-Blindverkostung- Folge 2 mit Thyra Thorn

BeFunky_blindverkostung

In dieser neuen Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verraten wird.

 

rahmen

Ich freue mich, eine vielseitige und außergewöhnliche Kollegin für die heutige Folge gewonnen zu haben. Thyra Thorns Ideenreichtum, ihr Humor und ihr sehr eigenständiger Zugang zu Kunst & Literatur waren mir schon oft Inspiration und Bereicherung.

thy

Thyra Thorns künstlerisches Schaffen illustriert den Begriff multimedial  m.E. in Reinform.
Sie schreibt und veröffentlicht seit 2008, als bildende Künstlerin stellt sie ihre Gemälde seit den 80er Jahren aus (zuletzt im Januar 2013 im GRAZ, Regensburg) und seit 2011 macht sie Videos, die bereits international auf Festivals gezeigt wurden, darunter das                                                      7. ALFA-Multimediawettbewerb Karierte Maiglöckchen 2012 in Portugal http://creative.arte.tv/en/community/checkered-lilies-valley
und das Britische Filmfestival 2013 in Chesterfield http://creative.arte.tv/de/community/emotions-fall

Thyra Thorn wurde in Rendsburg/Schleswig Holstein geboren und wuchs in Regensburg/Bayern auf, wo sie seit ihrem Studium an der FU Berlin auch wieder lebt. Als Ethnologin hält sie Vorträge in verschiedenen kulturellen Einrichtungen, demnächst z.B. in der staatlichen Bibliothek zu St. Petersburg. Einblick in Thyra Thorns vielseitiges Tun gewinnt man auf ihrem Blog: http://www.anthropos4u.blogspot.com

Veröffentlichungen:
„Der Schwimmer“ Geschichte in der(ebook) Anthologie „Hoffnung im Untergang“, C.von Kamp Verlag

Drei Gedichte in der Anthologie: „Die Welt im Wasserglas“, WortKuss Verlag 2011

Erzählung „Fette Liebe“ im Worthandel Verlag DresdenFETTE_LIEBE_2_weisser_HG_small

Hier nun der Blindverkostungs- Text, den ich für Thyra ausgesucht habe:

Bild

Und:

Was Thyra dazu einfiel:

Eine Gedichtinterpretation – und das mir! Das war in der Schule mein absoluter Tiefpunkt in Deutsch und hat mich tief verschreckt. Auch heute schreibe ich Gedichte nur, um meine eigene Sprache zu diziplinieren, oder wenn ich vom Vorträgeschreiben zu Prosatexten wechsele. Aber gut , ich versuchs:

Das Gedicht (5 Strophen à vier Zeilen) wirkt auf den ersten Blick recht klassisch. Der Rythmus/pro Zeile ist dreihebig (nennt man das so, ich weiß es nicht mehr genau?), mit weichen und harten Endreimen . Für einen Klassiker ist es aber nicht stringend genug durchkomponiert. In allen Strophen, außer in der zweiten!! – warum da nicht?, gibt eines Zeile mit vier Hebungen. Diese Zeilen stören den Fluß erheblich. Offensichtlich ist das meistens beabsichtig, z.B. in der Wiederholung in Zeile 4 (Kisten- Kasten) und in der letzen Zeile (Jugend-Jugend). In der Zeile 7 und in Zeile 16 wirken die Adjektive „alte“ und „tiefe“ hingegen überflüssig. Warum dann die Symmetrie stören?

Auf den allerersten Blick erschien mir das Gedicht als eine Mischung aus Heinrich Heine und Georg Kreisler: „Gemma Tauben vergiftn im Park….“. Aber es ist weder von dem einen noch von dem anderen. Beide können ja sehr boshaft werden, aber Heinrich Heine würde eher auf einen Endreim verzichten, als den Rhythmus so zu stören. Kreisler hätte die dritte Strophe schreiben können, aber insgesamt kann ich mir das Gedicht als Liedtext nicht vorstellen (eben auch wegen des Rhythmusses). Der Sinn des Gedichtes scheint ziemlich klar -eben der Mord an der Tante aus niederen Beweggründen – vom Tantenmörder ausgeführt und vermutlich eher von einem Mann geschrieben. Ich schätze mal, Frauen lassen die Täter in solchen Fällen doch eher zu Gift greifen – die Qualen des Vergifteten wären ja auch sehr schön zu beschreiben .

Die letzten zwei Zeilen des Gedichtes : „Ihr aber, o Richter, ihr trachtet.. .meiner blühenden Jugend- Jugend nach.“ könnten ein Hinweis auf den Zeitraum sein, in dem das Gedicht geschrieben wurde. Nietzsche träumt schon 1873 von „einem Reich der Jugend“, Thomas Mann schreibt 1911 mit dem „Tod in Venedig“ seine Ode an die Jugend und dieser Jugendkult mündet mit dem „Wandervogel“ ja dann in die Hitlerjugend. (Von Stefan George ist das Gedicht aber auch nicht, der hätte viel mehr mit den Wörtern gespielt.) Das Gedicht ist auch nicht „elegant“ genug um, um im zeitlichen Umkreis der „Decadence“ Literatur entstanden zu sein -allein die leichtfertige Verwendung verschiedenster Tempi – von der 2. Vergangenheit bis zur Gegenwart – spricht dagegen. Aber natürlich – letztendlich rechtfertigt der Mörder seine Tat mit dem Vorrecht der Jugend („ich war jung und brauchte Geld“) und beschuldigt die (alten) Richter des Neides und Ressentiments. Also ich glaube, dass das Gedicht irgenwann zwischen den zwei Weltkriegen geschrieben wurde.

Und Thyra verfasste außerdem noch  eine spontane Replik auf den Text, die mir ebenfalls sehr gefällt:

dietantenMein Kommentar: Ganz richtig. Der Inhalt des Gedichts ist klar, eher einfach. Ziemlich klassisch gereimt und ein wenig bös`. Jedoch nicht spitzfedrig genug für einen Heinrich Heine. Thyras Ausschlussverfahren ist ohnehin eine taugliche Methode. Für die Décadence ist der Text nicht lyrisch und wortmalerisch genug, für einen Stefan George z.B. viel zu profan. Überhaupt: nicht sehr elegant, der Tantenmörder. Mit der Verortung einige Jahrzehnte, ja ein Jahrhundert zurückzuspringen, ist ebenfalls eine gute Idee. Die Jugend als Kult, ob jetzt wie bei Nietzsche oder Thomas Mann, ist eine Strömung, die in diese Zeit gut passt. Hier natürlich ohne das Mystische wie im George-Kreis und ohne völkische Komponente wie einige Jahre später bei den Nazis. Mit -zwischen den Weltkriegen- liegt Thyra etwas daneben, aber nicht sehr! Der Text stammt von 1902 und ist tatsächlich (Thyra merkte es an) eher eine Art „Gebrauchslyrik“, denn trotz des beim Lesen etwas holprigen Rhythmusses war der Tantenmörder ursprünglich als Couplet zum Singen gedacht und wurde auch in dieser Form vorgetragen. Thyras Assoziation von Georg Kreisler (dem großen Verfasser bitterböser Chansons) ist also gar nicht schlecht! Überhaupt war der Autor des Stückes einer, der zweigleisig fuhr. Als Theaterdichter war er extrem erfolgreich und hat auch zwei, drei Stücke hinterlassen, die damals skandalös und mutig waren und dazu auch heute noch gespielt werden. Andererseits war der Dichter dem „Profanen“ und der Auftragsarbeit nicht abgeneigt, begann er doch seine Karriere als Werbetexter:

„Was dem Einen fehlt, das findet / In dem Andern sich bereit; / Wo sich Mann und Weib verbindet / Keimen Glück und Seligkeit // Alles Wohl beruht auf Paarung; / Wie dem Leben Poesie / Fehle Maggi’s Suppen-Nahrung / Maggi’s Speise-Würze nie!“

Auch diese flotten Verse stammen vom Autor unseres heutigen Texte.

Bild

Frank Wedekind, geboren am 24. Juli 1864 in Hannover; gestorben am 9. März 1918 in München, war einer der führenden Bühnenautoren seiner Zeit. Lulu, Die Büchse der Pandora, Frühlings Erwachen sind Stücke, die bis heute im Gedächtnis geblieben sind.Doch Wedekind war stets auch auf der Seite des anspruchsvoll-humoristischen zu finden, schrieb z.T. unter mehreren Pseudonymen für die Satire-Zeitschrift Simpliccissimus und trug seine eigenen Texte zur Gitarre im Münchener Kabarett Die 11 Scharfrichter vor. Eines seiner Couplets brachte ihm sogar eine Anklage wegen Majestätsbeleidigung ein. aus Genau dieser Zeit stammt unser heutiger Text, den Thyra unter die Lupe nahm und dem sie zudem noch eine weiblich-moderne Variante hinzufügte.

Vielen Dank dafür!

Hier noch eine Art Selbstporträt der vielseitig begabten Probandin:

thyra

Am kommenden Sonntag dann die 3. Folge der -Blindverkostung-. Gleiches Prinzip-ganz anderes Ergebnis! Die Blindverkosterin der nächsten Woche erhielt für ihre Werke mehrere Stipendien und ist Trägerin verschiedener Literaturpreise, u.a. des Deutschen Kurzkrimipreises 2009 und des Würth-Literaturpreises 2011 Sie beschäftigte sich mit dem ersten Prosatext dieser kleinen Reihe.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter allgemein

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s