-Endlich Nichtschreiber- Vorwort zur Neuauflage

Unter Pseudonym veröffentlichte ich vor einigen Jahren den ultimativen Ratgeber für alle, die des Schreibens von Belletristik überdrüssig, aber nicht zum Aufhören in der Lage sind.

-Nun erscheint bald die Neuauflage und ich möchte Euch das neue Vorwort dazu nicht vorenthalten:

scribari

Endlich Nichtschreiber von Albert Maria Scribari
Vorwort zur überarbeiteten Neuauflage

Liebe Schreiberlingin, lieber Schreiberling,
nachdem ich selbst nach Jahren der Qual und Verzweiflung das Schreiben aufgegeben hatte und es im Laufe der Jahre auch über 20 000 Schreiberlinge in meinen eigenen Kursen in Bad Eilbingen geschafft hatten, sich von der Sucht nach Buchstaben zu befreien, war ich mir absolut sicher, dass meine Methode auch für andere Schreiberlinge funktioniert. Deshalb habe ich noch einmal bewusst meinem alten Laster nachgegeben und mich entschlossen, meine Erfahrungen in einem letzten Buch weiterzugeben.

Einführung
Eventuell sollte ich zunächst noch einmal erläutern, warum ausgerechnet ich mich für geeignet erachte, dieses Buch zu schreiben. Ich bin ja kein Arzt, auch kein Psychologe; meine Eignung ist viel praktischerer Natur. Ich habe war vierzig Jahre meines Lebens das, was man als Vielschreiber bezeichnet. Zuletzt verbrauchte ich an schlechten Tagen bis zu 100 Bleistifte und über das Jahr hinweg bis zu 60 Farbbänder. Ich hatte unzählige Versuche gemacht, das Schreiben aufzugeben. Einmal gelang es mir, ein halbes Jahr lang nicht eine Zeile, nicht einen Vers zu Papier zu bringen, aber ich war immer noch zitterig, hatte Schweißausbrüche und ertappte mich dabei, wie ich mich in Cafés oder im Zug immer noch neben Schreiberlinge setzte, um dem Klappern der Laptop-Tastaturen zu lauschen oder dem Kratzen einer Mine auf Papier.
Was den gesundheitlichen Aspekt angeht, denken die meisten Schreiberlinge, sie würden schon aufhören, bevor es ernst würde. Ich war bereits in einem Stadium, in dem es mir sicher schien, dass mich die Schreiberei umbringen würde. Ich hatte ständig Kopfweh, spürte unablässig das Pochen der Vene in der Mitte meiner Stirn und war überzeugt, dass mich früher oder später eine Gehirnblutung heimsuchen würde. Das gefiel mir nicht, aber bewegte mich dennoch keineswegs dazu, so zeitig wie möglich für immer mit dem Schreiben aufzuhören. Ich versuchte es nicht einmal mehr- so weit war ich bereits fortgeschritten. Wenn ich ehrlich war, bereitete mir das Schreiben schon lange keinen Genuss mehr. Viele Schreiberlinge leben irgendwann in der Illusion, ein Gedicht oder eine kleine Geschichte hier und da würde ihnen gut tun, doch so war es bei mir gar nicht. Ich habe das Reimen und Erfinden von Dialogen und Szenen schon immer gehasst, doch bildete ich mir ein, es gäbe mir etwas. So kam es auch, dass ich mich bei meinen ersten Versuchen, das Schreiben aufzugeben, stets elend fühlte und mir kein lebenswertes Dasein ohne Bleistifte oder Papier vorstellen konnte.

In den furchtbaren Jahren meiner entsetzlichen Schreiberlingsexistenz glaubte ich, mein Leben hinge an den Bleistiften und Tintenpatronen, und ich wäre lieber gestorben, als darauf zu verzichten. Immer wieder werde ich gefragt, ob mich nicht ab und an der Drang wieder überkommt. Die Antwort lautet: Nein, nein und nochmals Nein – ganz im Gegenteil. Mein Leben ist herrlich! Ich hatte viel Glück im Leben, doch das Großartigste, was mir je widerfahren ist, war einwandfrei die Befreiung aus dieser Tretmühle, das Erwachen aus diesem Alptraum, systematisch den eigenen Körper zu zerstören und dafür auch noch teuer mit Druckkostenzuschüssen und Materialkosten bezahlen zu müssen.

Schreiberlinge sprechen oft von den schrecklichen Entzugserscheinungen, aber wenn ich mich an diese Qualen zu erinnern versuche, gab es sie für mich einfach nicht. Ich litt keinerlei körperliche Schmerzen. Alles fand sich im Kopf statt. Meine Aufgabe besteht heute darin, anderen Menschen zu helfen, die Fesseln ihrer Gewohnheit abzulegen und ich bin dabei sehr, sehr erfolgreich. In meinen Seminaren wurden Tausende von Schreiberlingen geheilt.
Jeder kann es schaffen und das auch noch mit Leichtigkeit. Denn im Grunde ist es nur die Angst, die uns immer weiter kritzeln und tippen lässt: die Angst, dass das Leben ohne Buchstaben und Geschichten nie mehr so lebenswert sein würde; die Angst, dass man unter einem Verlustgefühl leiden müsse. Aber nichts ist unwahrer. Das Leben »ohne« ist nicht nur genauso lebenswert, sondern macht in vieler Hinsicht unendlich mehr Spaß, und der Zuwachs an Gesundheit, Energie und Geld sind noch nicht einmal die wichtigsten Vorzüge. Allen Schreiberlingen kann es leichtfallen, das Schreiben aufzugeben – sogar Ihnen! Sie brauchen nur den Rest dieses Buches mit geistiger Offenheit zu lesen. Je mehr Sie davon begreifen, desto leichter wird es Ihnen fallen. Sogar wenn Sie kein Wort davon verstehen und sich nur strikt nach den Anweisungen richten, wird es Ihnen leichtfallen.

Aber letztlich kam der 12.August 1998
»Ich werde die Schreiberlinge dieser Welt heilen.« sagte ich zu meiner Frau an diesem denkwürdigen Tag. Sie dachte natürlich, ich sei übergeschnappt. Schließlich hatte sie doch mit angesehen, wie ich ungefähr alle zwei Jahre einen neuerlichen Versuch unternahm, selbst das Schreiben aufzugeben. Versuche, bei denen ich jedes Mal wie ein Kleinkind heulte, weil ich nach monatelangen Höllenqualen wieder einmal gescheitert war. Ich heulte, weil ich überzeugt war, dass ich bis ans Ende meiner Tage weiterschreiben müsste, wenn es dieses Mal mit dem Aufhören nicht klappte. So auch bei diesem Versuch. Ich hatte wahnsinnig viel Energie investiert und wusste, dass ich wohl nie wieder die Kraft aufbringen würde, dieses Martyrium noch einmal durchzustehen. Noch verrückter musste meiner Liebsten mein Satz erscheinen, weil ich ihn aussprach, nachdem ich gerade meine Letzten – und endgültig letzten? Bleistift zerbrochen hatte. Ich betrachtete mich als geheilt, war aber damit nicht zufrieden, denn ich wollte auch den Rest der Schreiberlinge dieser Welt heilen!

Ich war an diesem bedeutungsschweren Tag ja nicht aus jahrelanger Einzelhaft entlassen worden, aber ich nehme an, kein in Freiheit entlassener Sträfling kann größere Erleichterung empfinden als ich an dem Tag, an dem ich meinen letzten Bleistift zerbrach. Mir wurde klar, dass ich etwas geschafft hatte, von dem jeder Schreiberling nur träumt: eine einfache Methode, mit dem Schreiben aufzuhören. Ich probierte sie Verwandten und Bekannten aus, gründete ein Beratungsbüro und half von nun an anderen Schreiberlingen, sich von ihrer Sucht zu befreien.

Täglich erreichen mich nun Briefe mit folgendem oder ähnlichem Inhalt: »Das ist das beste Buch, das jemals geschrieben wurde«, »Sie sind ein Genie«, »Sie sollten zum Kultusminister ernannt werden«, »Sie sollten Bundeskanzler werden«, »Sie sind ein Heiliger.«Leider erlaubt es meine Zeit nicht, alle diese Briefe zu beantworten, aber jeder Einzelne machte mich froh. Schon ein einziger Brief wäre die Mühe wert gewesen. Und ich staune, wie ich weiterhin täglich etwas Neues über das Phänomen des Schreibens daraus lerne. Ich hoffe, all dies Lob ist mir nicht zu Kopf gestiegen. Mir ist auch völlig klar, dass ich diese Komplimente aus einem einfachen Grund bekomme: Meine Methode funktioniert!
Sie funktioniert bei jedem, der sich strikt an alle Anweisungen hält. Ich habe Tausende von Briefen von Schreiberlingen und ihren Angehörigen aus aller Welt erhalten.

Rückblickend erscheint mir mein ganzes Leben nur als Vorbereitung, das Schreiberproblem dieser Welt zu lösen. Selbst meine Zeit als Schachprofi und meine langjährige Arbeit als Geldeintreiber waren unschätzbar wertvoll, weil sie mir geholfen hatten, die Ursachen der Buchstabensucht zu ergründen und nachzuvollziehen. Es heißt, niemand könne große Masse Mensch auf Dauer hinters Licht führen, doch ich glaube, dass die Verlagsbranche und der Buchhandel genau das jahrelang betrieben haben. Ich bin ebenfalls davon überzeugt, dass ich als Erster die Abläufe und Geheimnisse der Schreibsucht wirklich umfassend durchschaut habe. Sollte das überheblich klingen, so möchte ich betonen, dass es nicht mein Verdienst allein war, sondern dass es sich aus meiner Lebenssituation heraus so ergeben hat.

Ich bin überzeugt, dass jeder Schreiberling mit Genuss zu Schreiben aufhören kann, doch manche Menschen hindert ihre Angst, daran sich neuen Gedanken zu öffnen. Sie kommen nie dahinter, dass diese Angst durch Romane und Geschichten ausgelöst wird, und dass der größte Gewinn des Aufhörens in der Befreiung von dieser Angst besteht. Heute gelte ich weltweit als führender Experte der Schreibentwöhnung, und Menschen kommen aus der ganzen Welt zu mir angereist. Ich mache jetzt immer Gruppenkurse, trotzdem kann ich nicht alle Schreiberlinge betreuen, die sich an mich wenden.

Am meisten sorge ich mich wegen der Tatsache, wie leicht Schreiberlinge rückfällig werden. Die erschütterndsten Briefe, die ich bekomme, stammen von Schreiberlingen, die sich von ihrer Sucht befreit hatten, aber dann bald schon wieder angefangen haben zu schreiben. Zunächst sind sie so froh über ihre neugewonnene Freiheit, doch dann tappen sie ein zweites Mal in die Falle und merken, dass es das nächste Mal nicht mehr klappt. Da mir sehr viel daran liegt, auch dieses Problem zu lösen, diesen Schreiberlingen zu helfen, erneut von ihrer Sucht loszukommen, plane ich übrigens zu diesem Thema ein eigenes Buch. Das den Titel »Für immer NichtSchreiber« tragen wird. (Vorbestellungen werden schon in Bälde entgegengenommen.)

Ich bin sehr zuversichtlich, dass Sie, wenn Sie das Buch mit einer offenen Einstellung lesen und die Anweisungen darin befolgen, in kurzer Zeit diese herrliche Freude empfinden, wirklich frei von der Buchstabensucht zu sein. Und sollten Sie weitere Unterstützung benötigen, zögern Sie bitte nicht, den Ihnen am nächsten liegenden Trainer oder das nächste Büro anzurufen, anzuschreiben oder ein Fax dorthin zu schicken.

Alles Gute für Sie
Ihr

Albert Maria Scribari

4 Kommentare

Eingeordnet unter -, prosaisch

4 Antworten zu “-Endlich Nichtschreiber- Vorwort zur Neuauflage

  1. Thyra

    Ich schätze mal, Harr Scribari wird sein Werk auf eine mehrbändige Ausgabe erweitern. 😉

    • Ja, Thyra. Tatsächlich planen der Verleger und ich gerade: -Endlich FÜR IMMR Nichtschreiber-, -Endlich Nichtschreiber IM JOB-, -Für Frauen-, -Für Kinder-, -Für Pferde- und: -Für Kleintiere-. Hach, ich weß bald gar nicht mehr, wohin mit all dem Ruhm!

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