Marlene Streeruwitz Nachkommen.

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Noch mehr aktuelle Lektüre:

Beim ersten Versuch gab ich die Lektüre des neuen Streeruwitz-Romans auf Seite 20 auf, da mir der Stil der Autorin unheimlich auf den Zeiger ging. Streeruwitz. Schreibt bevorzugt. Schreibt ein. Oder zwei-Wort-Sätze. Mit ziemlich. Ziemlich gewagter Interpunktion.So ähnlich. Das ließ mich abbrechen.
Beim zweiten Versuch allerdings staunte ich, wie sehr mich plötzlich die Geschichte packte, die sich nach und nach entspinnt und wie sehr mich das die gelegentlichen, natürlich bewußt eingestreuten stilistischen Stolpersteinchen vergessen ließ.

Die junge Neila Fehn hat einen Roman geschrieben. Ziemlich autobiographisch. Inspiriert durch die Liebe zu ihrem griechischen Freund, der ganz offenbar bei politischen Protesten verletzt wurde. Aber dieser Strang bleibt recht dünn.
Wichtiger ist die Beschreibung der turbulenten Messetage und Nelias Reflexionen über den Preis und den Betrieb an sich.
Die im „Business“ sehr verehrte, mittlerweile verstorbene Mutter, ebenfalls Autorin, schwebt über allem und wie aus dem Nichts taucht Nelias Vater wieder auf, zu dem sie praktisch nie Kontakt hatte. Nelias Roman landet gleich auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises.

die Familiengeschichte, in der auch die Großeltern eine Rolle spielen, wird natürlich von Verwicklungen und Verwirrungen um die Rollenbilder und Erwartungen im familiären Geflecht geprägt, interessanter blieben mir allerdings die Überlegungen Nelias zum Schreiben an sich.
Was bedeutet dieser Preis? (den sie übrigens nicht bekommt)Was bedeuten Bücher, Romane, Literatur und der ganze dazugehörende Betrieb überhaupt und besonders heute, wo Büchermachen nur EINE von tausenden Möglichkeiten für einen jungen Menschen wie Nelia ist, sein Leben zu gestalten.
Ist Literatur überhaupt noch relevanteses Medium, wenn man sich in die Welt und ihr Geschehen einbringen will.
(siehe Griechenland/Ukraine/Naher Osten etc etc. Sind das Konflikte, die man mit Büchern löst?)

In einem Buchmessen-Interview wird Nelia danach gefragt und sagt, zum Schrecken des Journalisten und des Publikums, einige sehr kluge Sätze oder besser: fragt selbst.
Warum sie das mache, Bücherschreiben, ist z.B. eine Frage.
Sie wisse es nicht, antwortet Nelia. Vielleicht sei es die Suche nach dem Lebendigen. Literatur. Das sei doch eine antistatistische Maßnahme. Eine antidatensammlerische Maßnahme. Da verbänden sich Daten zu einer konkreten Geschichte und nicht zu einer Tabelle. Literatur kann der Person gerecht werden.

Dieser Ansatz hat mir zu denken gegeben. Ich kann unterschreiben und betonen, dass Literatur, dass Kunst an sich, einen Keim von Freiheit in sich trägt, wenn man nicht für Bestseller-Listen oder Preise schreibt, keine Markterwartungen möglichst eins-zu-eins zu erfüllen versucht. Literatur ist nichtauszurechenen, Fiktion nicht vorhersehbar und die Einfälle eines Autoren/einer Autori nicht wirklich statistisch kalkulierbar. Jede Beschäftigung mit Kunst, bleiben wir hier bei Literatur, trägt einen subversiven akt in sich, das sehen wir am Ugang totalitärer Regime mit Künstlern nur allzu gut.

Nachkommen. hat mich folglich inspiriert und mir zu denken gegeben, und das ist nicht wenig. Noch dazu hat es mich unterhalten. Fern ist es allerdings von dem, was die Presse zum Teil schreibt: dass es sich hier um einen Schlüsselroman zum Literaturbetrieb handele. So bissig die Seitenhiebe auf diese sich selbst bespiegelnde Branche am Rand des Abgrunds auch sind- es bleibt letztlich nur ein Setting, vor dem m.E. andere und wichtigere Themen verhandelt werden.

Nachsatz:
Nun äußert sich Frau Streeruwitz in der Presse auch zum realen Deutschen Buchpreis und unterschreibt die aufgekommenen Vorwürfe, er sei männerdominiert und sie betrachte jede Jury-Entscheidung als falsch. Denn erhielte eine Frau den Preis, dann nur, um das Patriarchat zu verhüllen, das wiederum sein wahres Gesicht zeigt, sollte der Preis an einen Mann gehen.
Christopher Schmidt kommentiert das in der Süddeutschen Zeitung von heute mit den Worten: „Irgendwas fehlt immer. Im Moment der klare Verstand.“ Nun ja. Schmidt rechnet übrigens auch vor, dass der Preis seit seinem Bestehen sechs Mal an Frauen und drei Mal an einen Mann vergeben wurde.
Meines Erachtens sollten wir allerdings lieber über den Roman der Streeruwitz und Nelia Fehn und deren höchst interessante Weltsicht reden. Das Buch hat es verdient!

 

 

 

 

4 Kommentare

Eingeordnet unter -, Rezensionen

4 Antworten zu “Marlene Streeruwitz Nachkommen.

  1. Mich mutet die Diskussion um die Quoten bei Literatur doch auch sehr seltsam an. Geht es denn nicht um die Literatur?

    Dass zwar Frauen im Kultursektor generell es schwer haben ist ein Thema, aber so lässt es sich auf keinen Fall regeln.

    Das Buch macht neugierig. Auch deswegen, weil ich manchmal auch diese Zweiwortsätze schreibe. Dahinter steht schon Sinn, wenigstens bei mir …

    herzlichst Ulli und Waltrop ist im Kopp

    • Vielen Dank für dein Kommentar, Ulli. Ja, es stimmt ja durchaus, dass der Kulturbetrieb männlich dominiert ist, oder besser: ich habe den Eindruck, dass an der Basis die Frauen es sind, die die Arbeit machen, während in den oberen Regionen die Männer sitzen. Soviel ehrenamtliche Arbeit wird im kleineren Rahmen (nicht nur!) in der Kultur von Frauen gemacht. Eine Quotenregelung finde ich ebenfalls wenig hilfreich und weiß auch nicht, ob z.b. eine Frau Streeruwitz damit konform gehen würde. Ihre gen Ende meines Artikels zitierte Aussage allerdings scheint mir geradezu destruktiv. Dass man am Konzept des Buchpreises herummäkeln kann, steht außer Frage, aber das kann man bei allen Preisen. Sie aber per se durch solche Art der Diskussion ihrer in der Tat vorhandenen Wirkung (ich bin ja auch Buchhändler und nehme diese durchaus wahr) zu berauben, finde ich zeittypisch und nicht produktiv.

      Und 2Wort-Sätze finde ich ab und an auch toll, aber zu Beginn eines Romans, bei dem man in die Handlung und in die Personen hineinkommen möchte, sind sie in der Häufung wie hier m.E. ein Hindernis, das viele von der Lektüre des wirklich lesenswerten Romans abhalten kann.

      Uhh, schon wieder so viel Text! Jetzt wünsche ich gute Nachtund einen schönen Sonntag!

      • danke für deinen langen Text 😉 Ich habe Austausch gerne und so habe ich nun, ganz nebenbei erfahren, dass du Buchhändler bist, was vielleicht irgendwo steht, ich aber noch nicht las …

        es stimmt, als Schreiberling ist es wichtig zu lernen, das Was Wohin und Warum und ob es überhaupt als das gelesen wird, als was man/frau es meint …

        wenn ich nun an den Kommentar von ihr zum Preis denke, dann höre ich, ja, es tut mir leid, Gezeter …
        ich möchte und wünsche mir das Verbindende, solange wir Frauen alles, was männlich ist als Patriarchat beschimpfen und umgekehrt alle Männer weibliches Sein und Handeln als angstmachend empfinden, solange kommen wir uns keinen Schritt näher. Dabei würde es sich doch lohnen. Es gibt mehr Verbindendes als wir uns schlecht reden könnten.

      • „Es gibt mehr Verbindendes als wir uns schlecht reden könnten.“- das will ich hier einfach mal als Zitat festhalten, denn besser kann man es nicht sagen. -Wo man das alles anbringen könnte…

        es grüßt
        der (auch) Buchhändler

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