Rezension: -Der Strick um meinen Hals- von Heinz Kröpfl

Zunächst: Heinz Kröpfls Buch
Der Strick um meinen Hals besteht tatsächlich nur aus EINEM Satz, einem SCHLUSS-satz, wie der Untertitel sagt.

Das ist natürlich eine beeindruckende Idee, wenn auch für den Genuss des Textes nicht entscheidend und letztlich auch getrickst, denn der Autor behilft sich mit Strichpunkten und Klammern, wo ein Punkt die übliche Verfahrensweise gewesen wäre. Aber: diese Entscheidung Kröpfls, auf den Punkt am Ende des Satzes zu verzichten und einfach immer weiter und weiter zu erzählen, verstärkt auch den Eindruck, einer mündlichen Erzählung zu lauschen. Wie oft verschachtelt man im Sprechen in weit über Thomas-Mann-Manier herausgehende Art und Weise und weiß ehrlicherweise am Ende selbst nicht mehr, wo der eine Halbsatz anfing und der wievielte Einschub endete…Wer`s nicht so sieht, möge sich einmal beim Erzählen selbst darauf prüfen. Kröpfl jedoch weiß übrigens genaustens, wie er seinen Satz baut- kein Teil davon läuft ins Leere und findet letztlich -auf mäandernden Bahnen, in Schlingen und Schlaufen, seinen Sinn.

 Das Anlehnen an mündliche Erzählmuster macht auch inhaltlich Sinn, denn es handelt sich bei „Der Strick um meinen Hals“ um eine Familiengeschichte, die -nach alttestamentarischem Vorbild- oft zeitlos und endlos umher- und von hier nach dort springt. (Erinnere man sich hier einmal an die Erzählungen „von früher“ der eigenen Groß- oder des eigenen Großvaters) Kröpfl erzählt von den Seinen und den Eltern; erzählt vom lieblosen Vater, der „Menschenangst“ des jungen Selbst. Mit Einschränkungen, Relativierungen, Ungefährem erzeugt er auf gekonnte Art und Weise Distanz zum bitteren Stoff seiner Geschichte. Es könnte so oder dort gewesen sein, aber letztlich bleiben Ort und Zeit nicht relevant. Im schwierigen Verhältnis zum Vater, in der innigen Liebe zur Mutter erinnert mich der Text an Kafkas Brief an den Vater und sprachlich schimmern einige der besten Beispiele der deutschen Literatur durch, wenn es um das Provinzielle, Piefige und Bildungsferne der eigenen Herkunft geht. Natürlich ist da Kröpfls Landsmann Thomas Bernhard allgegenwärtig und sogar im Text genannt. Dessen Technik der bewussten Wiederholung sprachlicher Muster und Motiviken hat Kröpfl bestens studiert.

Und der Titel? – Ja, der Autor sagt bereits zu Beginn des Textes: Von den Verhaltensweisen und Wesenszügen der vorigen Generationen -ja Mehrzahl(!)- war schon das Ungeborene GESCHÄDIGT. Alles läuft auf nichts Gutes heraus. Den Begriff FAMILIENBANDE sollte man hier einmal so wörtlich nehmen wie möglich. Das Leben, die eigene Geschichte: Alles läuft ab -„wie am Schnürchen“, man ist gebunden, VERbunden an und mit Heimat und Familie und kann genauso gut davon gefesselt sein und an der Entfaltung des eigenen Ichs gehindert. Und der Strick ist letztlich nur eine andere Erscheinungsform von Schnur und Seil und Band.

Wie sicher und variantenreich Kröpfls Sprache bei allen scheinbaren Endlosschleifen daherkommt, beeindruckt schon sehr. Biegsam wäre ein geeigneter Begriff. Und auch seine Erzählhaltung ist klug und angemessen gewählt. Kein Anflug von übertriebenem Pathos, kaum Schuldzuweisung, dafür klare, knappe, an manchen Stellen bitterkomische Charakterisierungen. Hierin ist Kröpfl Meister.

Ohne allzu große Mühe hätte Kröpfl einen großen Generationenroman daraus basteln können -man sieht die Gestalten seiner Geschichte auch nach nur wenigen Worten vor sich- dass er es nicht getan hat, beweist Mut und Gespür und ist ihm letztlich zu danken.“Der Strick um meinen Hals“ beweist auf eindrucksvolle Weise erneut, was für Perlen es abseits des Mainstreams zu finden gibt. Und dass durchaus noch Möglichkeiten bestehen, mit Formen des Erzählens zu spielen und ihnen Neuartiges abzugewinnen, ohne den Stoff aus den Augen zu verlieren.

Heinz Kröpfl, geboren am 30. April 1968 in Leoben, lebt nach langjährigen Aufenthalten in Salzburg und in Graz, wo er viel Zeit in einer Universitätsbibliothek verbrachte, derzeit wieder in der Obersteiermark, wo er sich der Literatur verschrieben hat.
Bis jetzt hat er elf Bücher veröffentlicht, zuletzt den Ein-Satz-Roman „Der Strick um meinen Hals – Ein Schlusssatz“ (LaGrand Verlag 2013) und davor im Asaro Verlag die Romane „Der Rattenschwanz oder Nachrichten an den Therapeuten. Ein Reisebericht“ (2012), „Der See. Eine Ausuferung“ (2010) und „Deus Formicarum – Der Gott der Ameisen“ (2008).
Daneben weist er zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik und Prosa in Anthologien, Literaturzeitschriften und Zeitungen aus Österreich, Deutschland, Spanien und Indien sowie in Rundfunk und Fernsehen auf.Heinz Kröpfl im Web: heinz-kroepfl.jimdo.com
Der Strick um meinen Hals
  • LaGrand
  • 166 Seiten
  • ISBN-13: 978-1492341260

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