„Wir greifen die Vorteile des Selfpublishings auf und verbinden diese mit traditioneller Verlagsarbeit.“ – ein Interview mit: Jonas Navid Mehrabanian Al-nemri vom kladde buchverlag-

In der letzten Zeit wird viel gesprochen über den Niedergang der klassischen Verlagswelt. Man hört hier den Begriff Self publishing klingeln, dort schwirrt ein social reading durch den Raum- die Konzepte verändern sich praktisch stündlich. Und während die Leser versuchen, in dem Getöse weiterhin guten Lesestoff zu finden, hocken mttendrin die Autoren und wissen nicht, auf welchen Zug sie aufspringen sollen, um ihre Bücher an die Leute zu bringen- wenn sie darüber das Schreiben nicht ganz vergessen!
Und dennoch hört man hier und da mit einem leisen -plopp– zarte Knospen aufgehen- inmitten all der vermeindlich bröckelnden und stürzenden Säulen der Buchwelt entstehen auf einmal neue Verlage, die sich oftmals „alte Werte“ wie ein anspruchsvolles, sorgfältig lektoriertes und sauber gemachtes Buch als Ziele auf die Fahnen geschrieben haben. 
Wie das?– will man fragen! 
Ist das nicht „old-school“?
Ist das nicht Irrsinn?
Warum soll denn ein Autor da hingehen,
wenn er das doch heute alles alleine kann?
Heute habe ich die Gelegenheit, einen der Köpfe eines solchen neuen Verlages zum Interview zu begrüßen.
Jonas Navid Mehrabanian Al-nemri, den einige vielleicht aus der 7.Folge meiner Reihe -Blindverkostung- noch als Autor kennen, hat in diesem Jahr den Schritt vom Schreiber zum Verleger getan und sich freundlicherweise bereit erklärt, ein kleines Frage-Antwort-Spiel mit mir zu treiben!
jonas navid
-Hallo Jonas. Schön, dass du Zeit gefunden hast, mir für ein paar Fragen Rede und Antwort zu stehen. Sicher habt Ihr beim kladde buchverlag grad alle Hände voll zu tun, oder?
Jonas:
Ja. Und wie! Wir haben damit auch überhaupt nicht gerechnet, deshalb traf uns das große Interesse gerade auch von Seiten der Autorenschaft recht überraschend. Aber wir können das mittlerweile ganz gut händeln.
-Machst du da alles allein? Ist es so eine Art „Ein-Mann-Unternehmen“?
Jonas:
Nein. Das geht auch gar nicht. Unser Konzept braucht ein Team, braucht Menschen aus den verschiedensten Bereichen. Eben weil wir nicht nur Bücher machen, sondern auch viel drumherum. 
armstrongcoverumm nur-Ich habe dich zunächst als Autor kennengelernt. Dein wunderbares Buch Umm nur ist seinerzeit ja im selben Verlag erschienen wie mein letzter Gedichtband. Erzähl doch mal: wie kam es zu der Entscheidung, einen eigenen Verlag zu gründen? Man könnte jetzt fragen: Ist das so eine Art Hobby ohne wirkliche Ambitionen oder willst du da jetzt nur deine eigenen Bücher auf eigene Faust vertreiben?
Jonas:
Ich halte nicht wirklich viel vom Selbstverlag oder „sich selbst verlegen“ – in unserem Fall liegt hier außerdem immer noch die Crowd als Instanz dazwischen, selbst wenn ich wollte, müssten auch meine Bücher erst einmal mal das Funding durchlaufen. Es ist auch auf gar keinen Fall ein Hobby. Dafür ist auch die Verantwortung viel zu groß. Wir haben uns die Branche mal angeschaut und uns überlegt, wie man die Probleme lösen könnte. Zwischen anonymen Verlagsmonopolen und schwindenden Kleinverlagen, Selfpublishern, BoD-, Pseudo- und DKZ-Verlagen fehlt etwas ganz Entscheidendes: und wir glauben, dass crowdpublishing (also Publizieren auf der Basis von Crowdfunding) diese Lücke füllt.
-Du sprichst von „crowd“ und „funding“- damit wird noch nicht Jeder etwas anfangen können: Erklär mal genau: Worin liegen denn die Stärken eures Konzeptes und in wieweit unterscheidet ihr euch von anderen Verlagen? Die Gretchen-Frage im Bezug auf die Verlagswelt ist m.E. im Moment wohl: Seid ihr vielleicht einer dieser Verlage, bei denen der Autor selbst Geld mitbringen muss?
Jonas:
Erst mal zu Gretchen: Nein. Auf gar keinen Fall. Wir distanzieren uns ganz bewusst von diesen Praktiken, die leider immer mehr Überhand nehmen. Uns kontaktieren so viele Autorinnen und Autoren mit dieser Frage, das ist wirklich beängstigend. Es zeigt aber auch, wie weit es in der Branche mittlerweile geht. Wir sehen „Schrifstellerei“ als Beruf und Berufung an, keine Autorin und kein Autor sollte für seine Arbeit bezahlen müssen.
Crowdfunding steht für Schwarmfinanzierung und bedeutet eigentlich, dass Menschen gemeinsam Projekte aller Art finanzieren und realisieren. Wir wollen in diesem Zug Crowdpublishing in der Branche etablieren, hier haben Leserinnen und Leser die Möglichkeit Bücher zu unterstützen und damit eine Publikation zu ermöglichen. Damit gestalten sie gemeinsam die Literaturlandschaft und überlassen dies nicht einem abstrakten Markt, nachdem Großverlage derzeit kalkulieren. Das Tolle: jede Unterstützung wird belohnt – es handelt sich also nicht um Spenden oder reines Sponsoring – jeder Funder erhält immer einen Gegenwert entsprechend seines Einsatzes, sei in Form eines Buches mit persönlicher Widmung oder in der Übereignung des Werkes auf den Namen seines Mäzens. 
Crowdpublishing ist also ein Merkmal das uns deutlich von allen anderen Verlagen unterscheidet. Dies wiederum macht es möglich, dass wir auf eine faire und nachhaltige Produktion wert legen können (wir nennen das fairpublishing), so erhalten beispielsweise Autorinnen und Autoren ein faires Honorar (weit über dem Branchendurchschnitt). Außerdem fördern wir den regionalen, inhabergeführten Buchhandel, in dem wir auf den Vertrieb über große Internetdienstleister verzichten und der Buchhandlung von nebenan weitaus bessere Konditionen anbieten.
Der dritte wichtige Punkt heißt lifestylepublishing. Gerade in Zeiten des ebooks ist für uns wichtig, Literatur als Lebenstil zu definieren. Unser Verlag steht also auch für eine Marke, mit eigenem Branding. Wir achten hier also auf ein gutes Design, gute Verarbeitung und schöne Gestaltung. Wir wollen ein Buch als Statussymbol.
-Ist die Gründung eines klassischen Verlages in Zeiten des self publishings nicht in etwa so wie das Eröffnen eines Tante-Emma-Ladens in einer Straße voller Supermärkte?
Jonas:
Nein. Selfpublishing ist ein Weg, der sich aufgrund des desolaten Zustands der Branche entwickeln musste. Wäre die Branche „richtig“ bräuchte es das Selfpublishing nicht. Wir aber greifen die Vorteile des Selfpublishings auf und verbinden diese mit traditioneller Verlagsarbeit. 
-Was du oben erzählt hast, klingt jetzt ein wenig elitär. Wie erreicht ihr denn euer Publikum? Wer ist die Crowd und wo kaufe ich eure Bücher? Ist es denn nicht so, wie es Einem scheinen könnte, dass 90% der Leser erstmal eine amazon-Suche starten, wenn sie was lesen wollen? 
Jonas:
Ganz bestimmt ist das so. Genauso kaufen viele im großen Supermarkt, anstatt im Bioladen nebenan. Aber ich glaube das Ziel sollte sein das Publikum dafür zu sensibilisieren. Und ich glaube, dass ist der richtige weg. Immerhin gab es vor 20 Jahren gerade mal Hippie-Bioläden mit Demeter & Co. und heute hat jede Kette ihr Biosiegel. Das Internet ist und wird immer der erste Weg sein, deshalb ist es wichtig diesen Weg mitzugehen, aber dennoch für Werte und Wertigkeit zu stehen. Die Crowd können letztlich alle sein. Leserinnen und Leser, Buchhändlerinnen und Buchhändler, Journalistinnen und Journalisten, Mäzeninnen und Mäzene und und und.
-Wie kann man denn Teil davon werden? Wenn ich zum Beispiel ein Projekt von euch fördern wollte? Wie findet ihr mich oder ich euch?
Jonas:
Als Basis für unsere Fundings dient startnext. Die Plattform hat bereits eine hervorragende Infrastruktur und ist richtig gut etabliert. Da aber nicht jede Interessentin und jeder Interessent unbedingt internetaffin ist, wird es auch die Möglichkeit geben uns direkt zu die Unterstützung zukommen zu lassen, damit wir diesen Anteil dann in das Funding einfließen lassen können. Hierfür folgen aber noch genauere Infos auf unserer Seite. 
-Du erzähltest mir vorab schon mal, dass eure Bücher auch nach gewissen ökologischen Kriterien hergestellt werden- wie sehen diese aus und: dann sind sicher hohe Ladenpreise zu erwarten, oder?
Jonas:
Der Ladenpreis entspricht tatsächlich dem Wert des Buches. Da wir Hard- und Softcover vereinen, wird auch der Preis genau zwischen diesen zwei Sparten liegen. Das bedeutet einheitlich 15 € für das gedruckte Buch und 7 € für das eBook. Damit ist die umweltorientierte Produktion aber auch das faire Honorar möglich. Aber auch hier stützt das crowdpublishing wieder unser Konzept, denn ohne die Crowd wären Materialien, Papiere und Honorare dieser Art nicht möglich.
-Und euer Programm? Fantasy, Romantasy, n` paar Vampire oder Wanderhuren sind nach dem, was du so erzählst, wohl eher nicht zu erwarten, oder? Vielleicht statt dessen post-post-postmoderne Hipster-Lyrik? 
Jonas:
Ha! Wir machen Literatur. Damit ist alles möglich. Leserinnen und Leser sind so verschieden, daher wollen wir kein Genre ausschließen. Ein Buch, dass seine Leserinnen und Leser findet, wird publiziert.
-Du sagtest schon: es haben sich viele Autoren für euer Konzept begeistert. Gibt es also schon Projekte, die ihr sicher bringen werdet und wann ist mit dem ersten kladde- Buch ungefähr zu rechnen? 
Jonas:
Ja. Und vor allem haben uns auch renommierte Autorinnen und Autoren angesprochen – das hat uns umgehauen. Wir haben mittleiweile rund sechs Projekte im Anschlag, eines wird in Kürze starten – passend zu Weihnachten ein schönes, weihnachtliches Kinderbuch. Aber mehr verrate ich nicht. Wer mag, kann uns bei Facebook (
http://www.facebook.de/kladdebuchverlag) folgen oder den Newsletter abonnieren und erfährt dort regelmäßig die bevorstehenden Projekte.
-Sucht ihr denn aktuell noch Manuskripte oder sind die Lagerhallen schon mehr als gut gefüllt?
Jonas:
Ich glaube, wir werden immer neue Manuskripte suchen und annehmen. Was würden wir alles verpassen? Wir reagieren auch auf das wachsende Interesse. Falls also nun Textfluten über uns hereinbrechen, werden wir genug fleißige Lektoren haben, die diese Flut zu bändigen wissen.
-Irgendwo hab ich ein wirklich toll gemachtes Video gesehen, das eure Idee unheimlich anschaulich rüberbrachte!
Hast du da einen Link, den ich meinen Lesern mitteilen könnte!? Euch selbst findet man also auf Facebook etc., aber ihr habt auch eine sehr schöne Homepage! 
kladde
Jonas:
Wir sind auch selbst heimlich ganz stolz auf unsere Website. Denn sie entspricht auch unserer Vorstellung einer modernen Manufaktur, das, was wir auch präsentieren wollen.
http://www.kladdebuchverlag.de  Und: Ja, wir haben bisher zwei kleine Powtoons produziert:
http://kladdebuchverlag.de/video-so-geht-kladde-fur-autoren/  und
http://kladdebuchverlag.de/video-geht-kladde-fur-die-crowd/.
-Ich wünsche euch wirklich ganz viel Erfolg mit euren Ideen und Projekten. Das Ganze spricht mich sehr an und ein Blick auf eure Seiten lohnt sich meines Erachtens sehr!
Jonas:
Danke! Wir hoffen auch sehr, dass wir noch mehr Menschen von dieser Idee begeistern können. Wir brauchen in jedem Fall so viele Unterstützer wie möglich, sei es in den Fundings, in der Presse oder im Weitererzählen.
-Eine Frage noch als Bewunderer deiner eigenen Erzählkunst: Wirst du selbst noch Zeit zum Schreiben finden- bei all der Lektüre und Bearbeitung „fremder“ Texte?
Jonas:
Ich habe Texte in Vorbereitung, aber das hat für mich derzeit keine Priorität. Wobei es schön wäre, mehr Zeit zu haben. 
Dann bin ich gespannt, was wir in Zukunft von euch zu lesen und zu sehen bekommen und danke dir ganz ganz herzlich für diesen interessanten Einblick in euer Tun! Alles Gute und viele Grüße an deine Mitstreiter. Ich behalte euch auf jeden Fall im Auge!
Wie Jonas schon sagte: -So eine Idee braucht Öffentlichkeit und Verbreitung, um zu wirken! In seinem und im Interesse des Verlags würde ich mich über eine Verbreitung dieses Interviews sehr freuen. Postet es, rebloggt es, erzählt euren Offline-Freunden davon, schickt Brieftauben oder trommelt dafür, wenn es euch überzeugt hat! Danke!
 

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