-Blindverkostung- Folge 8

werner schild

BildWerner Weimar-Mazur wurde 1955 in Weimar geboren und wuchs in Karlsruhe auf.
Der studierte Geologe lebt, nach einigen Jahren in der Schweiz, seit 1992 im Raum Freiburg und schreibt seit seinem fünfzehnten Lebensjahr Gedichte und Prosa.

Ich schätze Werner Weimar-Mazurs scheinbar lakonische Gedichte, in denen immer ein warmer und kluger Blick auf die Dinge vorherrscht. Werners ausführliche Beschäftigung mit den literarischen Vorbildern hat ihm ein sehr sicheres und vielschichtiges Handwerkszeug verschafft. Eher leise und präzise spricht der Lyriker Weimar-Mazur. Eher von den kleinen Dingen, in denen oft genug Größeres schlummert.

Werner ist Mitglied im Literaturforum Südwest e.V., Freiburg (Literaturbüro Freiburg) und bei keinVerlag e.V., Erlangen
Derzeit arbeitet Werner an einem Roman, auf den ich sehr gespannt bin.

Werner Weimar-Mazur ist Preisträger des Athmer-Lyrikpreises 2013 und des Hildesheimer Lyrik-Wettbewerbs 2012 sowie Teilnehmer der ersten Lesung des Lyrikpreises München 2013 .
Mehr über Werner, seine Texte und Tätigkeiten findet man hier: www.weimar-mazur.de

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Hier der Text, den ich Werner zur Blindverkostung vorlegte:

werner text

und: Was ihm dazu einfiel

Matthias, da ist Dir ja was Feines gelungen, gleich in doppelter Hinsicht: Mich zum Mitmachen überredet zu haben, und mir einen Mord an einem Indianer zu präsentieren, wenn ich den Titel des Gedichtes mal wörtlich nehme (wörtlich nehmen ist bei Literatur immer ein guter Ansatz)!

Wie sage ich mir oft: Mehr als schief gehen kann es nicht, und wenn, ist auch nichts Schlimmes passiert! Nun denn!

Das Ganze hier erinnert mich irgendwie an meine Schulzeit: Gedichte interpretieren habe ich immer gehasst. Heute bin ich überhaupt der Meinung, ein Gedicht zu interpretieren, ist völlig daneben. Und heute weiß ich: Gedichte interpretiert man nicht, deutet sie nicht, man empfindet dabei, und erinnert.

Noch besser ist es, das Gedicht für sich selbst sprechen zu lassen. Wozu hätte es der Autor / die Autorin sonst geschrieben? Für mich wohl? Oder für seinen Indianerbruder. Damit aber endlich zum Text, ganz spontan und unsortiert, wie es meine Art ist, und was mir gestern abend vor dem zu Bett gehen dazu eingefallen ist, nachdem ich noch schnell in meinem „Kleinen Leitfaden für Gedichtinterpretation“ nachgeschaut habe, wie man so etwas angeht (Stichworte: Thema, Titel, Form, Sprache, Inhalt, Fazit).

Indianer. Dazu fällt mir natürlich sofort Karl May ein (wem nicht?), Winnetou und Old Shatterhand, die ewigen Blutsbrüder. Welcher Junge träumt nicht „Vom Wunsch, Indianer zu werden“, womit ich bei Franz Kafka und seiner kleinen, eindrücklichen Prosa dazu angekommen bin, den Büffelherden, dem Gras der Prärie, ein Reiter schief auf dem Pferd, alle sind schon lange nicht mehr.

Und dann schon sofort Kain und Abel. Das Motiv des Brudermordes: Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Vielleicht in Fischerstiefeln im Uferschilf des Zweistromlandes? Ein uraltes Motiv, das bis weit vor den Beginn der Zeit zurück reicht.

Und auf einmal wird das Gedicht fast erotisch (sogar homoerotisch???). Die umschlingenden Brombeersträucher (erinnern mich an irgend jemanden, ich komme nicht drauf), der Würgegriff, die Hingabe, mehr Schmerz als Liebe, unstillbares Verlangen, Bedingungslosigkeit.

Ein christlich-mystifizierter Sakralmord / Ritualmord, der nicht sein darf und doch sein muss, eine Befreiung!

Die Schuhe Petrus tauchen als Motiv auf. Und das Opfer liebt seinen Mörder (jedenfalls aus der Sicht des Mörders, des Lyrischen Ichs).

Überhaupt scheint mir das zentrale Thema des Gedichtes die Frage nach Schuld / Verlust der Unschuld zu sein, und: der Wunsch / die Sehnsucht nach Vergebung, nach Gnade. Ja, das ist für mich der Kern in diesem Text.

Der Autor, die Autorin? Keine Ahnung. Die Zeit? Vielleicht so 1950er / frühe 1960er Jahre vom ganzen Sprachduktus, vom Ton und der Machart her? Oder doch nicht! Ich bin gespannt.

 Danke, lieber Matthias für das anregende Gedicht in der Blindverkostung, eine höchst interessante Erfahrung und, ich habe gerne mitgemacht. Tolle Idee, tolle Bibliothek!

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Mein Kommentar:

Ich danke Werner für diese schöne Folge! Eine gute Idee, noch einmal einen Blick in einen Interpretationsleitfaden zu tun, den er sicher gar nicht nötig gehabt hätte. Wie sicher er hier die anklingenden Motive und mitschwingenden Assoziationen erkennt, zeigt, wie gut Werner in den Epochen zu Hause ist.

Der Indianer ruft, neben Karl May und Kafka, sofort den Blutsbruder herbei, womit eine gute Spur gelegt ist.
Aber: BRUDER- da sind wir im christlichen Abendland gleich bei Kain und Abel und tatsächlich haben wir ja einen Brudermord in unserem kleinen Gedicht. Noch mehr christliches fließt hier ein: z.B. mit den Stiefeln im Wasser (Petrus/der Menschenfischer) und ich denke auch an den heiligen Christopherus, der das Jesuskind über den Fluss trägt, an die Taufe im Fluss. UND:Vergebung und Gnade, die von Werner erkannten Themen sind ja durchaus Bestandteile der christlichen Themenwelt.

Weiter: Täter und Opfer lieben sich. Vielleicht denkt Werner bei den Brombeersträuchern an Villons Erdbeeren etc.? Tatsächlich sind Beeren und Früchte ja -nicht nur bei Villon- ein erotisches Motiv (man schaue mal mit Sinn und Verstand Werbung oder Filme). Die Dornen so manches Beerenstrauches bringen die schmerzhafte Komponente der Erotik ins Spiel. Ein Liebesverhältnis a) unter Brüdern, b) nicht ohne Gewalt. Sogar zum Tod führt diese Liebe. Der paradoxe „Würgegriff der Hingabe“ ist hier sicher die zentrale Beschreibung dieser schmerzlichen Liebe.

Aber: wer wird jetzt hier geliebt? Wer ist der Indianerbruder?
Werner sieht es auch: der Indianer ist für viele Jungs ein Kindheitsbegleiter, sei es durch Karl May oder nicht. Man spielt Cowboy und Indianer und der amerikanische Ureinwohner verkörpert Wildheit, Freiheit und Verwegenheit. Verwurzelt in der Natur, verankert in seinem Stamm und seiner Familie, urwüchsig und stark. Ein kraftvolles Identifikationsangebot. Blutsbrüderschaft kann man mit engen Freunden schließen, aber hier ist der enge Verwandte meines Erachtens jemand anderes.

ICH. ICH, das Kind, der kindliche Teil meiner Selbst, der frei, stark und undomestiziert durch die weite Welt der Kindheit schritt und unweigerlich irgendwann starb, vielleicht von mir selbst zu Tode gebracht. Erwachsen werden ist von vielen Kämpfen begleitet, die meisten davon muss man mit sich selbst austragen und etwas bleibt auf der Strecke. Ein Teil von Einem überlebt das nicht.

Vielleicht ist das das Kernthema in unserem kleinen Gedicht mit seinen zum Ende hin immer kürzeren, gehetzten Zeilen.

Formal ist es sicher schwer einem Geschlecht oder einer Zeit zuzuordnen. Tatsächlich stammt es aus dem Jahr 1980 und aus dem Debütband „Aufstehen und Gehen“ unseres heutigen Autors:

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eich-140x140Clemens Eich, (22. Mai 1954 Rosenheim- 22. Februar 1998 Wien), hatte als Sohn von Günter Eich und Ilse Aichinger, dem beiden großen Autoren der Nachkriegszeit, vielleicht die Literatur in die Wiege gelegt bekommen. Er wuchs in der Nähe von Salzburg auf und besuchte von 1971 bis 1974 eine Schauspielschule in Zürich. Von 1974 bis 1979 arbeitete er als Schauspieler in Landshut, am Theater in der Josefstadt in Wien, in Hamburg und am Schauspielhaus in Frankfurt am Main. Eich, der anfangs noch sehr von der Literatur der Eltern geprägt war; von surrealistischen Bildern und kafkaesken Situationen, lebte bis zu seinem Unfalltod als freier Schriftsteller in Hamburg und Wien. Eich erhielt 1980 den Förderpreis der Stadt Mannheim und 1996 den Mara-Cassens-Preis, aber der wirkliche Rang seiner Gedichte und Erzählungen, auch die Qualität seines Romans: Das steinerne Meer wurden erst nach seinem Tod erkannt.

Als Autor stand Clemens Eich in vielem auf der Grenze. Geboren 1954 war er zu jung für die 68er Bewegung und eigentlich für Punk und andere spätere Subkulturen zu alt. Eich hatte sowohl die deutsche als auch die österreichische Staatsangehörigkeit, lebte in Hamburg und in Wien, ohne sich ganz da oder ganz dort zu Hause zu fühlen. Sein Hauptthema, in allen Genres, war das eigene Ich.

Das Motto seines Romans Das steinerne Meer ist der Satz des Holofernes bei Nestroy: „Ich möcht‘ mich einmal mit mir selbst zusammenhetzen, nur um zu sehen, wer der Stärkere ist, ich oder ich.“

Das Gedicht ist zitiert aus:

KUNZE, REINER (Hrsg.):
Über, o über dem Dorn (Gedichte aus hundert Jahren S. Fischer Verlag)
Frankfurt/M., S. Fischer Verlag, 1986

ISBN 3100456025

2 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein

2 Antworten zu “-Blindverkostung- Folge 8

  1. hannascotti

    Hat dies auf Kunstvollaltern – Mundwerkerin rebloggt und kommentierte:
    Wieder eine kluge Ausgabe der Blindverkostung :

  2. So, jetzt darf ich auch googlen und, ich kannte den Autor und seine Werke bis dato nicht, jedenfalls nicht bewusst. Seine Eltern, ja, natürlich, begleiteten mich seit der Schulzeit, wo ich anfing, mich für Literatur, speziell für Lyrik zu interessieren. Die „gesammelten Maulwürfe“ und „Die größere Hoffnung“ oder „Verschenkter Rat“. Ilse Aichinger durfte ich sogar einmal lesend erleben, als sie am 11. November 1999 das 13. Freiburger Literaturgespräch eröffnete. Und Clemens Eich ist für mich eine echte Entdeckung! Ist er doch genau meine Generation. Vielleicht kam ich dadurch auf den uns prägenden Sprachduktus der avantgardistischen deutschen Nachkriegsliteratur der 1950er und 1960er Jahre (mir selbst wurde schon einmal gesagt, meine Lyrik erinnere im Ton irgendwie an die Zeit). Und klar, die verschiedenen Subjekte in Gedichten sind oft personifizierte Aspekte des eigenen Ichs. So auch hier die verlorene Kindheit, die Verlorenheit des Lyrischen Ichs. Danke Matthias für die Entdeckung. werner

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