– Jubelnde Autoren- Kurzgeschichte

B. war ein erfolgreicher Autor. Im Laufe eines einzigen Vormittags war es ihm gelungen, 125 Exemplare seines Romans, für dessen Finanzierung er fünf Jahre an der Stanzmaschine eines großen Betriebes gearbeitet hatte, in der Fußgängerzone loszuwerden. Gut, einige Passanten hatten sich geziert und gemeint, sie hätten keine Verwendung dafür, aber diese waren mit ein paar Münzen schnell vom Gegenteil zu überzeugen gewesen. Jetzt genoss B. seinen Erfolg. Er setzte sich in einen Hinterhof, zwischen riesige Stapel von Amazon- und Zalandokartons und notierte feierlich in sein Tagebuch, dass er dereinst zu veröffentlichen gedachte: 125 Exemplare in 3 Stunden. Der Anfang war gemacht.
Das lief eine Weile ganz gut. Aber nach einigen Wochen bemerkte B., dass schon jetzt Konkurrenten seine Marketingmethoden aufgegriffen hatten und unter den vielen Menschen auf dem belebten Platz, den er heute ausgewählt hatte, beinahe mehr erfolgreiche Autoren mit Wägelchen und Bauchläden unterwegs waren als ohne. Einige schrien und priesen ihr Werk an, einige junge Frauen konnten darauf verzichten, da sie es sich leisten konnten, tief dekolletiert zu gehen, einigen anderen war die Scham anzusehen, dafür verfügten sie über Charakternasen. B. geriet in Verzweiflung. Hier sei nicht viel abzusetzen, befürchtete er. Aber er wusste, dass wenn die Welt im Grunde keine Autoren wollte, wollte sie eines noch viel weniger und das waren jammernde Autoren. Also machte er tapfer weiter und Durststrecken machten sich immer gut in einer Künstlervita. Einige weitere Wochen später hatte sich die Situation weiter verschärft. B. hatte, dem Erfolg zuliebe, alle neuen und vielversprechenden Entwicklungen mitgemacht, moderner Autor, der er war. Die Plätze und Straßen waren immer noch gut gefüllt, doch hatten die normalen Passanten und Flaneure sich angewöhnt, nicht mehr tagsüber raus zugehen, um nicht von der riesigen Mehrheit an mit Büchern winkenden und wedelnden Autoren belästigt zu werden. Sie huschten nun spät abends oder früh morgens, manche sogar nachts kurz an die frische Luft oder von A nach B, wenn es gar nicht anders einzurichten war. Dass diese Zielgruppe nun fehlte, zwang die erfolgreichen Autoren zu anderen Maßnahmen. Sie stürmten von nun an gegenseitig aufeinander zu und nötigten ihre Kollegen, ihnen ihre Bücher abzunehmen. Ein jeder stellte sich zunächst stumm und machte es seinem Gegenüber so schwer wie möglich, bevor er sich schließlich erweichen ließ und ein Exemplar nahm, jedoch nur, wenn der jeweilige Kollege mindestens zwei, lieber drei von seinen eigenen nahm. So geschah es, und wenn alle vorgaben, ihre Tagesziele erreicht zu haben und im Fortgehen laut mit sich selbst über ihren Absatz sprachen, schlichen sie sich in die Hinterhöfe und versteckten die fremden Bücher hastig in Mülltonnen und dunklen Winkeln hinter den Amazon-, Zalando- und Pizzakartons.
Einige Monate später waren die Plätze leerer geworden. Die Kurse für die Büchertäusche waren ins Uferlose gestiegen, ganze Auflagen verschoben worden und in den Hinterhöfen verschwunden. Irgendwann wäre alles aufgeflogen, wenn es nicht vereinzelte Leser gegeben hätte, die um Mitternacht herum, wenn alle Schreiberlinge den zufriedenen Schlaf der Erfolgsautoren schliefen, aus ihren abgedunkelten Wohnungen geschlichen wären und sich das ein oder andere Buch aus dem Müll geholt hätten. Eine Zeit lang war das ganz gut und zu aller Zufriedenheit vonstattengegangen, bis eines Nachts ein schlafloser B. noch spät durch die Gassen gestreift wäre und laut vor sich hin über die zu erwartende Auflage seines neuesten Buches schwadroniert hätte, wie es viele taten, wie es getan werden musste. In einem der Hinterhöfe hatte er plötzlich ein Rascheln gehört und war verstummt. Von hinter einem Mauervorsprung aus hatte er das seltene Wesen erblickt und es beobachtet, wie es, in Pyjama und Hausschuhen, tief gebeugt über einer zum Bersten gefüllten Mülltonne gestanden und darin gewühlt hatte. B. glaubte seinen Augen nicht, als er verfolgen konnte, wie das dunkle Männlein schließlich mit zwei, drei Büchern unter dem Arm wieder in seine Behausung gehuscht war. Fremden Büchern, wie er mit geschultem Auge und anschwellendem Zorn feststellen konnte. Die restliche Nacht hindurch kam er nicht zur Ruhe. Er spürte eine grandiose Idee in sich rumoren. Erst, als diese gereift und für die Durchführung ausgeplant war, schlief er lächelnd ein.

Die nächsten Tage mied B. die Plätze und Straßen. Viel mehr lag er schon wieder friedlich im Bett, wenn die Kollegen mit ihren Schubkarren und Stapelwagen loszogen. Bereits im Morgengrauen war er selbst, im dunklen Mantel und mit Schlapphut angetan, aufgebrochen und hatte systematisch und unauffällig zunächst eines, dann drei, dann 10 und bald ganze Paletten seiner eigenen Bücher in den Mülltonnen und Hinterhöfen versteckt. Den ganzen Tag über verbrachte er in freudiger Erregung und hämischer Freude, bevor er sich abends erneut dunkel gekleidet auf den Weg machte. Die allerletzten Freudenrufe der Kollegen über ihre heutigen Absätze waren gerade noch zu hören, als er an den Wänden entlangglitt und auf Mitternacht wartete. Bald war es soweit und konnte auch nicht anders kommen. Eines der nächtlichen Lesewesen kramte tief und tiefer zwischen den Kartons und fand letztlich, was hatte finden sollen. Nach einem ersten misstrauischen Blick auf den Einband, den B. sofort erkannte, zuckte es schließlich mit den Achseln und trug ein Exemplar von B.`s Debütroman mit ins Haus.
B. jubilierte und zog sein Tagebuch, doch es war bei bestem Willen zum Schreiben zu dunkel.

So ging es die nächsten Nächte und B. war erfolgreich wie nie. Erfolgreicher als seine Kollegen. Die einsamen Tage im Haus verbrachte er mit Sekt und Lachs, fomrulierte Interviewfragen und beantwortete diese in aller Ruhe und mit einer bewundernswerten und unnachahmlichen sprachlichen Eloquenz. So hätte es weitergehen können, wenn B. nicht irgendwann unvorsichtig geworden wäre und etwas ungeduldig einige Minuten zu früh aufgebrochen wäre. Zwei seiner Kollegen von den Plätzen hatten ihre Verhandlungen über den Tausch ihrer Bücher allzu sehr in die Länge gezogen und gingen nun, immer noch über deren Verlauf diskutierend, später als die anderen nach Haus. So begegneten sie B., an den sie sich noch vage als Kollegen erinnerten. Sie folgten ihm und beobachteten den Erfolg seiner neu entwickelten Strategie. Natürlich belächelten ihn da und dann beide, doch schon in der folgenden Nacht sah man neben B. auch die beiden Kollegen und bald schon ganze Trauben von Erfolgsschriftstellern in dunklen Mänteln und Hüten gen Mitternacht durch die Gassen streifen und ihre Bücher in den Mülltonnen und zwischen den Kartons verstecken und mit gezückten Notizbüchern genaustens aufzeichnen, wann wie viele davon von den arglosen Lesewesen wieder herausgefischt wurden. Irgendwann versteckten sich die Autoren bei ihrer nächtlichen Tätigkeit nicht einmal mehr voreinander; es wäre ob ihrer schieren Masse ohnehin kaum mehr möglich gewesen, und als einige von ihnen anfingen, die Findeaktionen ihrer Bücher durch die Hausbewohner mit lauten Jubelgeschrei zu quittieren, blieben die scheuen Lesewesen bald des Nachts wieder Zuhause und belebten statt dessen erneut tagsüber die nun von den Erfolgsschriftstellern wieder leeren Straßen und Plätze.
Diese jedoch stopften weiter ihre Bücher in den Müll und in dunkle Ecken, in der Hoffnung, dass Einer sie eines Tages zwischen den Amazon- und Zalandokartons finden und mitnehmen würde. Was wäre das für ein Erfolg? Anfangs war B. noch darunter, doch er zog sich bald schon zurück. In sein Tagebuch notierte er eines schönen Dienstags im April: Den Ruhm genossen, aber der Öffentlichkeit überdrüssig. Will wieder leben wie vorher, als ganz normaler Mensch. Gehe zurück an die Stanzmaschine.

12 Kommentare

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12 Antworten zu “– Jubelnde Autoren- Kurzgeschichte

  1. ich muss dir ein ❤ für diesen bitterlustigen beitrag dalassen. und ein kompliment: es erinnerte mich ein bisschen an die krummen machenschaften in moers' buchhaim.
    und ps: zurück an die stanzmaschine ist keine niederlage.

    • Lesewesen & Schreiberlinge sind auch real und außerhalb Buchhaims äußerst schräg- ich weiß das: ich hab grad 8 Stunden Buchhandel hinter mir. Freut mich, dass es Dir gefällt. Ein wenig bitter vielleicht, aber das soll nix heißen! Und PS: eine Buchhandlung ist ja auch noch lange kein Walzwerk!

      • du bist buchhändler?? oh kollege!! (na ja, ex-kollege, denn ich bin’s ja nur oder immer noch im herzen)

      • Jo! Sortimenter vom vermutlich alten Schlag! Hab`s mittlerweile für Familie, Schreiben und Referententätigeit aufs Minimum reduziert, aber bin immer noch in meinem wunderbaren Biotop der Belletristik-Abteilung einer Uni-Buchhandlung anzutreffen! Du also auch so eine! Ha, hätt ich mir denken können!

      • oh, belletristik, da hatte ich auch mal mein revier… allerdings nach der ausbildung nur noch zwei jahre, dann beschloss ich, vom schreiben leben zu wollen. und das hat ja auch geklappt (auch über hundefutter schreiben ist ja irgendwie schreiben).
        die candy, die bukowski – die ist übrigens auch so eine (gewesen)!

  2. JDC

    Eine unschöne und ungeschönte Perspektive auf den realen Publikationsalltag – unterhaltsam gehalten und doch ernst im Kern. Ich mag es 🙂 und ich danke für diesen herzlich ehrlichen (Ein-)Blick.

    Nein, die Stanzmaschine ist keine Schande.

    Es bringt einen Autoren jedoch ganz ernsthaft zu der Überlegung, was genau er von seiner Zukunft erwartet: gelesen werden, publiziert werden, bekannt werden oder reich werden? Und ob es darauf für jeden Schreiber nur eine ehrliche Antwort gibt?

    • Schön, dass Du das magst, JDC! Ich hab grad einen ganzen Rutsch solcher Storys in Arbeit. Macht Spaß! Und genau die von Dir angesprochenen Fragen stelle ich mir grad- da kam diese Geschichte irgendwie heraus…. Alles Gute, komm mal wieder vorbei!

      • JDC

        Hoppla, hatte den Like völlig vergessen. Wurde soeben nachgeholt. Und ich komme sehr gern wieder her 🙂

  3. Ich bring mal eben den Müll raus!

  4. Thyra

    oh, oh, oh, wo soll das alles enden 😦

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