„Frage zum Samstag“

titelbildfb„WAS IST DAS DENN FÜR EINE KUNST, DIE MAN IMMER ERST ERKLÄREN MUSS?“

– Diesen Satz hörte ich unlängst in verschiedener Form beim Diskutieren zeitgenössischer Lyrik.
Wie steht Ihr dazu? Muss ein Kunstwerk sich selbst und einen Sinn immer sofort oder überhaupt enthüllen, damit ein Nutzwert entsteht?
Gerne höre ich Eure Meinungen als Kommentar….

 

14 Kommentare

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14 Antworten zu “„Frage zum Samstag“

  1. Nein, das muss es nicht. Aber es braucht auch keine Angst davor zu haben.
    Finde allerdings sehr anregend, wenn ein Werk offen für mich als Betrachter ist, ich hineinfallen darf, eingeladen mich in ihm neu zu (er)finden.

  2. es möge zu mir sprechen, dies ist manchmal durchaus auch durch schweigen möglich.

    • Danke, Ihr Lieben! Also hat ein Gedicht, ein Bild, ein Musikstück für euch auch einen „Wert“, wenn es völlig kryptisch bleibt? Ich stelle noch mal in den Raum, ob es durch Mehrdeutigkeit evtl sogar „wertvoller“ sein kann?UND: gilt das für ALLE Kunstformen? Wie ist`s mit einem Roman oder einem Theaterstück? Sind auch solche Genres so frei, trotzdem Kunstgenuss zu sein, wenn sie auf eine klare Geschichte oder Aussage verzichten?

  3. Die Oberfläche sollte so beschaffen sein, dass sie einen dazu bewegt, sich eingehender mit der Sache zu beschäftigen. Wie eine Oberfläche auf jemanden wirkt, hängt wiederum sehr von ihm ab, von seinen Präferenzen, seinen Erfahrungen, der Projektionsfläche, die er dem Kunstwerk bietet. „Klare Aussage“ ist als solches ein schwammiger Begriff, wenn er in Richtung „Handlungsanweisung“ interpretiert wird, würde ich klar mit „nein“ antworten. Mich faszinieren generell Kunstwerke, die mir das Gefühl geben, dass ich einen Teil der Intention seines Schöpfers erschließe, die mich zum anderen Teil ratlos lassen. Die Mischung aus Lärm und Pop von Sonic Youth, die oft ins Unwirkliche überzeichneten Protagonisten in Wes Anderson-Filmen, die mich oft überfordernden Referenzen eines David Foster Wallace, die schwermütige Albernheit der Fotografien und Videoarbeiten von Sebastian Stumpf. Kunstwerke, die ich durchschaue, scheitern an mir, wobei ich sie nicht generell als gescheitert bezeichnen würde.

    • „Kunstwerke, die ich durchschaue, scheitern an mir, wobei ich sie nicht generell als gescheitert bezeichnen würde.“- das ist ein sehr guter Satz und einer, für den ich gern um Zitiererlaubnis bitten würde. Vielen Dank überhaupt für deinen klugen Kommentar! Natürlich ist „klare aussage“ ein schwammiger Begriff- ich erlebe halt oft, dass Leser nach der Lektüre eines -sagen wir- Gedichts klipp und kar sagen können wollen: „Dies ist ein Gedicht über den Herbst 1945, 4 Uhr nachmittags und da ist ein einbeiniger Mann mit Hund, der mir sagt: Herbstlaub ist rutschig“. Ich werde oft nach solchen definitiven Interpretationen gefragt und wenn ich dann antworte: „Ja, da ist eine gewisse Melancholie in den Bildern und der Stimmung, die macht sich auch am Klang bemerkbar, andererseits schwingt in den Wort x und der Wendung y eine gewisse Heiterkeit mit….“ dann reicht das dem Leser nicht, der andersherum z.B. einem Klavierstück von Chopin „nur“ lauscht und hinterher sagt: „SCHÖN“ oder“ NICHT SCHÖN“, ohne sich zu fragen, was dahintersteht oder aus welchen Akkorden und Klangfarben sich die jeweilige Wirkung ergibt…….Darf ich dich ungefragterweise noch einmal zitieren: „Die Oberfläche sollte so beschaffen sein, dass sie einen dazu bewegt, sich eingehender mit der Sache zu beschäftigen.“ Mir scheint das eine gute Wendung und Schlußfolgerung zu sein…..Vielen Dank!

      • Gerne und auch gerne zitieren, und je nachdem vielleicht gerne mit Quellenangabe. Wo denn? Bei dir? Dass Leute gerne diese klaren Sachen wollen und sich mit Ungefährem schwer tun, kenne ich auch. Zum Unterschied von Musik und beispielsweise Literatur, wie Musik sozusagen direkter in eine ungefährere Gefühlswelt reicht, habe ich vor nicht allzu langer Zeit ein Zitat gelesen, bei dem ich dachte, genau so… Wenn ich nur wüsste, was das war…

  4. Thyra

    Hallo Matthias

    Eine interessante Frage. Der von mir sehr verehrte Prof. Manfred Dinnes drückte es so aus: „Häufig wird die Frage an mich herangetragen, welcher Zeitaufwand bis zur Fertigstellung eines Bildes vonnöten sei, worauf mir immer nur zu antworten bleibt, daß ich bereits mein ganzes bisheriges Leben dazu benötigte. So ist das jeweils jüngste entstandene Werk gleichzeitig das älteste.“
    (aus Kunstkabinett Regensburg, Galerie „Riss“, St. Moritz, Katalog „Dinnes“, Isar-Post, Druck- und Verlags- GmbH, Landshut 1990, S.84)
    Das gilt sicher für jede Art von Kunstwerk, nicht nur für die bildende. Wie soll man aber sein ganzes Leben dem Betrachter auch noch erklären können? Bzw. warum sollte man das tun? Und das ist dann auch das Problem: es gibt einen Punkt, an dem Künstler und Publikum sich in gewisser Weise ebenbürtig (an Erfahrung, an Neugier, an Aufgeschlossenheit, an innerer Unruhe)sein müssen, um einander verstehen und einen Dialog führen zu können…..Also : wenn man nicht unbedingt seinen Lebensunterhalt mit der Kunst verdienen muss, dann sollte man es sich leisten, für Teile des Publikums kryptisch zu bleiben.
    liebe Grüße
    Thyra

    • Liebe Thyra, das sind spannende Überlegungen zu diesem Thema. Es ist halt ein Spreizschritt: ein Rätsel, finde ich auch, sollte bleiben -selbst bei Texten, Bildern, Stücken etc, die sich recht nah an die allgemeine Erfahrungswelt einer breiten Masse anlehnen. aber NUR Rätsel, wie mir eine andere Leserin per Mail schrieb, führt halt nicht zur erwünschten „Bereicherung“, sondern oft nur zu Rätsel…..Und: klar, kommerziell tauglich und kryptisch ist nur in seltensten Ausnahmefällen eine gute Kombination…wobei: in der Malerei z.B. fallen mir Beispiele ein, aber das führt zu weit….Vielen Dank für deine Meinung!

  5. Da sind ja schon einige interessante Aspekte zusammengekommen! Dank dafür!
    Produzent und Konsument teilen ja von vorn herein eigentlich immer eine Menge: Die Gattung Mensch, menschliche Gefühle, die Welt….das sollte doch eigentlich für einen gewissen Konsens taugen?! Dass aber jedes Ding, jeder Fakt interpretationsoffen ist, macht die Sache wieder schwieriger, als man zunächst annehmen würde…. Man könnte sagen: Naja, ein Schneebsen z.B. ist nicht in sonderlich viele unterschiedliche Richtungen deutbar…:die meisten werden ans Kuchenbacken denken oder ans genussvolle Abschlecken…aber derjenige, der als Kind mit einem solchen Ding regelmäßig den A….. vollbekommen hat, wird vielleicht ganz anders assoziieren…So ist es mit allem. Ich habe einmal die Erfahrung gemacht, dass eine entfernte Bekannte bei Vivaldis Frühling, dem wohl denkbar heitersten Stück, das mir gerade einfällt, stets in tiefe Depressionen glitt, weil es in ihrer eigenen Vergangenheit gerade lief, als ihr Vater einem Herzinfarkt erlag….Soviel zur Augenhöhe.
    Die Kluft beginnt m.E. schon da, wo zwischen Kunstwerk und Betrachtung eine Menge Jahre oder Kilometer liegen….Ich kann wohl einen deutschen Roman des vergangenen Jahres per se besser verstehen als einen aus dem Uruguay des 17. Jahrhunderts, weil die Schnittmenge zwischen dargestellter und meiner „Wirklichkeit“ größer ist, oder? Natürlich gibt es immer Kunstwerke, die diese Klüfte scheinbar mühelos überschreiten – diese müssen wohl als sehr sehr großartig in die Wertung eingehen…..

    Die Frage wär noch im Raum: Gewinnt Kunst durch eine Erklärung oder darf sie keine benötigen, um groß zu sein und wird dadurch „kleiner“? Vielleicht mag ja noch Jemand…….

  6. Spannend, die Kommentare hier! Besonders die Verweise auf den Kontext, der für jeden ja ein anderer ist, ist mir besonders wichtig.
    Ich sage gerne: Ein Text ist so tief wie sein Leser.
    Und ja! Kunst gewinnt durch eine Erklärung, durch jede Interpretation; wahre Kunst ist – natürlich kann ich da nur für mich selber sprechen – ein Raum, der mit jedem Betrachter expandieren kann und darf…
    gleichzeitig benötigt sie den Betrachter aber nicht.
    Danke Matthias, für deine immer interessanten Fragen!

    • Immer gern, Stefanie! Fragen hab ich genug- die Antworten liefert ja immer dankenswerterweise IHR!!

      „Ein Text ist so tief wie sein Leser.“- ist ein guter und richtiger Satz, für den ich ebenfalls gern um Zitiererlaubnis bei entsprechender Gelegenheit bitten möchte.

      Wenn dann im Umkehrschluss der Text flacher ist als der Leser? Ist er dann durchgefallen…nur für den einen, bestimmten Leser oder generell? Eher ersteres, oder- er kann ja dem weniger tiefen Leser wiederum genau auf Augenhöhe begegnen (da sind wir wieder) und somit seine Bestimmung gefunden haben, nicht wahr?!
      -Wo las ich das kürzlich? Sinngemäß: „Ein Buch ist dann gelungen und wertvoll, wenn es EINEM Leser etwas Besonderes sagt?“ – Ach ja, bei Helmut Krausser: Deutschlandreisen!

      Danke für die interessanten Gedankenanstöße! Mal wieder!

  7. Meine Erinnerung hat abgeliefert. Das Zitat zum Unterschied zwischen Musik und Literatur stammt aus „Dorian Gray“, „Musik war unartikuliert. Sie schuf in uns keine neue Welt, sondern ein neues Chaos.“ Außerdem lese ich derzeit in Houellebecq „Die Welt als Supermarkt“ und er kommt auch immer wieder auf das Spannungsfeld „Musik, Prosa, Poesie“ zu sprechen. Ich werde mehr und mehr zum Fan.

    • Oh, ein Zitat aus dem Dorian Gray kommt mir natürlich sehr gern hier unter! Ja, da scheint es Unterschiede zu geben in der Wirkungsweise verschiedener Kunstformen – und auch in unserer Bereitschaft, sie auf uns wirken zu lassen. Mag die Lyrik von der Lyra kommen und somit der Musik eng verwandt sein- heute scheint ihre Relevanz wohl eher in der aussage des Worte als in seinem Klang gesucht zu werden. Für mich bleibt jedes Gedicht auch Beschwörungsformel, auch Zauberspruch und in einem gewissen Mass gestehe ich das auch der Prosa zu -in der Beschwörung fremder, anderer Welten, in der Unabhängigkeit von der Realität….nur schreien wir in der Kunst heute so oft nach Realismus….. Abers, Wenns und Fragen ohne Ende, ich weiß! Aber Ahnungen von Antworten sind auch schon was. Danke für dein Engagement!

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