-Blindverkostung- Folge 6: mit Arnd Dünnebacke

arnd schild

Der Proband meiner heutigen Folge -Blindverkostung- ist Einer, der sagt, was er denkt. Und zur Blindverkostung meinte er spontan, so etwas sei für ihn ungefähr so reizvoll wie die Steuererklärung! Dennoch konnte ich ihn breitschlagen und bekam letztlich einen sehr schönen, persönlichen Beitrag. Vielen Dank dafür!

Arnd DünnebackeArnd Dünnebacke, Jahrgang 1976, ist geboren und aufgewachsen im Sauerland. Dort kurzzeitig Bäcker und lebendes Drogenlabor. Bewegt sich seitdem als Faktotum durch die bundesrepublikanische Arbeitswelt und seit 2005 durch Hanau. Veröffentlichte in Anthologien, Literaturzeitschriften und 2012 den Gedichtband »Glück ist ein brennendes Flugzeug« im Acheron Verlag, Leipzig. Im September 2013 erscheint der Nachfolger »Gehobene Wohnlage«.

Am Schreiben von Gedichten reizt Arnd -nach eigener Aussage- die Möglichkeit, mit wenigen Worten einen Schlüssel zu einem ganzen Universum zu formen. Außerdem helfen sie ihm, sich zu erinnern, „auch da, wo jeder vernünftige Mensch lieber vergessen würde.“

Der Autor würde gerne einmal mit dem alten Bukowski, dem jungen Heine, Rimbaud und Beethoven eine Nacht durchzechen. „Und Remarque besorgte den Absacker – halb Rum, halb Port.“

Arnds erster Gedichtband: „Glück ist ein brennendes Flugzeug“ erschien dieses Jahr im Acheron Verlag, Leipzig. Meine ausführliche Rezension dazu findet man hier: https://dingfest.wordpress.com/2013/06/09/rezension-gluck-ist-ein-brennendes-flugzeug-von-arnd-dunnebacke/glcük

Weiterhin erschienen Texte von Arnd Dünnebacke in verschiedenen Anthologien und Zeitschriften, z.B. dem LaborBefund Nr. 5. Ein weiterer Band mit Lyrik sowie Romanmanuskripte befinden sich in der Warteschleife.

Ich schätze Arnd und seine Texte seit einiger Zeit sehr. Bei ihm geht es immer handfest zu. Sicher, es gibt nix Geblümtes und auch keinen Rosenduft bei ihm, dafür weiß man immer, woran man ist. Und: in Arnds scheinbar einfachen Texten und profanen Themen schlummert etwas und dieses Etwas ist genau, worauf es ankommt! Eine ganz kleine, leise Wahrheit.

Ich darf einen Leser zitieren, der kürzlich auf Umwegen auf Arnds Texte stieß, denn genauer kann man es nicht auf den Punkt bringen: „Mann, der sagt genau das, was ich auch denke und erlebe, aber ich könnte nicht einen Satz davon schreiben“

Er nehme es mir nicht übel- aber seit Arnd vor Kurzem Vater geworden ist, höre ich in seinen neuen Texten sogar eine Milde und Wärme, die ihn mir noch lieber macht.

Mehr von und über Arnd gibt es hier:      http://duennebacke.jimdo.com/

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Hier der Text, den ich Arnd zum blindverkosten gab:

text arnd

Und sein „Senf“ dazu:

Keine Ahnung, wie mich Matthias drangekriegt hat hier mitzumachen, denn eigentlich finde ich es mehr als grausam mich über andere Texte auszulassen, oder, schlimmer noch, sie bis ins Kleinste zu sezieren, denn das übersteigt schlicht meine Fähigkeiten, bzw. meine Motivation. Also lassen wir das.

Ich hab grad ohnehin ganz andere Dinge im Kopf – Ende Mai bin ich zum ersten Mal Vater geworden. Und ja, das ist mal ein verdammtes Wunder! Wie dieses süße kleine Stinktier von einem Sohn da unten rauskam, mit Armen und Füßen und einem Kopf, der so klein war, dass er wie ein Granatapfel in meiner Hand lag! Und trotzdem war schon alles darin, was er zum Start in dieses Leben brauchte: Der Instinkt zu atmen und die Mutterbrust als das zu erkennen, was sie ist – Nahrung und Wärme und Geborgenheit.

Wisst ihr, jedes Wunder beginnt in einer einzigen Zelle, und das ist das eigentliche Mysterium: Weder eine Supernova noch der letzte Fanfarenstoß der absolutesten Symphonie sind der Höhepunkt, es ist der Anfang des Unbegreiflichen, der uns sprachlos macht. Und plötzlich kam mir der Kopf, den ich am Tag vor der Geburt noch auf meinen Schultern getragen hatte, so dermaßen winzig vor, dass ich beinahe lachen musste. Wenn es Gott geben sollte und wenn er einen Plan hat, hat er ihn mir jedenfalls noch nicht verraten – wie sonst hätte mich diese kolossale Erweiterung meines Universums so überraschen können? Und überhaupt, wer sagt eigentlich, dass Gott planmäßig vorgeht oder weiß was er tut?

Vielleicht ist Gott allmächtig,
vielleicht ist er so schlau wie wir?
Und fragt sich nachts im Sternenzelt:
»Was mach ich eigentlich hier?«

Vielleicht sind wir die Suchenden
die er sich einst ersann,
die eine Antwort zu ergründen,
die er allein nicht finden kann.

Vielleicht auch sitzt er neben mir
und schaut mir lachend zu
und spottet, und ich hör es nicht:
»Ach herrje, was weißt’n du

Na ja, wahrscheinlich nicht so besonders viel. Aber trotzdem genug um zu wissen, dass die härtesten Widerstände in einem selbst zu finden sind und die äußeren Hürden lediglich der Bequemlichkeit dienen, die inneren zu rechtfertigen, was in den meisten Fällen mit dem Argument der Vernunft einhergeht. Doch vernünftige Menschen fliegen weder zum Mond noch schreiben sie Bücher oder kommen morgens um halb vier besoffen zu der Einsicht, dass, wer im Glashaus sitzt, verdammt nochmal mit Steinen werfen sollte:

In Form gegossen
mit sechs Glas Wodka-O
denke ich an dich, um 3:34 Uhr,
wie ich gestern Nachmittag
ins Krankenhaus fuhr und
im Zimmer deiner Mutter
in diesen Glaskasten sah,
in dem du gähntest und schriest
und deine Windeln vollkacktest,
und ich deine Stirn küsste,
die so warm und weich war,
dass mein Herz für einen
Augenblick innehielt,
wie ein Schmetterling
der zur richtigen Blüte findet.
Aber, Herrgott, wie soll man den
Beginn von etwas begreifen,
was einem selbst beinah
unmöglich erscheint?

Und du hast Arme und Füße
und alles, diese Welt
und dich herauszufinden,
und ich hoffe inständig,
das die Unerschrockenheit
dich ebenso begleitet
wie mich, bei dem Versuch
zu verstehen um 3:45 Uhr.

Ich dachte, ich wüsste schon
einiges, doch jetzt, da du da bist,
weiß ich, ich wusste nichts.

Liebe ist ein Fass ohne Boden,
ist ein grenzloser Himmel,
die Unendlichkeit der Seele
beim Anblick deiner winzigen
Gliedmaßen, wo die Natur
sich einrichtet im Strampeln
einer weitergereichten Genetik –
dein Aussehen jedenfalls
hast du vom Opa deiner
Mutter geerbt.

Auch er lag in einem Glaskasten
als ich seine Stirn küsste,
aber die Stirn war kalt
und es war ein Abschiedskuss.

Das Leben und der Tod,
eingerahmt von Wänden aus Glas –
dazwischen liegt die Freiheit
zu tun und zu lassen was du willst
und glücklich zu werden.

So fürchte dich nie
einen Stein in die Hand
zu nehmen, der vielleicht
deine Grenzen sprengt.

Denn dafür
bist du hier.

Nun, ich glaube, das war so ziemlich aller Senf, den ich dazu geben kann. Das Leben ist halt, womit man am wenigsten rechnet – die Natur scheint planlos in ihrem Werden und Sein und Vergehen, sie ist und ist und ist, und wir stehen da mit unseren Tabellen und Kalkulationen und wissen nichts.

Wahrscheinlich stellen wir einfach nur die falschen Fragen,
obwohl wir die Antwort kennen:

Liebe.

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Mein Kommentar:

Ich danke Arnd für diese schöne Folge -Blindverkostung- . Dass literaturhistorische Detektivarbeit nicht des Dünnebackes Ding sein würde, war mir klar, es tut aber m.E. dem Vergnügen keinen Abbruch. Arnd interessieren große Namen nicht. Ihm geht es immer um den Text und diesem hier nähert er sich letztlich auf eine individuelle Weise dennoch an.

Schön, wie er hier seine Gedanken zur Zeile: Je kleiner der Kopf, desto größer das Wunder äußert. Im Ursprungstext kommt der unbekannte Autor über diesen Satz ja zur Ameise. Arnd dagegen denkt an seinen Sohn, an Kinder, deren kleine Köpfe und der ganze kleine Rest ebenfalls Wunder sind.  Ich war ohnehin gespannt, wie Arnd mit einem Text umgehen würde, der den Begriff GOTT enthält. Die Schöpfung und die Zufriedenheit des Verantwortlichen damit ist ja ein interessantes Thema.  Ein ganzes, komplexes Sein in etwas Winzigem unterzubringen wird hier also als größere Tat angesehen, als das Gleiche dort unterzubringen, wo viel Platz ist…… . Somit wäre die Katze, der Hund und letztlich der Mensch eine kleinere Leistung als die Ameise. Wir wissen es nicht, wir können nur mutmaßen….Arnd hat Recht.
Und: wir selber schätzen unsere Bewegungen, unsere Taten sicher als planvoller ein als die der Ameise.- Aber: ist dem wirklich so?
Kaum eine Spezies ist so strukturiert, sachlich und prägnant in ihrem Tun wie diese kleinen Tiere. Und wir?- Krebsen herum und tun so viel Unnützes, Überflüssiges und Vergebliches, arbeiten uns ab an diesen für uns viel zu großen Fragen, rechnen, kalkulieren am Universum herum und hinterm Gleich, unterm Strich steht so oft GOTT, mal mit und mal ohne ein Fragezeichen dahinter, dessen Form einem Fleischerhaken ähnelt.

Hindernisse sind äußerlich -bei Ameisen, ja! Wobei die Ameise auch gerne ihre 6583 Freunde holt und das Hindernis einfach wegträgt, ohen Murren, ohne Jammern. Und wir? – Hält uns oft nicht viel mehr Inneres auf? Angst, Stolz, Vorurteile? All das kennt die Ameise nicht und muss es deshalb nicht mühselig wegtragen…. .
Und wenn wir auf Widerstände stoßen -was tun wir so oft? -Wir sprengen, bomben, diskutieren, lügen sie weg. Die Ameise geht drum herum oder verreckt daran- einfach wie traurig! Einfach das Ende. Wessen Menschen Ende ist einfach? Wir sterben verbittert, verhermt, tragisch, traurig.

Dies ist kein Plädoyer, es den Ameisen gleichzutun. -Aber eines, mal darüber nachzudenken. Arnd hat erkannt, dass in seinem Sohn, der in seinen jetzigen Möglichkeiten, sich zu verteidigen, sich nur am Leben zu halten, weit weit unter der Ameise steht, ein Wunder steckt. Und er weist uns darauf hin, dass all die Fragen, auch die Vermutungen unseres heutigen Textes, letztlich nur mit Vielleicht beantwortet werden können.

Das kleine Gedicht „Ameise“ stammt von einem der wichtigeren deutschen Lyriker der vergangenen Jahrzehnte .

Rainer Malkowski

malkowskiMalkowski wurde 1939 in Berlin geboren und verstarb; 2003 in Brannenburg. Nach journalistischen Anfängen und Erfahrungen als Geschäftsführer einer Werbeagentur gelang es Malkowski gleich mit seinem ersten Gedichtband Was für ein Morgen 1975 sich als Lyriker zu etablieren. Seine Gedichte sind „einfach“, die Themen „klein“- nicht das große Weltgeschehen, sondern Natur und die Innenwelten spielen in seinen Texten die Hauptrolle. Aus diesen Gründen definiert man den Lyriker Malkowski zu einem Vertreter der NEUEN SUBJEKTIVITÄT, die in den mittleren und späten 70er Jahren der politischen und gesellschaftskritischen Lyrik mit ihrem „WIR“ ein „ICH“ entgegensetze.

Malkowskis Werk besteht fast ausschließlich aus Lyrik, Exkurse zum Roman oder anderen größeren Formen finden darin nicht statt.  Der Autor war Stipendiat der Villa Massimo und erhielt zahlreiche Literaturpreise, der Bedeutendste davon sicher der Joseph-Breitenbach-Preis im Jahre 1999. Seit 2006 wird im Auftrag der Rainer Malkowski- Stiftung von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste ein nach ihm benannter Literaturpreis verliehen.

Malkowski wuchs in Berlin-Tempelhof auf, besuchte dort die Askanische Oberschule und arbeitete zunächst in Berliner Zeitungsverlagen. Bis 1972 war Malkowski Geschäftsführer einer Werbeagentur, danach trat er als Lyriker an die Öffentlichkeit. Malkowski gelang es, sich bereits mit seinem ersten Gedichtband als Lyriker zu etablieren. Mit einem unverwechselbaren lakonischen Ton schuf er beeindruckende Gedichte, in denen die Natur eine Hauptrolle spielt und die eine große Affinität zur Neuen Subjektivität aufweisen. Ihm ging es vor allem ums Beobachten und das sich vergewissernde Bewusstsein des Beobachtens. Malkowski war Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste München, der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz sowie der Freien Akademie Mannheim. Seit 2006 wird im Auftrag der Rainer Malkowski Stiftung von der Bayerischen Akademie der Schönen Künste der Rainer-Malkowski-Preis verliehen.

AMEISE ist dem Band:

Hunger und Durst-Gedichte-
Suhrkamp Verlag 1997
ISBN 9783518409060 entnommen.

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