-Blindverkostung- Folge 4: mit Paul Fehm

BeFunky_blindverkostung

In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek aus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ohne den Autorennahmen ist der Text seiner Einordnung beraubt. Es bleibt: der Inhalt. Allein daraus muss über Qualität, Alter und Ursprung geurteilt werden. Und Jeder findet einen anderen Zugang. Jeder benutzt andere Ansätze. Das gilt für den „gewöhnlichen“ Leser genauso wie für den Profi.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Bisher haben mir:

Jost Renner   https://dingfest.wordpress.com/2013/07/14/blindverkostung-folge-1-mit-jost-renner/
Thyra Thorn https://dingfest.wordpress.com/2013/07/20/blindverkostung-folge-2-mit-thyra-thorn/
Anke Laufer https://dingfest.wordpress.com/2013/07/27/blindverkostung-folge-3-mit-anke-laufer/
und Paul Fehm    https://dingfest.wordpress.com/2013/08/02/blindverkostung-folge-4-mit-paul-fehm/

Thyra Thorn https://dingfest.wordpress.com/2013/07/20/blindverkostung-folge-2-mit-thyra-thorn/

und Anke Laufer https://dingfest.wordpress.com/2013/07/27/blindverkostung-folge-3-mit-anke-laufer/

die Ehre gegeben.

HEUTE NUN:

tafel

Auf den heutigen Teilnehmer meiner Reihe bin ich besonders stolz, wagt er sich doch nicht oft unter Leute und nimmt nur bedingt an dem Teil, was man Literaturbetrieb nennt. Ich stieß auf Paul Fehm durch seinen Blog, der auf Betreiben einiger Freunde des Autors entstanden ist.  Seine Texte packten mich sofort. Da es kein Bild von ihm im Netz zu finden gibt und er auch seinen Blog nur mit historischen Porträts anderer Persönlichkeiten schmückt, konnte ich nicht so leicht eruieren, ob es sich bei deren Verfasser um einen jungen oder schon reiferen Menschen handelt, welche Art Eindruck er hinterlässt und, ob dieser zum Klang der Texte passt. Seine Literatur ist wuchtig, kraftvoll und zeitlos, fernab von allen Moden und Trends. Das verwirrte mich anfangs etwas. Mittlerweile konnte ich in unserer Korrespondenz ein wenig herausfinden. Paul ist 29 Jahre alt, sieht aber -nach eigener Auskunft- besser aus! Er studiert in Heidelberg und veröffentlicht ausschließlich auf seinem Blog. – Aber ich könnte niemals richtig darstellen, wie besonders der heutige Proband ist, deshalb lasse ich ihn lieber selbst die Vorstellung übernehmen.

Ich studiere seit ein paar Jahren in Heidelberg (davor Berlin), ohne zum Ende zu kommen und studiere alles wild durcheinander. Ich arbeite in verschiedenen Küchen, um meine kleine Wohnung am Waldrand zu finanzieren. Das funktioniert auch meistens. Ich mag den Fluss und die Ruhe beim Angeln. Ansonsten: eine Handvoll Menschen, Blue Mountain Kaffee, Dornfelder, Jazz, Elektro, die Bücher. Nachts bin ich manchmal in den Gassen unterwegs, aber meistens meide ich die Menschen.

Dass ich jetzt einen Blog habe, ist nicht meine Schuld, sondern die von ein paar Freunden, die unbedingt was mit meinen Texten machen wollten. Sie nennen sich »Es lebe der König« und spielen mit meinen Sachen. Ich finde das ganz gut, verstehe aber ihren Enthusiasmus nicht. Jedenfalls sagten sie, ein Blog wäre gut und ich habe mich überreden lassen.

Aber letztlich schreibe ich nicht, um etwas oder jemanden zu erreichen, und auch nicht, weil ich möchte – mir ist es mehr ein natürlicher Reflex. Ich glaube, mit meiner Literatur ist es wie mit dem Regen: Er trifft jene, die draußen im Freien sind, ohnehin, ich werde also nicht gegen Häuser, Schirme und überdachte Bushaltestellen anreden.

paulfehm

Pauls Blog ist hier zu finden:

http://paulfehm.wordpress.com

Hier der Text,

den ich Paul Fehm zum blindverkosten gab:

Bild                               Und das Ergebnis seiner Beschäftigung damit:

  Draußen…die…Düne.

Das Gedicht spricht von der Liebe, es spricht genauer vom Ausbleiben der Geliebten. Vielleicht habe ich sie verstoßen, vielleicht ist sie auch einfach gegangen. Ich kenne dieses Gefühl jedenfalls, auch wenn mein Fenster zum Wald geht, nicht zum Meer. Diese Erfahrung von Verlassensein wird vom Gedicht allerdings zugleich ins Allgemeine gewendet: Ich ringe um meine Einheit.

 Draußen…die…Düne.

Das Gedicht beginnt mit dem Blick nach »Draußen« und endet mit dem Blick ins Innere, ins »Herz«. Gekennzeichnet sind die Verse durch eine Sprache, die Beobachtung erzeugt: die Beobachtungen des lyrischen Ichs treiben es dazu, diese in Worte zu fassen, und das Sprechen wirkt zugleich produktiv an der Wahrnehmung mit. Mimesis und Konstruktion halten sich die Waage.

Immer stehe ich anfangs am Fenster und sieht nach draußen gegen eine »Düne«: der Blick trifft also sogleich auf einen Widerstand, auf aufgehäuften Sand, auf die Düne, die den Blick über das bis zum Horizont reichende Meer versperrt. Ich stelle mir vor, wie mühsam es wäre, die Düne, mit dem nassen Sand unter den Füßen, im Regen hochzulaufen. Das poetische Ich fühle mich eingesperrt.

Aber wie um wie  vieles leichter ist es doch, solange die Düne, der Wald, das Meer vor  dem Fenster wogt. Wenn es aber durch die Scheiben bricht, sie  zersplittert, den Raum anfüllt und ich wie in einem Aquarium gefangen bin, dann braucht es das Talent zu Kiemen, wenn man nicht in der Einsamkeit ertrinken will. Wo bleibt M.?

Das Vorherrschen von Substantiven und elliptischen Sätzen, die das Verb aussparen, bewirkt dabei eine nur scheinbare Objektitvität und Verlässlichkeit in der Beschreibung. So wie Ich mich hier in einer Ansammlung von Betrachtungen verliere und zugleich konstituiere, kommt diese Dialektik auch in der Kombination von »Düne« und dem bestimmten Artikel »die« zum Vorschein.

Der bestimmte Artikel »die« behauptet eine Einheit der Düne, genauer gesagt: ihre Einheit, die doch selbst nur aus Abermillionen Sandkörnern besteht. Diese Sandkörner finden ihre graphische Reflexion in den Auslassungspunkten, die zugleich auch die vergehende Zeit darstellen und fühlbar machen wie in einer Sanduhr. Die Punkte, wie Bilder des Atomismus, trennen die Redeinheiten und verbinden sie zugleich. Synthese und Analyse bewirken die Spannung des Gedichtes.

 Einsam…das Haus,
 eintönig,
 ans Fenster…der Regen.

 War ich im ersten Vers nur im Standpunkt des Beobachters im Inneren des Hauses präsent, so erscheine ich nun in der subjektiven Befindlichkeit »Einsam«. Das Einsame bedeutet eine Sammlung in das Eine, Konzentration, Reduktion. »Eintönig«: Das Gedicht trägt ein Ton, später wird die Rede vom »Ton« durch »grau« mochmals aufgegriffen.

Der Ort des Sprechers wird nun genauer lokalisiert, er befindet sich drinnen, hinter dem »Fenster«, vom »Regen« durch die Fensterscheibe getrennt und zugleich ihm nahe. Regen besteht aus Abermillionen Tropfen, aber auch hier wird die Einheit behauptet: so wie das Ich seine Integrität, die es zu verlieren droht, redend verteidigt. Die Statik der Atmosphäre wird allein durch das »Regen« des Ichs dynamisiert.

Wenn es zu wenig regnet, dehydriert mein Gehirn, die Gedanken werden dröge. Oder, wie wenn ich vertrocknet aus dem Fenster schaue, wo das Bellen der Hunde und Heulen der Wölfe zu mir dringt, wie ist er zu erreichen, der Regen, der mir die Kehle netzen könnte, aber unendlich weit von mir und unerreichbar hinter der Scheibe auf sie trommelt; – ein Marsch, dem ich nicht zu folgen in der Lage bin.
 
 Hinter mir…tiktak…eine Uhr,
 meine Stirn
 gegen…die…Scheibe!

Als bedürfte ich in meiner Angst Einengung, werde ich mir nun dem bewusst, was mir im Rücken liegt und akustisch mich erreicht. Die direkte sprachliche Abbildung des Geräusches »tiktak« erscheint als hilflose Geste, Vergehendes sprachlich zu fixieren und zu begreifen. Der Versuch des präzisen Ausgriffs auf Sprache bleibt gegenüber der Wirklichkeit ohnmächtig.

Die Front indes, die »Stirn«, verschiebt sich: das poetische Ich drückt sie in von Ellipsen durchsetzter Geste gegen die »Scheibe«. Ostentativ tritt hier die Trennung von Drinnen und Draußen hervor. Zugleich aber reflektiert sich diese Trennung bereits im Bild des Schädels, denn die »Stirn« ist die Scheidewand von Gehirn und Welt. Das übrigens eine im Zuge der Evolutionstheorie vieldiskutierte Frage: die nach der Abschottung der Nerven von der Welt und deren Bedeutung für die Entwicklung der Menschheit.

An dieser Stelle, nach dem Ausrufezeichen, befindet sich die Peripetie des Gedichtes. Bis hierin herrschte die Kraft des poetischen Ichs, die Trennung zu überwinden, die Geliebte nahen zu sehen, die Zeit des Ausbleibens zu überwinden. Gewonnen wurde diese Kraft aus der Erinnerung an das Vereinigte der Vergangenheit.

 Nichts.
 Null…Komma…Null.

Jetzt aber kippt die Stimmung: »Nichts.« Die Bestimmung »Null … Komma … Null.« gibt in ihrer naturwissenschaftlichen Nomenklatur die Hilflosigkeit des poetischen Ichs zu erkennen. Während das »Nichts« noch metaphysische Anklänge hat, versucht die exakte Bestimmung Gewalt über die Welt zu erlangen: durch Präzision.

Der Nullpunkt des Meeresspiegels. Im Übrigen ist in »Nichts« noch immer etwas präsent, denn »nichts« ist privativ verkürzend für »nicht etwas«. Erst der folgender Vers bringt den tatsächlichen Einschnitt in der ursprünglichen Bedeutung von »Komma«, links und rechts steht die »Null«, vor dem poetischen Ich und hinter ihm.

 Alles
 vorbei!…Alles…dahin!
 Alles
 zerronnen, verloren,
 gewesen!

Genauso absolut wie »Null…Komma…Null.« tritt nun das Gegenteil »Alles« hervor. Das absolute Nichts wird beschworen. Aber auch diese Geste gibt sich als losgelöst, als ab-solut, von der Wirklichkeit zu erkennen. Der direkte Umschlag der Beschwörung von »Alles« und der sich anschließenden Verneinung »zerronnen, verloren, gewesen« ist in seiner Unvermittelheit zu scharf, um nicht einer komischen Komponente zu entbehren.

Ich will sagen, ja, ja, ich habe mit ihr geschlafen, mit ihrer zusammengeschrumpften Gestalt. Ihre unendlich dürren Glieder bogen sich vor mir, bäumten sich auf, ihre eingefallenen Brüste verhöhnten meinen Hunger und ihre rissigen Lippen schnitten die meinen im Kuss. Ihr Mund schmeckte nach Asche, die Haut als hätte einer Salz auf dieses Feld gestreut, aus dem mir nichts erwuchs in dieser Nacht, in der ich schrie, aber nicht liebte und schwitzte, aber immer und bis heute noch, durstig blieb. Verzeihen? Nein, So kommen die Jahre, ich sah eine Kuh verenden im Traum und mein Hafen liegt verlassen im Land, wo Zitronen blühen und für mich kein Zug mehr im Gleis steht. Alles ist eitel.

Vielmehr stellt sich die Frage nach dem »Zerrinnen« des Inhalts der Sanduhr, nach der »verlorenen« Zeit, nach dem Wesen des »Gewesenen«. Das poetische Ich hat seine Einheit verloren, wobei erst die Abwesenheit der Geliebten die Frage nach der Einheit so radikal zutage treten lässt. Übrigens damit auch die Frage nach der physischen Einheit des Ich und das Problem des Todes. In diesem Kontext ist auf Ernst Haeckels Monismus hinzuweisen, der wie andere Weltanschauungen um 1900, wie überhaupt die Lebensphilosophie, sich mit diesen Fragen befasste.

 Grau…der Himmel…grau
 die See
 und…grau…das
 Herz.

 Dieser Zweifel lässt alles »eintönig« »grau« werden. Das Drinnen, das »Herz« überlagert nun die Wahrnehmung vollkommen: der »Himmel«, die »See«, beides sieht das poetische Ich nicht vor sich, werden wie das »Herz« grau. Das Grauen, die Angst, dringt ins Innerste vor, paradoxerweise aber kommen so tristes Draußen und graues Drinnen zusammen: die Enge, die die Angst in dem poetischen Ich hervorruft, gibt dem Ich, das sich zu verlieren droht, letzten Zusammenhalt.

Das Sprechen in dieser Form des Gedichtes – die Setzung der Strophen, die zwischen Einheit und Vereinzelung wechselt, der Versbruch, das Metrum, die Auslassungszeichen – zeigt eine moderne Erfahrung. Mich erinnert das an Ernst Machs These vom »unrettbaren Ich«, das in Wahrnehmungspartikel zerfällt. Entstanden ist das Gedicht wohl im Umkreis der Jahrhundertwende, wo solche Erfahrungen und Fragen kulminieren.

Mich berührt die Erfahrung des auf sich zurückgeworfenen Ichs, die Konfrontation mit der Enge des Raumes, der verrinnenden Zeit, das leere Warten, die Zuspitzung des Grauens darin, und die Einfärbung der ganzen Welt mit diesem Gefühl. Es bleibt aber am Ende des Gedichtes etwas Hoffnungsvolles zurück: das »Herz« wird sich beim ersten Anblick der Geliebten auf dem Scheitel der Düne wieder in seiner Zersplitterung vergessen und wieder als Einheit fühlen.

Ja, es war grau und ist es auch immer noch und grau noch im Schwarzlicht, ich habe es angesehen, damals auf der Toilette, wo sie nicht wollen, dass einer sich totspritzt. Da habe ich auf sie gewartet und sie kam und brachte den Rausch, aber quälte sich trocken die Kehle hinunter und heute noch brennt es. Warum willst du es wissen? Ich weiß es nicht, ich glaube, ich musste es erfahren, dieses Jahr, wo der Wind meinen Weizen zerbließ, die Sonne die Erde zerspringen ließ und der Boden so trocken war, dass ich nicht einmal deine Spur finden konnte, als du gegangen warst; – wohin, ach, dass ich das alleine nicht weiß.

——————————————————

Mein Kommentar:

Ich danke Paul Fehm sehr herzlich für diese intensive und sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem auf den ersten Blick unscheinbaren Text.

Recht modern sieht das Ganze aus, mit seinen sehr freien Zeilenumbrüchen, kurzen Versen und der eigenwilligen Interpunktion. Inhaltlich passiert nicht viel. Jemand steht am Fenster und sieht hinaus.  Es regent, eine Uhr tickt- ein Urbild des Wartens und des tatenlosen Verrinnens der Zeit. Wir haben ein ICH, wir haben eine Düne als Konstante und sonst: NICHTS.

Resignation und Vergeblichkeit klingen aus den gerade einmal 43 Worten, von denen viele auch noch mehrfach wiederholt werden. Kein Sprachfeuerwerk, keine Metaphernkaskaden prasseln hier. Der Regen ist Regen, die Uhr Uhr und letztlich ist alles grau und ein Gleiches. Hier ist vieles heruntergefahren auf seine Grundfunktionen, meint man. Aber Paul bemerkt richtig: am Ende ist noch was. Ein HERZ. Zwar auch ein graues, aber ein HERZ. Immerhin. Das Geschehen dieser minimalen Zeilen liegt ganz offenbar vor der festgehaltenen Szene und ein Danach steht vage im Raum. Paul hat es für sich und uns sehr schön mit Inhalt und Assoziationen gefüllt.

Mit seiner am Rande geäußerten Vermutung, das Gedicht sei wohl um die Jahrhundertwende entstanden, hat er vielleicht den ein oder anderen verblüfft.  So modern im Satz? So wenig schwülstig? Hier soll also ein Zeitgenosse Fontanes, Rilkes und Stefan Georges am Werk sein? –

Dennoch: genauer kann man es fast nicht treffen. 1898 erschien dieses Gedicht erstmals. -Chapeau!

Kunst= Natur-X. Es war eine Zeit, in der man noch Theorien zur Kunst entwickelte, auf der Suche nach totaler Veränderung der herrschenden Normen.  Die Wissenschaft erfasste nach und nach eine dunkle Ecke der Welt nach der Anderen. So wurden Formeln und Regeln auch auf die Kunst angewendet.

Kunst= Natur-X. Kunst ist also das Gleiche wie Natur, abzüglich einer gewissen Komponente. Naturalismus ist denn auch der Begriff, der für diese Strömung dieser Epoche gefunden wurde. Kunst solle der Natur möglichst nah kommen, wenig subjektiv daherkommen. Mit diesen Gedanken einher ging die Lösung von der strengen Form. Man bevorzugte die Abbildung von Realität, bis hinein in den Sprachgestus. Und da auch um 1900 die Menschen nicht in Reimen sprachen und dachten, löste sich die althergebrachte Form langsam auf.

Und nun lösen wir es auf. Von wem stammt dieser kleine Text, den Paul Fehm so treffsicher verorten und kenntnisreich besprechen konnte?

Er stammt vom führenden literarischen Vordenker dieser Zeit: Arno Holz.

Arno_holzArno Holz (* 26. April 1863 in Rastenburg, Ostpreußen; † 26. Oktober 1929 in Berlin) zählt zu den heute praktisch vergessenen Autoren.  Dabei war er vielleicht der wichtigste deutsche Dichter und Dramatiker des Naturalismus und Impressionismus.  Sein Hauptwerk, der Gedichtband Phantasus von 1898, dem dieser Text entnommen ist, gilt als Meilenstein in der modernen Poesie und stellt einen frühen Versuch dar, die klassischen Versformen zugunsten des freien Verses zu überwinden.

Arno Holz wurde in Rastenburg als Sohn eines Apothekers auf, betätigte sich zunächst als Journalist, dann aber freier Schriftsteller. Sein Gedichtband Buch der Zeit wurde 1885 mit dem Schiller-Preis ausgezeichnet.

Ab 1888 begann die enge berufliche Zusammenarbeit mit Johannes Schlaf, mit dem Holz sogar zusammenlebte. In Gemeinschaftsarbeit entwickelten sie  die Theorie eines „konsequenten Naturalismus“, der auf möglichst genaue Milieuschilderung bestand und auch die Einbeziehung umgangssprachlicher Elemente abzielte. Zugleich sollte diese neue Literatur ohne Subjektivität auskommen und möglichst wissenschaftlich sein. So kamen sie zu der Formel „Kunst = Natur − x“.  Kunst sollte so weit wie möglich der Natur entsprechen und Aufgabe des Künstlers sei es, das x aus der Formel möglichst klein zu halten.  Diesen theoretischen Ansatz  wandten sie praktisch in den Werken Papa Hamlet und Die Familie Selicke an,  die unter dem gemeinsamen Pseudonym Bjarne P. Holmsen erschienen.

holz

1898 veröffentlichte Holz seinen Gedichtband Phantasus,  sein lyrisches Hauptwerk. Die erste Ausgabe erschien in Form zweier Heftchen a 50 Gedichten. Die Gedichte, fiktiv einem heruntergekommenen Poeten im Wedding zugeschrieben,  spiegeln das Milieu wider, in dem Holz seinerzeit in Berliner lebte.  Holz hat seinen Phantasus hat Holz fast sein ganzes weiteres Leben über immer wieder bearbeitet und erweitert.  1916 erschien der Band in einer neuen Fassung mit 336 Seiten.  Die letzte vom Autor selbst publizierte Fassung von 1924/25 ist 1345 Seiten stark. Formal ist der Band dadurch interessant,  dass die einzelnen Verszeilen zentriert sind, weshalb dieser Stil auch Mittelachsenlyrik genannt wird. Zeilenumbruch und Interpunktion folgen hier nicht mehr metrischen  oder grammatikalischen Regeln, sondern werden rein subjektiv, im Sinne des Gefühls eingesetzt.

3 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein

3 Antworten zu “-Blindverkostung- Folge 4: mit Paul Fehm

  1. oh bei MIR ist der Holz noch SEHR präsent! sein Phantasus ist immer noch fantastisch gut!

  2. Pingback: Blindverkostung. | Paul Fehm

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