-Schwärzer –

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Berühre das schwarze Papier nicht.
Mein Leben lang strich ich die Buchstaben aus den Schmökern, löschte Geschichten -Letter für Letter- aus mit Schwarz. Ich weiß erst jetzt: Alles wird von alleine dunkler unter Licht.    
All die Dinge, die wir sagten – gestern, vorgestern, letztes Jahr, unsere ersten Worte – sind geronnen; ausgehärtet zu einem festen Block, zum Sockel, auf dem wir stehen und lustig von Wissen und Wünschen und Wettererwartungen schwatzen. All die Helden, all die Opfer, all die Bösen, diese Ichs und Dus in ihren Kostümierungen so papieren, so oblatendünn dem Wind, dem Feuer, befeuchteten Fingern ausgeliefert und nichts als Mensch mimende Worte – konserviert als rußige Partikel in Faserzwischenräumen; spürbar erhaben auf brüchigem Material, aufgeprägt mit angemessenem Druck, versenkt in Weiches. Worte als Spuren von mehr oder weniger Gewalt, absorbiert von Saugfähigem, beinahe ausgelöscht und nur noch schwacher Schein; angegriffen von Gilb, von Milben angefressen, abgeschabt von  Federmessern, übertüncht oder durch hinzugefügte Balken an einzelnen Lettern leicht in ihrer Aussage zu verändern. Nur Schimmer, sich lösend in Lichtquellen; Tinte, die sich verliert im Tintenmeer. Versuch nicht, auf den schmalen schwarzen Graten zu balancieren, die Ligaturen sind brüchig und tragen nicht mehr. 
Dein Gesicht, gepresst zwischen Seiten – zusammen mit den Zetteln und Notizen in den Girlanden deiner Schrift. Ich habe deine Worte im Staub versteckt und zwischen Silber und Glas des Spiegels. Ich finde Worte im Stahl des Schweigens – letztlich ein Abdruck der Wahrheit wie eine ausgebliebene Berührung nur eine Berührung im Negativ.
Gedanken, niedergelegt in Sand und in Krumen – die Dohlen pickten meine Lügen vom weißen Pflaster und läsen sich ihre Schnäbel stumpf dabei. 
Ich könnte mit dem Finger in den Dunst der Scheibe schreiben; mit dem Hammer Nägel tief in die Lagen der Geschichten treiben, bis hinein in die Herzen der Märchen und Sagen. Ich  könnte in Stein und in Wasser schreiben und in Haut – mit einer insektenleichten Belastung der oberen Schicht lustvoll meine Versprechen stechend.
Aber ich lese: die Zeit, Stille heute, in allen Zeilen nur ausgelassene Zeichen, ich lese die verborgenen Worte auf Sandpapier; geheime Botschaften von dir in all meinen Poren und Narben. 
Ein kleines Wort hing so lange unbeweglich in der Luft, sein dünner Schatten auf der leeren Wand, bis ich beschloss, nicht zuzugreifen sondern weiterzublättern zu einem helleren Absatz. Aber auch dort hat alles diesen Nachtgeschmack. Kann man denn wirklich sagen, ob der schmale Saum Licht unter der Tür noch Mond ist oder schon Schwelbrand? – Ich könnte hinsehen. Mein Blick stürzte sich mutig ins Dunkel, prallte hier und da von Metallischem ab und rollte scheppernd aus in der Tiefe.
Dein Gesicht, gepresst zwischen Seiten.
Es ist nicht dein Mund, nicht dein Auge, nicht dein Gesicht –  es sind deine Worte, dein Blick, deine Zweifel, die bleiben. In den labyrinthischen Kammern deines Fehlens ist mehr Du verborgen als in den verlorenen Papieren und Polaroids, längst verschlackt vom Vergessen.  Dein Auge bezeugt jede Tat, die ich sehe. Jede Geschichte, die ich verfolge, kommentiere ich für dein Ohr, von dem ich weiß, dass sein Abdruck unverwechselbarer Du sagt als jede Kennkarte, jede Unterschrift. Ob du dabei warst oder nicht –  du bist Zeuge. Hör der dunklen Geschichte nicht zu, forme nicht tonlos ihre angegrauten Worte.
Ich lausche den Dialogen der Stummen und erlerne beiläufig ihr leises Vokabular. Wohlig gehüllt in meine Netzhaut fische ich nach flüchtigen Bildern- bin ganz Sinn, Pupille und Flimmerhaar. 
All die ausgegossenen Sätze, die Flecken, in denen man Dinge sehen will, die Augen in der Maserung des Holzes, die Gesichter in der blassen Nässe der Decke, die Finger,  verborgen im Blattwerk des Ficus: All das geht –auch mit den stärksten Mitteln– nie mehr raus. Und nichts, nichts davon steht in den wurmstichigen alten Schwarten.Was nur bleibt, ist Weiterreden, Weiterschreiben, weiter Zeichen ausstreuen wie Reisig, damit der Schritt greift auf dem glatten Grund, bis alles überdeckt ist  und selbst dann noch fühlbar bleibt, wie der Stoff dort anders beschaffen scheint, wo die Worte sitzen und geduldig warten, gelesen zu  werden.  Komm später zurück und schau, ob sich die Geschichte geändert hat.
Ich könnte schweigen: Würdest du mein Wort so lange halten? – Vielleicht reimt es sich am Ende in irgendeiner Sprache auf Licht. 
Das Lektorat und Korrektorat besorgte Sebastian Schmidt. Vielen Dank dafür!

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