-Blindverkostung- Folge 3: mit Anke Laufer

BeFunky_blindverkostung

In dieser Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verrät.

Bisher haben mir:

Jost Renner  https://dingfest.wordpress.com/2013/07/14/blindverkostung-folge-1-mit-jost-renner/
Thyra Thorn https://dingfest.wordpress.com/2013/07/20/blindverkostung-folge-2-mit-thyra-thorn/
Anke Laufer https://dingfest.wordpress.com/2013/07/27/blindverkostung-folge-3-mit-anke-laufer/
und Paul Fehm    https://dingfest.wordpress.com/2013/08/02/blindverkostung-folge-4-mit-paul-fehm/
die Ehre gegeben.

tafelIch freue mich, erneut eine interessante und hochtalentierte Autorin für diesen Feldversuch gewonnen zu haben.

Anke Laufers Texte sind eine ganz eigene Kategorie. Keiner davon läßt mich kalt. Da steht Spannung neben Humor, feine Beobachtungsgabe neben handfesten Dialogen. Anke Laufer liebt ihre Figuren und gestaltet sie treffsicher und facettenreich. Dennoch kennt sie kein unnötiges Mitleid mit ihnen und führt sie in die fürchterlichsten Situationen. Und das mit einem trickreichen und sicherem Handwerk, dass es nicht wundert,  dass die Autorin bereits mehrere Auszeichnungen für ihr Schreiben erhalten hat.

In dieser Folge nähert sich Anke auf die bisher vielleicht überraschendste und kreativste Weise ihrem Blindverkostungstext. Viel Vergnügen!

Zur Autorin:

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Anke Laufer studierte Ethnologie und Politik in Freiburg im Breisgau. Sie promovierte im Jahr 2000, war anschließend im Verlagswesen und Multi-Media-Publishing beschäftigt und begann ihre  Dozentinnentätigkeit. Seit 2006 veröffentlicht sie literarische Texte, für die sie bereits Stipendien und mehrere Auszeichnungen erhielt, darunter den Deutschen Kurzkrimipreis 2009 und den Würth-Literaturpreis 2011.

Veröffentlichungen: (u.a.)

Die Irritation. 21 Stories. worthandel : verlag, Dresden, 2012.

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Weitere Infos über Ankes Bücher, Vorträge und sonstige Aktivitäten findet man  unter:

http://ankelaufer.com/

ankescreen

Hier der Text, den ich Anke zum blindverkosten ausgesucht habe:

text anke

Und Anke Laufers „Senf“ dazu:

Zufallstext

Ja, schon gut. Hör auf.
Da schreibt also einer seine „Morgenseiten“. Zugegeben, er macht es nicht auf diese egozentrische und weichgespülte Art.
Wie? Ihr wisst gar nicht, was „Morgenseiten“ sind? Kein Drama, wirklich nicht. Also: Die Idee stammt wohl ursprünglich von Natalie Goldberg, die solch (überaus erfolgreiche und alberne) Bücher verfasst hat wie „Der Weg des Schreibens. Durch Schreiben zu sich selbst finden.“ Amazon setzt erläuternd hinzu: Esoterik (womit Amazon das Produkt treffend kennzeichnet). Natalie Goldberg und die wachsende Zahl ihre Jünger, darunter nicht wenige SchreibwerkstättenleiterInnen glauben nämlich allen ernstes, dass man schreiben lernt, in dem man sich zuallererst und beinahe ausschließlich mit sich selbst beschäftigt. Um eins klarzustellen: Ich finde, wenn man überhaupt in den eigenen Geschichten vorkommen sollte, dann höchstens wie Hitchcock in seinen Filmen, in denen er in Zwei-Sekunden-Sequenzen an der Kamera vorbeihuscht, als Hundespaziergänger, zum Beispiel. Ein irritierter Blick zur Kamera hin war dabei das höchste der Gefühle. Nur wenn man ihn wirklich abpasst, kann man ihn entdecken, wenn nicht, ist das dann auch okay. Es gibt da ja diese nervenzerreißend spannende Geschichte, die gar nichts mit ihm zu tun hat. Scheinbar.
Aber ich schweife ab. Also: Dieser Autor schreibt seine Morgenseiten, fleißig und irgendwie ziellos, allerdings hat er beschlossen, dass diese sich nicht mit ihm selbst, sondern der Welt da draußen beschäftigen sollen. Um warm zu werden listet er Tatsachen, Halbwahrheiten und Behauptungen auf, die ihm auf Zickzackkurs durch den Kopf schießen wie Flipperautomatenkugeln.(In der Flipperautomatenzeit dürfte der Text wohl auch entstanden sein, schätze ich, aber das nur nebenbei)
Wie auch immer: Ein halbausgeschlafener Autor versichert sich der Welt, in dem er sie protokolliert, ein wenig hilflos scheint mir der Versuch und daher irgendwie rührend, möglich, dass ich das Gefühl ganz gut kenne. Wahrscheinlich ist es noch viel zu früh am Tag für ihn. Er muss seine Sinne erst zusammenraffen. Also tastet und tappt er herum, die Haare ungekämmt, in der Mundhöhle noch der Geschmack der schlechten Träume der vergangenen Nacht. Aufgrund dieser ziemlich deutlichen Vision lehne ich mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und behaupte: Der Autor dieser Zeilen ist ein Mann.
Und der Kerl hat ein Problem. Eindeutig. Wieso ich das weiß? Ich sag jetzt einfach mal nur: Erfahrung.
Mir kann er da wirklich nichts vormachen. Ich hab ihn (aus gutem Grund) nicht überlesen, diesen einen Satz, auch wenn er noch so beiläufig daherkommt: „Schriftsteller schreiben Romane“ behauptet unser Schreiberling. „Ja, klar“, rufe ich ihm über den Schreibtisch hinweg zu, „Oder eben auch nicht!“ und dann schnauze ich: „ Verdammt, geh endlich duschen, mach dir einen ordentlichen Kaffee, reiß dich zusammen. Vielleicht fällt dir dann etwas ein, aus dem eine gute Geschichte werden könnte, muss ja kein Roman sein.“
Zwischendurch klaubt er zu meiner großen Erleichterung etwas auf, das ausnahmsweise nicht nach seinen gebrauchten Socken riecht, sondern nach einer Story: Zwei Anhänger der koreanischen Religionsgemeinde Genri Undo Kenkyudai sind am Dienstag bei einer Gebetsübung unter dem Wasser­fall in Kuzumi (Japan) an Unterkühlung gestorben. „Na also“, sage ich, „geht doch!“, aber da macht er schon weiter wie gehabt und schreibt: Wir kennen keine Langeweile, hebt das zerknitterte Gesicht und grinst mir blödsinnig hoffnungsfroh entgegen. Jetzt werde ich wirklich sauer. „Hast du eine Ahnung!“  Aber dann tut er mir auch schon leid und ich fühle mich berufen, ihm ein wenig auf die Sprünge zu helfen, wobei ich schnell merke, dass mir die Sache schon wieder entgleitet. „Hör mal, keiner sagt mehr ´Primaner` und überhaupt: Filme reißen nicht mehr, wenn man von deinem Filmriss absieht, den du wohl dem Besäufnis gestern zu verdanken hast. Aber glaub mir, der positive Einfluss von Alkohol und Drogen auf die literarische Schaffenskraft wird eindeutig überschätzt.“
Er ist jetzt natürlich ein bisschen eingeschnappt, aber ich schiebe ihm meinen Zettelkasten mit den alten Zeitungsausschnitten über den gemeinsamen Schreibtisch. „Wenn du da nichts findest, ist dir nicht zu helfen, echt. Ich mach jetzt Kaffee. Aber das nächste Mal bist du dran.“
Er fängt an zu kramen und während ich den Kaffee aufbrühe, liest er laut vor:
Quilca, La Punta und el Chorro heißen die Weiler im lang gezogenen Küsternort, in denen kein Stein auf dem anderen geblieben ist. Enrique Gutierrez, der Bürgermeister, berichtete von zwei Kindern, die zum Zeitpunkt des Bebens und der Flutwelle allein zu Hause waren. Die Leichen der fünf und sieben Jahre alten Geschwister fand man später in den Trümmern. Sie lagen sich gegenseitig in den Armen.
Elsa Saile aus Beuren war die Botin. Sie kannte jeden Stein und jedes Haus mitsamt Bewohnern. Sie schleppte die Gebrauchsgegenstände der alten bäuerlich-handwerklichen Welt von einem Ort zum anderen – wo sie eben gebraucht wurden.
Der Vater der Unabhängigkeitserklärung habe zumindest ein Kind mit der 28 Jahre jüngeren schwarzen Sklavin Sally Hemings gehabt, erklärte die Thomas Jefferson Memorial Foundation.
Christine W. ist alleinerziehend. Sie lebt mit zwei Kindern sparsam und zufrieden in drei Wohnwagen. „Sonst müsste ich zum Amt“, sagt sie

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Mein Kommentar:

Na, so richtig festlegen mag sie sich nicht, die Anke Laufer. Und sie hat auch keine falsche Ehrfurcht vor diesem Text. Sie sieht den unbekannten Autoren einfach als Kollegen, der -genau wie wir anderen Schreiber auch- auf der Suche ist nach einem Sujet für einen Text, denn:  Schriftsteller schreiben Romane. Diese scheinbare Selbstverständlichkeit reiht sich leise ein in all die anderen einfachen Wahrheiten. Sahne macht dick, Hunde bellen, Ferngespräche kosten Geld. -Ein wenig Mitleid hört man aus ihrem fiktiven Zwiegespräch mit dem gesuchten Autoren heraus, aber auch Verständnis!
Anke Laufer kennt dieses Ringen sicher auch, das Notieren und Sammeln von Meldungen, Berichten, Anekdoten, die irgendwo einen fast unsichtbaren Keim einer Geschichte in sich bergen und sie legt am Schluss ihrer Betrachtungen dem bedauernswerten Kollegen und uns sogar ein paar ihrer Zettel aus dem magischen Kästchen offen.
Sie vermutet einen männlichen Autoren (in unserer Korrespondenz für die heutige Folge spricht sie sogar von einem KERL) und sie hat Recht damit. Woran erkennt sie das? Bauchgefühl vermutlich. Es handelt sich sogar um einen ziemlichen KERL. Aber dazu später.
Irgendwann in der Flipperautomatenzeit verortet sie den Text und auf Nachfrage meint sie damit schon eine Zeit, die einige Jahrzehnte zurückliegt. Und es gibt ja noch ein paar andere Indizien: Brecht ist schon tod und die Politiker gehen hier nach BONN, aha! Da kann man also sagen: der Text ist nicht älter als 1956 und nicht jünger als 1999.
Eine ungefähre Verortung. Wie lange man sich schon bewußt ist, das Rauchen Lungenkrebs verursacht und ob die Polizeistunde de facto noch existiert, müsste man glatt recherchieren. Ansonsten gibt der Text mit seinen vielen Allgemeinplätzen nicht mehr her. Nein?
Mal zurück zu den einfachen Wahrheiten: Züge haben Verspätung, ja! Ampeln stehen auf Rot, ja! Der Kaffee wird kalt, ja verdammt- und immer viel zu schnell! Aber: gehen Politiker wirklich aus Überzeugung nach Bonn (oder heute: nach Berlin)? Sind wir wirklich Optimisten und kennen keine Langeweile, wie es hier zwischen anderen Allgemeinheiten behauptet wird? Das ist so eine Sache. Eher fragliche Dinge werden uns hier sehr beiläufig zum Abnicken untergeschoben.

UND: da ist er tatsächlich: dieser Fetzen einer Geschichte, den auch Anke Laufer mit geschultem Auge entdeckt. Zwei Anhänger der koreanischen Religionsgemeinde Genri Undo Kenkyudai sind am Dienstag bei einer Gebetsübung unter dem Wasser­fall in Kuzumi (Japan) an Unterkühlung gestorben. Aha! Und, wenn man genau hinsieht, ist da noch mehr. Auch warum der Amokläufer genau aufgeben musste und wie das ablief, wäre interessant. Und was geschieht mit der Mondsonde? Was plante denn der unbewaffnete Amerikaner und war das Fehlen einer Waffe dafür hilfreich oder fatal?
Dieser vermutlich männliche Autor streut hier doch mehr Krumen aus, als anfangs vermutet. Sie sind schwer erkennbar unter den üppig ausgebreiteten Nichtigkeiten, die einer näheren Betrachtung gar nicht würdig zu sein scheinen. Hier tastet jemand im Dunklen und findet tatsächlich das Ein oder Andere. Die Geschichten selbst- die müssten allerdings nich geschrieben werden. Aber vielleicht klappt es ja nach Ankes Kaffee und Ermunterung, wer weiß!

Sehr amüsant und klug -Ankes Auseinandersetzung mit dem Text. Auch so kann man es also angehen. Sicher die bisher ungewöhnlichste Folge der -Blindverkostung-. Meinen herzlichen Dank dafür!

Aber jetzt für die, denen die Detektivarbeit nicht zu kurz kommen soll:


Lösen wir es auf: der Text stammt von einem Autor, der Ende der sechziger Jahre eine Art Popstar unter den Literaten war, dessen Lyrikbände immense Auflagen hatten und der auch mit seinen kurzen Prosatexten erfolgreich war. An keinem Boxring und auf keiner Schickeria-Party fehlte er. 1969 erschien dieser Text in seinem Buch mit dem wunderbaren Titel: Früher begann der Tag mit einer Schußwunde, das eine ganze Reihe derartiger Kurztexte enthält. Der Autor heißt Wolf Wondratschek, kein Unbekannter also und einer, der noch unter uns weilt und in den letzten Jahren durchaus wieder eine gewisse Beachtung findet, die in den 90er Jahren etwas nachgelassen hatte.

Wondratschek_TOP

1943 geboren  wuchs Wondratschek in  Karlsruhe auf.  Von 1964 bis 1965 war er Redakteur der Literaturzeitschift Text & Kritik.  Seit 1967 lebt er als freier Schriftsteller in München.  Wondratschek verweigert sich seit seinen literarischen Anfängen weitgehend dem Literaturbetrieb, gibt kaum Interviews und tritt selten auf. Zuletzt veröffentlichte er überwiegend Prosa.

Der hier vorgestellte Text ist folgendem Buch entnommen:

Wolf Wondratschek: Früher begann der Tag mit einer Schußwundewond

Reihe Hanser 15, 1969

Hanser Verlag, München

3 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein

3 Antworten zu “-Blindverkostung- Folge 3: mit Anke Laufer

  1. Pingback: Blindverkostung | anke laufer

  2. Köstlich 🙂
    ich finde diese Form der Auseinandersetzung mit einem Text ist im Grunde die einzig ehrliche, sich selbst gegenüber. Werden Texte hochgelobt und viel gepriesen, lese ich sie grundsätzlich in einer Art auferlegter Skepsis. Allein schon, weil ich überzeugt bin, nicht mit der Masse laufe(r)n zu wollen. Wird er verrissen und steht bereits in der Kritik, gibt ihm mein Herz eine große, große Chance. Gehört er zum „Standardwerk“, muss ich ihn im Grunde mögen oder zumindest verstehen, um mir keine Blöße zu geben. Undsoweiterundsofort. Habe ich allerdings nichts, als den Text, die Worte selbst – und um beides geht es ja schließlich – dann wirken auch sie allein auf mich.

    Schönes „Experiment“,das mir sehr gefällt. Ebenso wie Anke Laufers „Annäherung“ an WW 🙂

    • Miss Glück, Hallo und herzlich willkommen auf DINGFEST! Schön, dass die Blindverkostung dir gefällt. Auch die ersten beiden Folgen waren sehr interessant und erst einmal geht es (mit einer kurzen Urlaubsunterbrechung) jeden Sonntag weiter. Freu mich, wenn du ab und zu vorbeischauen möchest. Alles Gute!

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