– Oh, sagte M. – kleine Geschichte

hand_feder_04Oh, sagte M., sie habe, wenn man es realisisch betrachte, alles gehabt. Sei überall gewesen, wo es sich lohne, zu sein und habe einiges, auch Erwähnenswertes, erlebt und erfahren. Sie brauche sich nicht zu schämen, sie habe nichts verpasst, wenn man es einmal realistisch betrachte. Da sei sie gewesen, als große Dinge geschahen: Staatsmänner gestorben oder Erfindungen gemacht worden seien. Große Sätze und Ideen seien in dem Moment, in dem sie erstmalig gesprochen und formuliert worden seien, durch ihre Ohren und mitten durch ihren Kopf gegangen. Es habe keinen Mangel gegeben an Spektakulärem. Zeugin sei sie gewesen bei Zusammenbrüchen und aus Altem habe sie Neues entstehen sehen. Sie erinnere sich an so vieles, das unter ihren Augen geschehen sei: im Auto, auf dem Weg zur Berufsschule habe sie gesessen, im zähfließenden Verkehr zwischen zwei Anschlusstellen, als verkündet wurde, dass die Prinzessin tot sei und im Gras, am Ufer des schmutzigen Rinnsals ihrer Heimatstadt habe sie gelegen, als ein Passant ihr und ihrem Freund zugerufen habe, der Krieg sei vorbei.
Unmittelbar nach ihrem letzten Tag auf der Arbeit sei klar geworden, dass es sich um Anschläge hatte handeln müssen und nichts mehr so sein würde, wie es gewesen war. Sie habe bis in die Nacht hinein Radio gehört und auf die widersprüchlichen Meldungen und den ruhigen Atem der schlafenden Kinder gehört. Sie sei dabei gewesen, in Echtzeit. In Ihrer Jugend, so sagte sie, sei sie zweimal Zweite gewesen bei Meisterschaften auf Kreisebene und um ein Haar einmal Beste in ihrem Jahrgang. Mehr oder weniger Große Leute seien ihr mehr oder weniger nah gekommen: einmal sei ein berühmter Sänger bei einem Gastspiel in ihrer Stadt in den Salon ihres Friseurs gekommen, den sie nur einen Tag vorher besucht hatte, um sich neue Wellen machen zu lassen. Ein anderes Mal sei sie nur einen Tag vor dem Papst in der Hauptstadt gewesen und gebügelt habe sie mit ihrem Sohn im Bauch, als der Stürmer sich im Strafraum auf engstem Raum gedreht und das entscheidene Tor um den Titel erzielt habe. Sie bereue nichts und bedauere nichts. Nichts habe sie sich anders gewünscht.

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