührige  Freunde, denen ich bereits mehr Dankbarkeit schuldig bin als ich im  Leben Zeit zum Verbeugen haben werde – angefangen von meinem Lektor Alexander Winter über das Modellabel Allet Schräg bis zu meinen geschätzten Blogkollegen.
  –
Ich wünsche dir so sehr, dass es klappt. Du bist ja sicher nicht seit gestern mit diesem Text zugange. viele unterschätzen, wie lang und wie intensiv man sich nach dem Schreiben noch mit dem eigenen Buch beschäftigt. Hast du vorher schon versucht gehabt, dein Manuskript bei „normalen“ Verlagen unterzubringen und warum hast du dich letztlich für kladde erschienen.
  –
Ich hatte mich ein bisschen schlaugemacht, ob eine Direkteinsendung an Verlage überhaupt noch Sinn macht. Die meisten haben ja so etwas wie „Unverlang eingesandte Manuskripte schmeißen wir ungelesen in die Tonne“ auf ihrer Homepage stehen. Also habe ich mein Manuskript an etwa 15 Berliner Literaturagenturen geschickt – mit ähnlichem Erfolg. Bei einer Agentur rief mich eine sehr begeisterte Vor-Lektorin an (der Stimme nach war sie zwischen 25 und 35, also genau meine Zielgruppe) und teilte mir mit, dass ich es in die nächste Runde geschafft habe, aber die reifen Damen mit Entscheidungsmacht haben mich dann trotzdem gelehnt. Danach war ich ziemlich entmutigt und sah mich schon ein E-Book rausbringen. Das wäre Plan C gewesen und als Buchhändler ist ein Buch etwas mit Seiten, nix mit Bits & Bytes. Hier möchte ich aus vollstem Herzen zustimmen, Frau Kollegin! Wobei man ja sagen muss: kladde macht beides!
Doch dann sah ich den Blogpost zu deinem Projekt, lieber Matthias! Ich mochte Crowdfunding sowieso, weil es die alten Strukturen aufbricht und neue Chancen bietet, und da hab ich es einfach mal probiert. Mein Anschreiben an den kladde-Verlag war vor lauter Mutlosigkeit allerdings ziemlich schnodderig… so nach dem Motto: Tja, wenn’s euch auch nicht gefällt, ist es wohl scheiße, verdammt.
Aber dann kam die Antwort: Liebe Sabine, deine Geschichte ist wie ein Songtext, wir würden gern was mit dir starten. Ich war superglücklich und bin’s immer noch, denn als Kontrollfreak bin ich bei so einem Projekt mit viel Selbstbeteiligung genau richtig (lacht).
  –
Meine letzte Frage: In deinem wunderbaren Fundingvideo zeigst du, was du tust, wenn das Funding erfolgreich ist…ich verrat es nicht, das sollen sich die Leute lieber selbst ansehen! Damit es so kommt……noch einmal in EINEM Satz: Warum muss Druckstaueffekt erscheinen? Was wird es dem Leser geben?
  –
Abgesehen davon, dass die Veröffentlichung natürlich mein privater Wunsch ist, kann ich nur zitieren, was mir vor ein paar Wochen eine Testleserin gesagt hat: „Ich musste bei vielen Stellen an mich selbst denken und hab mich gefragt, wie viel von mir dann auch im Rest stecken könnte.“ Es dreht sich neben einer sehr persönlichen (Nicht)Liebesgeschichte ganz nebenbei auch um persönliche und auch sexuelle Freiheit. Und wie kostbar sie sein kann, wenn man sie zu schätzen weiß, anstatt sie zu verschwenden. Denn im Verschwenden sind die Berliner nun mal einsame Spitze (lacht).
  –
DAS ist ein sehr schöner Schlußsatz! Liebe Sabine, ich wünsche dir allen Erfolg mit dem Projekt und danke dir für dieses Gespräch!
  –
Ich danke dir! Für das Interview und den Stein, der dieses ganze Projekt überhaupt ins Rollen brachte…

3 Kommentare

Eingeordnet unter -

3 Antworten zu “(K)ein Liebesroman: Interview mit der Autorin Sabine Wirsching

  1. Hat dies auf Text, Mags, Rock'n'Roll. rebloggt und kommentierte:
    Mein Lieblingssatz aus dem Interview mit Matthias Engels ist definitv „So präzise wie Orwell, so schwarzhumorig wie Karen Duve und so schlagfertig wie Hera Lind!“. Das werde ich mal, wenn ich groß bin!! Aber erstmal habe ich ihm zum Thema Kritik & Crowdfunding, Vorbilder & Vortänzer sowie Berlin & Bergisch Gladbach Rede und Antwort stehen müssen.

  2. Pingback: Endspurt für Sabine Wirschings Berlin-Roman | DINGFEST

  3. Pingback: “Druckstaueffekt”: Die ganze Story. | Text, Books, Rock'n'Roll.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s