– Kommt ein Blogstock geflogen…-

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Mit etwas Verspätung greife ich mit diesem Beitrag die Einladung Wolfgang Schniers auf, der mir freundlicherweise dieses Blog-Stöckchen zuwarf. Über Bücher schreiben? -Für Jemanden, der liest wie blöd und auch selbst Bücher verfasst, kann und muss das nur eine Freude sein! Und das ist es für mich. Durch diese Fragen noch einmal einen Blick auf die eigene Lesebiographie und das eigene Lektüreverhalten zu werfen, ist allemal eine Pause vom Alltag wert. Gern hätte ich es früher getan, aber erst jetzt, wo mein neues Manuskript beim Verlag und ein möglicher Titel gefunden ist, etc., gewinne ich  neben dem weggelegten Stapel der zur Recherche benötigten Karten, Lexika und Biographien allmählich wieder meine Lust auf „fremde“ literarische Produktion zurück!

Nun denn: Danke, Wolfgang für die Einladung!

Welches Buch liest du momentan? Warum liest du das Buch? Was magst du daran?

Wie eigentlich schon die letzten Jahre ist mein Leseverhalten im Moment etwas aufgeteilt. Da ist auf der einen Seite das berufliche Lesen, als Buchhändler und Leiter mehrerer Lesekreise und auf der anderen ist die rein private Lektüre. Beide Seiten befruchten und ergänzen sich natürlich. Es gibt also nie nur EIN Buch, mit dem ich mich gerade beschäftige. Zudem ist der Jahresanfang für mich buchtechnisch immer eine besondere Zeit, denn unterm Weihnachtsbaum lagen mal wieder (durchaus erwünscht) ausschließlich Druckerzeugnisse, die noch nicht ab-„gearbeitet“ sind und Ende Janaur habe ich Geburtstag, zu dem sich dann (ebenfalls erwünscht) noch ein weiterer Stapel Bücher einfindet.
Wirklich sehr, sehr gereizt hat mich im vergangenen Herbst der erste Roman von Katharina Hartwell: Das fremde Meer. Jüngere deutsche Gegenwartsliteratur ist ja einer meiner Leseschwerpunkte und Katharina Hartwell ist vom unverschämt jungen Jahrgang 1984! Ich kanne bereits einige ihrer Erzählungen und war ohenhin auf etwas Größeres von ihr gespannt. Das fremde Meer hat dazu noch einen äußerst interessanten Ansatz und ich bin wirklich unglücklich, dass ich die Lektüre für neu anstehende Lesekreis-Bücher kurz unterbrechen musste. Hartwell erzählt ein und diesselbe Geschichte in jedem Kapitel in einem anderen literarischen Genre. Es gibt ein Märchen- und ein Science Fiction- Kapitel, ein historisierendes und so weiter, immer verknüpft mit kleinen Überleitungen, die die „eigentliche“ Geschichte fortführt. Alle Figuren wandeln sich und tragen jeweils andere Namen, aber die Grund-Konstellation bleibt immer erkennbar. Sehr mutig, aber sehr gekonnt.
Daneben lese ich abends immer ein paar Absätze in Martin Kessels Erzählung: Am Laubenheimer Platz, erschienen in der wunderbaren kleinen Reihe der Friedenauer Presse, bei der mich allein der Satzspiegel, das Papier und die Gestaltung in Verzückung versetzen. Kessel, dessen Roman: Herrn Brechers Fiasko ich bereits sehr schätze, war einer DER  Erzähler des Berlins der 20er Jahren. Wortwitz, Charme und ein enormer Esprit zeichnen neben einer großartigen ironischen Beobachtungsgabe seinen Erzählstil aus.
Ebenfalls so zwischendruch habe ich Kapitel aus Umberto Ecos neuem Buch: Die Geschichte der legendären Länder und Städte gelesen, da mich das Thema enorm interessiert und inspiriert und Eco ein so gleichermassen genauer und unterhaltsamer Erzähler ist. Tja und auf beruflicher Seite las oder lese ich gerade Lars Gustafsson, Alice Munro, Thomas Hettche und erneut Max Frisch, mit dessen Tagebüchern und Homo Faber wir uns in einem der Lesekreise beschäftigen. Dazu immer: Gedichte! Von Hans Ulrich Treichel, Hedrik Rost und William Carlos Williams, teils als Aufwärmer für die Lesekreise, teils als Anregung für meine nebenbei noch entstehenden eigenen Texte…

Wurde dir als Kind vorgelesen? Kannst du dich an eine der Geschichten erinnern?

Ich kann mich nicht konkret erinnern. Ich denke, die Geschichten, von denen ich weiß, dass meine Mutter sie erzählt hat, waren zum Teil vorgelesen. Vermutlich habe ich damals den Schnitt zwischen einer selbst erfundenen Geschichte und einer vorgelesenen einfach noch nicht gemacht. Noch bei den ersten von mir selbst gelesenen Büchern machte ich als Kind überhaupt keinen Unterschied zwischen Realität und Fiktion. Jedes Buch war wahr und einzigartig und allein für mich geschrieben- so war mein Gefühl, nein: meine Überzeugung! ALLE Protagonisten waren in gewisser Weise ICH, andere Erscheinungsformen und Teile meiner Selbst. Meine Eltern hatten mir irgendwann ein Buch geschenkt, in dem die Hauptfigur meinen Vornamen trug und ungefähr mein Alter hatte, sogar auf den Illustrationen sahen wir uns ähnlich. Vielleicht kam der Gedanke daher. Obwohl (oder gerade WEIL?) die Geschichte nichts mit meinem eigenen Leben zu tun hatte, war ich ungeheuer gespannt darauf, wie dieser Namensvetter sie durchleben würde. So ist es im Prinzip bis heute geblieben, stelle ich gerade fest. Jeder Held, selbst, wenn er mir nicht ähnlich sieht, ist eine Variante von mir selbst oder zumindest ein Vertrauter und Angehöriger derselben Spezies und somit als Identifikationsfigur tauglich.

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Gibt es einen Protagonisten oder eine Protagonistin, in den/die du mal regelrecht verliebt warst?

Nach dem besagten Namensvetter aus dem Kinderbuch waren das viele, unendlich viele. Im wahrsten Sinne „verliebt“ war ich wohl in die kindliche Kaiserin aus Michael Endes Die unendliche Geschichte. Wie so viele heranwachsende Männer (ich definiere das übrigens bis etwa 65 Jahre) fühlte ich mich Salingers Holden Caulfield aus dem Fänger im Roggen besonders nah. Seine kindliche Verwunderung über die Welt und sein hartnäckiges Hinterfragen der Konvention auf der Schwelle zum Erwachsenwerden haben mir immer als Vorbild gedient. Aber ich kann mich heute noch in den Anti-Helden eines Hans Ulrich Treichel oder Wolfgang Herrndorfs hineinfühlen und sagen: „Ja, Mann! Genauso ist es!“

In welchem Buch würdest du gern leben wollen?

Die Frage ist für mich gleichbedeutend mit : In welcher Welt würdest du gerne leben, denn alle Geschichten spiegeln unsere wirklich Welt in mehr oder weniger konkreter Weise wieder. In den meisten Büchern gibt es genauso Gewalt und Misstände wie im Hier und Jetzt und ich kann nicht wirklich behaupten, dass ich mich nach solchen sehnte! Ich will eigentlich kein Abenteuer und ich bin auch nicht auf Konflikte heiß. Es müsste eigentlich ein Buch sein, in dem Ruhe und Frieden herrscht, Versöhnlichkeit. Klar reizen die Welten von Tintenherz und Harry Potter oder Narnia, aber dort wird gekämpft, gemordet und verhext….. Nachbarn wie Dorian Gray oder Sherlock Holmes zu haben wäre natürlich toll, aber diese Dekadenz und all die grauenhaften Verbrechen verschafften dieser Welt auch nicht gerade einen Standortvorteil! Ich glaube, ich würde wohl höchstens in die Welt des Buches passen, an das ich mich als allersertes erinnere: Mein kleiner Esel Benjamin.  Die kleine Susi erzählt von ihrem Leben auf einer Insel im Mittelmeer, zusammen mit ihrem Papa, ihrer Mama, ihrer kleinen Schwester und vor allem mit Benjamin. Benjamin ist ein Eselbaby, das seit dem Tag bei Susi wohnt, an dem sie es mit ihrem Papa gefunden hat. Gemeinsam wird gespielt, gebadet, gelacht und geweint. Benjamin ist Susis bester Freund. Das folgende „Abenteuer“ ist so klein und das Happy End so absehbar, dass ich mir dieses kleine Buch als Heimstatt ganz gut vorstellen könnte. Weiterhin wären einige Lindgren-Bücher annehmbare Meldeadressen, denn dort sind meistens Sommerferien, herrscht angenehmes Wetter und die Erwachsenen sind überwiegend nett: Ja,  Bullerbü oder Saltkrokan würde ich ganz gern als Absender auf meine Postkarten an Freunde schreiben.

Nun müsste das Stöckchen von mir weitergeworfen werden- ich werde versuchen, diesr Aufgabe nachzukommen und unter meinen Blog-Kontakten noch den Ein oder Anderen anzusprechen, der noch nicht zum Zuge kam. Das kann aber ein paar Tage dauern- ich bitte um Geduld! Sollte sich derweil Jemand von diesem Beitrag angesprochen fühlen und selber Lust bekommen, die Fragen aus seiner Sicht zu beantworten- dann darf er das gerne tun! Ich würde mich freuen.

2 Kommentare

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2 Antworten zu “– Kommt ein Blogstock geflogen…-

  1. Kinderbücher sind prägend, ich sags ja! Danke fürs Fangen!

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