– Zweifelhafte Helden: Dylan Thomas-

Ich verfiel Dylan Thomas mit 18; wie so viele über den eigentlich nichtigen und irreführenden Hinweis, Bob Dylan habe sein Pseudonym nach ihm gewählt. Anfängliche Enttäuschung, dass sich seine Verse so gar nicht zu Gitarre und Mundharmonika nuscheln lassen, wich bald großer Begeisterung. Bei Thomas ist der Dichter noch Barde, die Herkunft der Lyrik von der Musik noch hörbar. Seine bildmächtigen Gedichte, in denen eine große Energie, Mystik und ein Schuß Surrealismus schlummern, lassen mich bis heute nicht los.

Ein früh vollendeter, der jung zu schreiben und zu veröffentlichen begann -und früh starb. Er soff sich zu Tode. Seine letzten Worte sollen -laut Überlieferung- gewesen sein: „Ich hatte 18 Whiskey ohne Eis. Ich denke, das ist Rekord!“

Der Waliser (1914- 1953) war nicht nur ein großer Poet, sondern auch ein begnadetet Rezitator der eigenen Texte.
Gottlob sind einige Aufnahmen, die er z.T. für den englischen und amerikanischen Rundfunk gemacht hat, überliefert. Hier hört an ihn sein Gedicht: -Lament- lesen.

LAMENT

When I was a windy boy and a bit
And the black spit of the chapel fold,
(Sighed the old ram rod, dying of women),
I tiptoed shy in the gooseberry wood,
The rude owl cried like a tell-tale tit,
I skipped in a blush as the big girls rolled
Nine-pin down on donkey’s common,
And on seesaw sunday nights I wooed
Whoever I would with my wicked eyes,
The whole of the moon I could love and leave
All the green leaved little weddings‘ wives
In the coal black bush and let them grieve.

When I was a gusty man and a half
And the black beast of the beetles‘ pews
(Sighed the old ram rod, dying of bitches),
Not a boy and a bit in the wick-
Dipping moon and drunk as a new dropped calf,
I whistled all night in the twisted flues,
Midwives grew in the midnight ditches,
And the sizzling sheets of the town cried, Quick!-
Whenever I dove in a breast high shoal,
Wherever I ramped in the clover quilts,
Whatsoever I did in the coal-
Black night, I left my quivering prints.

When I was a man you could call a man
And the black cross of the holy house,
(Sighed the old ram rod, dying of welcome),
Brandy and ripe in my bright, bass prime,
No springtailed tom in the red hot town
With every simmering woman his mouse
But a hillocky bull in the swelter
Of summer come in his great good time
To the sultry, biding herds, I said,
Oh, time enough when the blood runs cold,
And I lie down but to sleep in bed,
For my sulking, skulking, coal black soul!

When I was half the man I was
And serve me right as the preachers warn,
(Sighed the old ram rod, dying of downfall),
No flailing calf or cat in a flame
Or hickory bull in milky grass
But a black sheep with a crumpled horn,
At last the soul from its foul mousehole
Slunk pouting out when the limp time came;
And I gave my soul a blind, slashed eye,
Gristle and rind, and a roarers‘ life,
And I shoved it into the coal black sky
To find a woman’s soul for a wife.

Now I am a man no more no more
And a black reward for a roaring life,
(Sighed the old ram rod, dying of strangers),
Tidy and cursed in my dove cooed room
I lie down thin and hear the good bells jaw–
For, oh, my soul found a sunday wife
In the coal black sky and she bore angels!
Harpies around me out of her womb!
Chastity prays for me, piety sings,
Innocence sweetens my last black breath,
Modesty hides my thighs in her wings,
And all the deadly virtues plague my death!

Obwohl Thomas` Verse extrem schwer zu übersetzen sind, hier eine gelungene Übertragung von Klaus Martens
aus:
Windabgeworfenes Licht
-Gedichte-
Hanser Verlag 1992
ISBN 3446150803

LAMENTO

Als ich ein geriebenes Knäblein war und ein Krümel
Und das spuckschwarze Spießchen der Kirchengemeinde,
(Seufzte, an Frauen krepierend, der alte Bock),
Da zehenspitzte ich scheu in den Stachelbeerwald,
Der Schuhuh rief wie ein plapperndes Herrlein, ein Lümmel,
Ich leichtfußte rosig, da die rundlichen Mädchen Kegel
Schoben auf der gemeinen Esel Gemeindewiese,
Und an Wuppdich-Wochenenden da betörte ich bald,
Wen-auch-immer ich ansah mit bösewichtigen Augen,
Den vollen Mond konnte ich lieben und wieder lassen,
Die vielen grünblättrigen kleinen gehochzeiteten Frauen
Unterm kohlschwarzen Busch, ließ sie trauern und hassen.

Als ich ein durchschauerter Mann war und ein halber dazu
Und der schwarze Unhold im rammelnden Kirchengestühl,
(Seufzte, an Weibchen krepierend, der alte Bock),
Kein Knäblein mehr, kein Krümel im dochttunkenden Mond
Und trunktaumlig wie ein frisch auf die Beine gefallenes Kalb,
Die Nacht pfiff ich lang in den verschlängelten Windungen,
Hebammen wuchsen in mitternächtlichen Rinnen,
Und die hitzebrutzelnden Betten der Stadt riefen: Flink! –
Wann immer ich in brusthohe Untiefen tauchte,
Wo immer Klee-Kissen durchstampfend ich ging,
Was immer ich tat in der kohlschwarzen
Nacht, ich hinterließ meine nachbebende Spur.

Als ich ein Mann war, den man einen Mann nennen konnte,
Und das schwarze Kreuz auf dem Rücken vom heiligen Haus,
(Seufzte, an Willkomm krepierend, der alte Bock),
Scharfschnapsig reifplatzend in hell-baßtöniger Blüte,
Kein Frühlings-Ringelschwanzkater bei heißläufigen Häusern
Mit jedweder hitzeschimmernden Frau zur Maus,
Doch ein hoch und höckriger Bulle, der in der Glut
Des Sommers herrlich kommt nach eignem Maß
Zu den schwül verharrenden Herden, sagt ich,
„Oh, Zeit bleibt genug, wenn gänsehäutig das Blut kriecht,
Und wenn ich mich bette, einzig um schlafend zu liegen,
Für meine schmollende, grollende kohlschwarze Seele!

Als ich nur halb noch war von dem Mann, der ich war,
Und es geschieht mir wohl recht, wie die Prediger sagen,
(Seufzte, am Sturz krepierend, der alte Bock),
Kein strampelndes Kalb, keine feuergefangene Katze
Oder haselnußstabiger Bulle im milchigen Gras,
Nur ein schwarzes Schaf mit einem Krumpelhorn,
Aus ihrem Mauseloch stahl sich die Seele dann doch
Mit dicker Lippe als die Baumelzeit kam.
Und ich gab ihr ein blindes Auge, ’nen Schlitz,
Knorpel und Pelle und eines Schreihalses dröhnendes Leben,
Und ich schob’s schielend in den kohlschwarzen Himmel hinein,
Um eine Frau zu finden, ihrer Seele wegen.

Ein Mann werd ich nun nie und niemals mehr sein,
Und bin fürs lodernde Leben ein schwarzer Lohn,
(Seufzt, an Fremden krepierend, der alte Bock),
Im täubchengurrenden Zimmer, verdammt und rein,
Leg schmal ich mich nieder zum Tratschen ehrbarer Glocken —
Denn, oh, meine Seele nahm sich einen Sonntagsrock
Im kohlschwarzen Himmel, und Engel hat sie geboren!
Harpyen umschwirren mich aus ihrem Schoß!
Die Keuschheit betet für mich, die Frömmigkeit singt,
Die Unschuld versüßt meinen schwarzen Atem allein,
Die Sittsamkeit hält meine Schenkel mit Flügeln umringt,
Und die tödlichen Tugenden suchen im Tode mich heim!

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