-dingfest- rezensiert von Stefanie Jerz

„Das DING ist ein FEST!!!“,Bild meinte die Autorin Hanna Scotti nach dem Erhalt eines der allerersten Exemplare meines gemeinsam mit dem Künstler Walter Brusius entstandenen Büchleins -dingfest-.
Nun hat sich auch die in Duisburg lebende Kollegin Stefanie Jerz des Bändchens angenommen.
Hier ihre Rezension, für deren Tiefe und Ausführlichkeit ich gar nicht genug danken kann!

„Ich mag das sehr, wenn Lyrik einem Vexierbild gleicht, sie mehreren Interpretationen freien Raum lässt. Zu oft, wollen Texte mir sonst entweder vorschreiben, welche Sicht ich einnehmen soll, oder aber sie verstecken sich hinter einer formalen Exklusivität, mit der auch die Schneider im Märchen Des Kaisers neue Kleider den mangelnden Stoff ihrer Werke verbergen wollten. Matthias Engels beherrscht in seiner Poesie die große Kunst vielschichtig zu schreiben und dabei verständlich zu sein. Er erschafft konkrete Bilder ohne ihnen einen zu engen Rahmen zu verpassen. Vom Naturgedicht bis zur surrealen Anordnung beherrscht er die Erzeugung verschiedenster Stimmungen und Atmosphären. Er hat keine Angst davor begreifbar oder zumindest annehmbar zu sein. Das rechne ich ihm hoch an.

dingfest2Eins meiner Lieblingsgedichte in diesem Band ist „Posse“ und bezeichnend für den Facettenreichtum, den ein Text haben kann.

„eine zunge klebt
an einem frostigen wort
an einem zugigen ort
feilschen direktoren
um die schuld…“

Gleich bin ich drin, in einem Raum in dem ich mich innerlich ducken will. Etwas ist passiert…Direktoren feilschen um die Schuld. Verantwortung wird also geflüchtet. Verantwortung für was?

„eine zunge klebt an einem frostigen wort…“ da hat jemand etwas Falsches gesagt?

„hinter der bühne
beklatscht das publikum
die statisten und im käfig
stimmt der solist
sein gewehr…“

Jetzt bin ich im Theater, ganz eindeutig. Geht es also um eine Aufführung? Erste Verknüpfung: Theater/Arbeitsverhältnis (denn im Theater würde der Intendant das zugige Wort ahnden oder führen, nicht ein Direktor, den verorte ich im Arbeitsleben) Das Publikum hinter der Bühne klatscht für die Statisten. Das sieht nach schadenfrohen Danebenstehern aus. Wird da im heutigen Büro gemobbt? Oder befinde ich mich in shakespear’schem Bühnenfamilienbetrieb? Das im Käfig der Solist sein Gewehr stimmt beschreibt Kampfbereitschaft des Einzelnen, zum Schlag wird ausgeholt und wenn jetzt in der nächsten Strophe ich angesprochen werde

„die kontinente
liegen passgenau
in der fläche deiner hand“

bin ich in der verantwortungsvollen Rolle des neutralen Betrachters, der diese Situation werten soll. Bin aufgerufen, Wertmaßstab anzulegen und gleichzeitig drohen mir die Masken an der Wand, Zeichen der Macht, dass ich nichts tun kann und höre den eventuellen Schuss gar nicht, den der Solist jetzt feuert.

„und an der wand
lächeln überlegen
die masken
dumpf fällt der schnee
auf das trommelfell“

In den oberen Etagen der Macht („unter den fresken knien die schützen nieder in den logen, lauern die löwen auf das schweigen der souffleuse), wird aufgepasst, was an Gruppendynamik so geboten wird vom niederen Volk. Und im nächsten Vers wird das von mir vermutete Theater zum Zirkus (ich kam wohl dahin, weil Theater für mich der allesmöglichmachende Zirkus der Worte ist). Nämlich:

„in einem leeren rund (Manege eben, keine Bühne) sucht dürers hase

seinen hut…“

Theater, Zirkus, Arbeitswelt, Machtstrukturen, Gruppendynamik, Dürers Hase dazu für diejenigen, die gleich die Situation verlassen wollen…so schnell als hasenmöglich. Hasenfuß nimmt schnell seinen Hut, Verantwortung abgelehnt. Hier wieder Hut für mich als Symbol für Arbeitsverhältnis. Dürers Hase hing zigfach kopiert auch in den bürgerlichen Wohnzimmern. Aus den Logen der Macht heraus wird auch die Welt vor dem Zirkuszelt beoachtet, wie sich die Armen nämlich noch beklauen müssen, um irgendwas zu tun:

„in der fußgängerzone
verteilen primaten
groschen
aus der kappe
des leierkastenmanns“

Das sind keine edelmütigen Robin Hoods, sondern sie alle sind Überlebenskämpfer!

„an der decke
prankt kalt
ein sternenzelt
in dunklen ecken
nennen die schatten
ihren preis
für verschwinden“

Besser, knapper kann man Korruption nicht erzählen.

Die letzte Strophe bringt Erlösung und Ruhe einerseits in diesen Text, andererseits wirft er all das, was ich da oben empfunden habe, mein ganzes Konstrukt, wieder über den Haufen:

„in verrinnendem sand
entdeckt der denker
den sinn
und ein blinder
beginnt die geschichte
mit dem punkt
hinterm letzten wort“

Geht es vielleicht doch eher um Kunst und Kritik? Das gespannte, angespannte Verhältnis vom Künstler zum Markt? Aber ja! Oder nein! Alles greift ineinander. Der Titel – den ich leider oder glücklicherweise – immer erst zu wenig berücksichtige, hält es zusammen. Die „Posse“ ging hervor aus den „Haupt- und Staatsaktionen“ in denen oft genug auch die Adligen ver(hans)wurstet wurden.

Dennoch…ich drehe das Juwel einfach nochmal und länger gegen das Licht; es steckt noch mehr darin.

dingfest3So viel zu meinem Lieblingstext in diesem Band. Am liebesten würde ich auf noch mehr Texte näher eingehen. „Gatter“ zum Beispiel oder den Text zur Jahrhundertflut „Übergang“. Aber ich komme hiermit zum Ende: Matthias Engels Gedichte sind lesenswert, lassen sich tatsächlich – probiert es laut – in lyrischem Sinne lesen, seine Worte klingen gut und hallen nach.

Unterstrichen und auf interessante Art durchbrochen ist das Lesen durch Brusius‘ überraschend stimmige Collagen. Darf ich es so sagen?: Kitsch meets Kunst meets Surrealismus. Durch den Schwarzweißdruck entsteht tatsächlich eine wirksame, dramatisierende Reduzierung für den Betrachter. Gut gewählt. In bunt hätte ich mich nicht so sehr darauf eingelassen. Die typografischen Untermalungen der Texte hätte es für mein Empfinden nicht gebraucht. Da bin ich streng puristisch. Gestört haben sie widerum auch nicht.“

Wer’s lesen will: dingfest, engels & brusius, collagen & gedichte, beziehbar hier:
https://dingfest.wordpress.com/2013/09/04/dingfest-schwarz-auf-weiss/

Wo das Büchlein also für diejenigen, die neugierig geworden sind, zu beziehen ist, ist nun klar!- Bei mir!

Wer mehr über die Verfasserin dieser großartigen Rezension und deren Werke erfahren will, kann das hier :

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