Clemens Setz: Die Vogelstraußtrompete -Gedichte-

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Heute möchte ich mich kurz einem Gedichtband zuwenden: Clemens Setz` Die Vogelstraußtrompete, erschienen bei Suhrkamp im März 2014

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Clemens Setz, geboren 1982 in Graz, ist bisher schon als Erzähler auf große Resonanz gestoßen, unter anderem schaffte es sein Roman Indigo auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises, nachdem sein Erzählband Die Liebe zur Zeit des Mahlstädter Kindes 2011 den Preis der Leipziger Messe erhalten hatte.
Setz ist überdies als Übersetzer tätig und schreibt für die Literaturzeitschift Volltext die wunderbare Reihe Nicht mehr lieferbar, in der er Einblicke in seinen völlig abseitigen und obskuren privaten Literaturkanon gewährt.

Ob einige der Texte in seinem Band: Die Vogelstraußtrompete nun wirklich Gedichte sind, sei dahingestellt. Die Definition der Form ist mittlerweile so breit gefaßt, dass ich diese Diskussion gar nicht erst eröffnen möchte.
Man findet durchaus einiges geverstes und gestrophtes, aber weder klassischen Fundus lyrischer Mittel: Klang, Rhythmus- Wortmusik eben; noch den modernen Ansatz der absolut modernen Form an der Grenze des Verständlichen, sollte man  unbedingt erwarten, wenn man sich der Lektüre widmet. Setz ist eigen, beinahe sein eigenes Genre- auch in seiner Lyrik.

Überwiegend bleibt Setz doch prosaisch, oder besser: es sind die prosaischeren Texte, die mir besonders in Erinnerung bleiben. Der Autor verfügt über einen Hang zum Absonderlichen, Nicht-Alltäglichen und Obskuren, das weiß Jeder, der sich z.B. mit seinen Romanen befasst hat. Sein Bezugsgebiet ist literarisch weitläufig abgesteckt. Er spürt Fakten, Anekdoten und Namen aus der etwas weniger kanonisierten Seite der Geschichte nach, er bezieht Comic-Strip und Lexikon-Artikel als Stoff heran und pflegt als Hobbies vermutlich die ausgedehnte Lektüre alter Nachschlagewerke und der weniger aufgerufenen und zweifelhafteren Wikipedia-Artikel.
Aus diesem Fundus zieht er zielsicher Fetzen, die auf ihre Weise einen verwirrenden und manchmal verstörenden Blick auf die Welt an sich der allgemeinen Übereinkünften folgenden Version hinzufügen. Und das passiert lakonisch, ohne großen Seher-Gestus, dafür mit einem genauen Gespür für die Pointe und mit Witz.
Ich möchte als Beispiel nur mein Lieblings-gedicht heranziehen:

Über Papageien

Kinderlose Papageien
die frei in der Wohnung fliegen
beginnen manchmal Schuhe zu füttern

Sie halten sie für offene Schnäbel
und sammeln Körner für sie

Kein noch so hochhackiges
fremdes Paar Stiefel
das nur eine Nacht hier stehen blieb
muss leer nach Hause gehn

Ich habe es nicht geprüft, ob Papageien dies wirklich tun und habe auch keine einschlägige Erfahrung damit. Wenn ich aber an die Quellen denke, die zur Überprüfung nötig wären und an mögliche Forscher, die sich genau diesem Feld gewidmet haben könnten, finde ich mich damit automatisch mitten in der Setz`schen Welt wieder. 
Und: ich hätte gern, dass derartige, hier in großer Fülle angeführten, Fakten wirklich Fakten wären und sich häufiger gegen das durchsetzten (schönes Wortspiel!), was wir täglich in den Medien sehen.

Trotz seines -lyriktypisch- schmalen Umfangs ein Bändchen, in dem man beim Hin- und Herblättern immer wieder etwas Neues entdeckt und schmunzelt. Sehr anregend, sehr lesenswert.

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