„Lyrik ist eigentlich nutzlos…“ Die Lyrikerin Lydia Daher

https://i2.wp.com/www.e-poetry.de/wp-content/uploads/2010/07/lydia-daher.jpgKürzlich sah ich eine Dokumentation über die Lyrikerin Lydia Daher. Daher hat als Poetry-Slam Performerin angefangen, mittlerweile einige Lyrikbände bei Voland & Quist veröffentlicht und ist mittlerweile auch als Musikerin und Collage-Künstlerin unterwegs. Eine sehr umtriebige Künstlerin also. In besagter Doku, die übrigens hier noch verfügbar ist, begleitete ein Kamerateam die Autorin eine Weile bei ihren verschiedenen Tätigkeiten und befragte sie zu ihrer Arbeit. Dabei blieben mir einige Aussagen der angenehm leisen Person, die aus Berlin stammt und mittlerweile in Augsburg lebt, besonders im Gedächtnis:
Sinngemäß sagte sie: Eine der Besonderheiten der Lyrik sei es, dass sie eigentlich nutzlos ist und in keinster Weise die Wirtschaft ankurbelt. Da sitzt man und schreibt ein paar Gedichte, die später vielleicht 400 Leute lesen und in der gleichen Zeit werden am Neubau gegenüber ganze 4 Stockwerke hochgezogen.

Vogelgezwitscher und Blätterrauschen wird in einem Gedicht Lydia Dahers zu Vogelrauschen und Blättergezwitscher. Eigentlich kleine Verschiebungen wie diese seien, laut Aussage einer im Film befragten Literaturwissenschaftlerin, ein Beispiel für die Möglichkeiten der Lyrik- und auch Daher selbst sagt an gleicher Stelle sinngemäß: 1000mal gesagte und geschriebene Dinge sprachlich in ganz neue Zusammenhänge zu bringen, sei die Kernkompetenz und Aufgabe der Lyrik.   

„Diese sehr ernsten Scherze“ nannte Goethe die Literatur.
Ich möchte EIN Gedicht der Autorin hier anführen, dass m.E. recht typisch für ihre auf den ersten Blick einfache Lyrik ist, in der aber der oben genannte Faktor des nutzlosen und dennoch aufschlssreichen Spiels mustergültig ausgeführt ist: 


DIE STERNE WAREN LANG SCHON VERGRIFFEN

Zum Beispiel wer außer dir,
wer käme darauf,

den Mond
in dieses Zimmer zu falten

und seine Füße
daneben zu stellen

und dieses Bild
zu einsam zu finden

und deshalb
lieber ein Foto zu machen

von etwas
ganz anderem.

Den Mond ins Zimmer falten ist eine kleine Metapher, die Füße -wie Schuhe etwa- daneben zu stellen eine andere. Und dieses in der Kombination große Bild eines gefalteten Mondes in einer Ecke des eigenen Zimmers, mit den eigenen Füßen/ sich selbst daneben stehend, als zu einsam zu empfinden und stattdessen ein Foto (also etwas Greifbareres) von etwas ganz anderem zu machen, zeigt in meiner Interpretation genau das Dilemma der Lyrik: die Unterlegenheit des großen dichterischen Bildes gegenüber dem greifbaren, abbildenen und als Beweis tauglichen Fotos der reinen Realität. Zwei völlig unterschiedliche und nicht waffengleiche Dinge, vereint unter dem gleichen Namen Bild.

Dahers Texte kommen zu meiner Freude ohne allzu große Sprachverstümmelung und zwanghaft moderne und exaltierte Wortfindungen aus, orientieren sich m.E. oft an alltäglicher Sprache und älteren Themen, wie etwa der Naturlyrik.

Den oben genannten Punkt der Nutzlosigkeit von Lyrik empfinde ich ebenfalls und interpretiere ihn für mich persönlich auch gerne als subversiven Akt. Wer sich ernstlich mit Gedichten und ihren Möglichkeiten befasst, kann nicht vollends nur nützlich und Teil des Systems, kein Spießer sein, behaupte ich jetzt mal ins Blaue.

(Foto Lydia Daher: e-poetry.de)

2 Kommentare

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2 Antworten zu “„Lyrik ist eigentlich nutzlos…“ Die Lyrikerin Lydia Daher

  1. Vielleicht ist Lyrik sinnlos, wenn man in normalen gewinnbringenden Mustern denkt, also materiellen Gewinn, damit ist es auch schon raus, denn Lyrik nährt auf anderen Ebenen und schenkt Gewinn, nenne es Seele, nenne es Geist … und was wäre das System ohne diejenigen, die für die geistige Nahrung sorgen, ist es nicht eher ein Fehler des Systems diese am langem Arm immer wieder verhungern zu lassen? Wohl dem und der, die es schaffen von ihren Worten, Bildern, Skulpturen leben zu können!!!

    herzlichen Dank und Gruss
    Ulli

    • Genau das ist der Punkt, Ulli! „Nutzen“ definieren wir allzu oft materiell. Gedichte (Kunst allgemein) bringen/bringt keinen messbaren Ertrag. Systemfehler! Wer sich mit sowas abgibt, betreibt also -oberflächlich betrachtet- ein sinnfreies Spiel.

      Im alten China wurden nur die Bewerber Beamte, die ein formvollendetes Gedicht vorlegen konnten. Das bewies neben der Fähigkeit, bestimmte handwerkliche Vorgaben perfekt umzusetzen auch eine gewisse Kreativität und einen Horizont. Heute muss man das Gedichteschreiben bei einem Bewerbungsgespräch wohl besser verschweigen, wenn man Chancen auf den Job haben will….

      Trotzdem, bleibt da nur zu sagen!
      Danke für dein Kommentar und
      alles Liebe

      matthias

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