-Frage zur Lyrik-

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Gottfried Benn meinte schon in den 50er Jahren, das WIR habe im Gedicht nichts zu suchen, denn „ein Gedicht ist immer die Frage nach dem ICH.“

Bei der Lyrikerin und Trägerin des deutschen Buchpreises Ursula Krechel las ich kürzlich, das lyrische Ich sei ein Kontrukt, das im 21.Jahrhundert nicht mehr haltbar sei.

Was lernt man daraus? Haben Personen im Gedicht nichts mehr verloren? Und wie schreibt man Gedichte ohne „WIR“ und „ICH“? Bleibt nur Abstraktion, Ding-Gedichte und ähnliches?

Wie haltet ihr es?

7 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein

7 Antworten zu “-Frage zur Lyrik-

  1. Interessante Frage!

    Aber das wäre für mich übertrieben, wenn man im Gedicht nicht mehr vom Ich schreiben dürfte. 😉 (Schlimm wird es erst dann, wenn der Leser das lyrische Ich mit dem Autor gleichsetzt – aber das ist eine andere Frage).

    Ein lyrisches Ich „an sich“ ist doch so undefiniert, dass es nahezu alles sein kann. Manchmal ist es nicht mehr als eine Drehachse, um die das Gedicht herumschwingt (um die Metapher einmal von Wittgenstein zu borgen). Diese Verankerung am Ich ist in meinen Augen gut, damit nicht alles ins Luftleere abdriftet (zumindest wenn man dies nicht möchte).

    Andersherum bietet der Verzicht auf ein Ich die Möglichkeiten, das Abstrakte als solches erscheinen zu lassen, Distanz zu schaffen, die sich nicht klammert an ein Meta-Individuum, die so gesehen allgemein ist.

    Es ist wie meist: Es lässt sich, geschickt und bewusst angewandt, alles kunstvoll einsetzen. Warum sollte man da mit Dogmen an Lyrik herantreten? Die Poetinnen und Poeten machen am Ende sowieso, was sie wollen (und das natürlich zu Recht). 🙂

    Viele Grüße
    Sebastian

    • Danke, Sebastian, für deinen Kommentar. Klar, Dogmen sollten draußen bleiben, aber eine Überlegung ist es wert.
      Wenn ich den beiden folgen wollte wären 96% meiner Gedichte zu verwerfen. Mir scheint eine Lyrik ohne -oder bemüht ohne- Ich auch bezugslos. In Frau Krechels Buch: „In Zukunft schreiben“ geht es in diesem Fall darum, dass ein „ICH“ nicht die nötige, soz. seismografische Objektivität liefern kann, die die moderne Lyrik ihrer Meinung nach haben sollte….Hmm…Übrigens sagt Benn in seinen Gedichten genauso WIr wie die Krechel in ihren ICH sagt….Doppel-Hmm!

  2. Das „Wir“ in einem Gedicht – da hat Benn nicht ganz unrecht – ist ein wenig problematisch, denn für einen Anderen zu sprechen, gerät schnell zu einer Anmaßung. Doch bleibt es möglich, wenn man darauf achtet, nicht vorschnell für einen Anderen zu sprechen. – Daß Du – so es vom Appellativen absieht, das mir nur ausnahmsweise legitimiert erscheint – bleibt möglich, ist ab und an notwendig, da jemanden anzureden, sei sie / er auch nur eine lyrische Fiktion – ein unverzichtbares Mittel der Lyrik ist. Auf das „Ich“, sei es nun lyrisch oder gar ab und an wirklich personal, zu verzichten, scheint mir eine Wendung hin gegen das eigentliche Wesen der Lyrik, ist es doch ein Weg, sich in Bezug zu setzen mit der Welt, Emotionen und Gedanken und diese so nach außen zu transportieren. Ein „Ich“ ist eben der Seismograph, den Frau Krechel da fordert, es ist der einzige dem Menschen zur Verfügung stehende Seismograph, so er sich nicht auf Zweitquellen verlassen will. Und nein, Lyrik steht nicht unbedingt für Gesellschaftanalyse, sondern für eine geformte Wahrnehmung (die ja einen Wahrnehmenden voraussetzt) gesellschaftlicher und psychologischer Phänomene.

    • Vielen Dank für den klugen Kommentar! Benn meinte natürlich das WIR als Verallgemeinerung von etwas, was (damals schon und heute noch mehr) kaum zu verallgemeinern ist. Die Gesellschaft, die Menschheit etc. Er sagt sehr wohl „wir“, z.B. in seinem berühmten Gedicht über sein Elternhaus, da er da mit WIR die Familie meint. Erzählerisch und durchaus irgendwie auf einen Nenner zu bringen: „die Benns“. Ein WIR wie in der politischen Lyrik: WIR gegen DIE, lag ihm fern und ich möchte ihm da beipflichten.

      Das ICH und DU kommt mir in der Liebeslyrik recht oft aus dem Griffel und ich weiß, wie schwer es ist, dort das DU nicht als reinen Teil des ICH ohne eigene Identität geraten zu lassen. Das ICH, so meint Krechel, wird vom Leser einfach zu oft als ICH, der Autor! gelesen und ist somit gefährlich und verzerrend.
      Die heutige Welt mit ihren zahllosen Zersplitterungs-Angeboten macht das ICH ohnehin schwierig und ich bewundere Autoren wie Sarah Kirsch u.a. dafür, dass sie es konsequent beibehalten. Und: du hast Recht- Lyrik ist eine Verarbeitung von Wahrnehmung und Wahrnehmung IST subjektiv und somit an ein ICh gekoppelt.

      Jede Lyrik, die sich bemüht, völlig ohne Wertung, ohne Personales auszukommen, läuft Gefahr, entweder antispetisch und kalt zu wirken, oder sie ist letztlich nur unter einem Deckmäntelchen der Objektivität unterwegs, denn auch eine Haltung gegenüber etwas, eine Art der Beschreibung, Darstellung von Umständen und Situationen entspringt letztlich einer Impression.

      Es mag altmodisch klingen und nicht en vogue sein- aber das lyrische Ich, wenn es aufrichtig und individuell spricht, ist der glaubhafteste Zeuge für das potentielle DU-den Leser. Schöner Austausch hier, vielen lieben Dank!

  3. ICH zumindest lasse mir da nix vorschreiben, von niemandem; jedwedes exklusive Oder ist mir schon immer zuwider, und so wird es auch zukünftig bleiben…

  4. Pingback: Ein literarisches Gespräch mit Matthias Engels und Wolfgang Schnier | StephBoisvert Test Blog

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