-Blindverkostung- Folge 1 mit Jost Renner

BeFunky_blindverkostungIn dieser neuen Kategorie meines Blogs findet etwas ganz Besonderes statt:
Autoren, Lyriker und Leute aus dem Kulturbetrieb besprechen fremde Texte, ohne den Verfasser zu kennen.

Die Regeln:

Ich suche für jeden teilnehmenden Schreiberling ein Gedicht oder einen kurzen Prosatext aus meiner oft etwas obskuren Bibliothek heraus und übersende ihm diesen ohne Autorenangabe. Es herrscht strengstes Suchmaschinenverbot!!
Der teilnehmende Autor bespricht nun spontan und subjektiv den von mir ausgewählten Text, äußert seine Assoziationen und versucht, die Herkunft einzukreisen. Erst im Nachhinein verrate ich den tatsächlichen Verfasser.

Ein sicher aufschlußreiches und interessantes Spiel, das hoffentlich einiges über den individuellen Zugang zu Literatur verraten wird.

FOLGE 1

Mit Freude eröffne ich heute die neue Kategorie Blindverkostung.
Und das direkt mit einem Highlight:

Als erster Autor hat sich Jost Renner der Aufgabe gestellt, einen ihm völlig unbekannten Text zu bearbeiten, dessen Entstehungszeit und Verfasser ich ihm erst am Ende dieses Artikels verrate.

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Jost Renner wurde 1960 geboren und lebt in Berlin. Sein erlernter Beruf ist der des Buchhändlers, somit sind wir Kollegen, was mich umso mehr erfreut. Sein Blog: http://liebesenden.twoday.net wird vom deutschen Literaturarchiv in Marbach archiviert und erfreut sich großer Beliebtheit.

In diesem Jahr erschien sein Gedichtband LiebesEnden im Mirabilis Verlag, ISBN 978-3-9814925-2-1.

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Hier nun der Text, den ich ihm für die erste Folge Blindverkostung ausgesucht habe:

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Und das Ergebnis seiner Beschäftigung damit:

Was wäre die Literatur, die Lyrik ohne den Traum ? Schon in der Genesis begegnen wir den Träumen des Pharao und den Deutungen des Joseph. Träume haben dort eine andere Funktion als in späteren Zeiten – sie warnen oder sind zumindest ein kleiner Einblick in zukünftiges Geschehen, ihr Wesen aber hat sich nicht verändert : sie kommen in Bildern, Symbolen daher, die einer Interpretation bedürfen, sie entwickeln dadurch – zumindest in der Erinnerung an sie – eine nicht zu vernachlässigende Vagheit, etwas Ambivalentes, Verschwimmendes.

Weitaus anarchischer erscheint dann Shakespeare. Sein „Mittsommernachtstraum“ ist ein Gebilde, das sich auf einer Ebene zwischen Traum und einer märchenhaften Wirklichkeit bewegt, und weder Figuren noch Zuschauer können sicher sein, ob das Geschehen nichts anderes gewesen ist als ein Traum. Erlebt jedenfalls haben alle Beteiligten es als höchst reales Geschehen.

Für die Romantik ist der Traum als Motiv vermutlich unverzichtbar, lassen sich doch Sehnsüchte, insbesondere unerfüllbare, damit trefflich beschreiben, lassen sich ideale Welten der Harmonie, der Liebe schaffen, damit durch das Erwachen auch möglicherweise deren Gegenteil : das Gefangensein im unerbittlichen Hier und Jetzt, das unendliche und Unerfüllbare der Sehnsucht.

Dennoch ist der Traum keineswegs immer angenehm : es gibt dessen düstere Spielart, Schreckensszenarien apokalyptischen Ausmaßes, die zunächst in der späten Romantik auftauchen, dann aber vor allem im Expressionismus Platz greifen. Der expressionistische Dichter Georg Heym z.B. notierte seine Träume akribisch in einem Tagebuch, und sie waren selten angenehm. 1910 beschrieb er einen Traum, in dem er beinahe ertrunken wäre, ein Schicksal, das ihn 1912, diesmal ohne guten Ausgang, ereilte.

Etwa in diesem Zeitraum wurden Träume und deren Deutung auch gesellschaftlich relevant – Freud veröffentlichte 1899 seine Traumdeutung, später folgt C.G. Jung, der sich auch in seiner Sichtweise scharf von Freud, seinem Lehrer, abgrenzt.

Der mir vorliegende Text ist unzweifelhaft ein Gedicht. Endreime, Versmaß und Strophenform qualifizieren ihn als solches. Den Autor weiß ich nicht zu nennen, dem Inhalt nach entstammt er allerdings nicht der Romantik, wiewohl – etwa mit dem Wort „Märchenbuch“ – Anklänge durchaus vorhanden sind. Eher weisen „Anderssein“, „Vielfachheiten“ auf das zwanzigste Jahrhundert hin, da sich die Frage der „Identität“ in der Romantik selten stellte. Unzweifelhaft ist der Traum in diesem Gedicht dennoch eine Art Freiraum, eine Befreiung aus dem Alltäglichen, möglicherweise einer gesellschaftlichen Rollenzuweisung. Diese mag durch die Arbeitswelt oder bürgerliche Konventionen erfolgt sein. Auch dies verbindet – ein wenig – mit der Romantik, denkt man daran, daß der „Taugenichts“ oder auch der Protagonist aus E.T.A. Hoffmanns „Der goldene Topf“ allenfalls in einer Märchenwelt, nicht aber in der bürgerlichen Gesellschaft glücklich werden können. „Traum II“ erzählt von Freiheit, allerdings mit zweifelhaftem Ausgang : sie mag Schreiben ermöglichen, aber genauso gut auch wieder verwehen. Vielleicht ist der Traum kein Traum, sondern allein ein Bild des schöpferischen Prozesses, der nicht unbedingt von Erfolg gekrönt sein muß. Eine gewisse Vagheit, etwas zwischen Schlaf und Wachen scheint mir gegeben. Ich neige dazu, den Text einer Autorin, nicht einem Mann zuzuordnen, kann diese allerdings ohne gezielte Suche nicht identifizieren, nur strikt behaupten, Else Lasker-Schüler sei es nicht. Die Weiblichkeit der Verfasserin scheint mir gerade dadurch stimmig, daß deren Alltagsrolle durch die bürgerliche Gesellschaft weitgehend festgelegt, bestimmt wurde. Gleiches aber mag auch für einen Mann gelten, dessen Broterwerb – wie bei Kafka – das Dasein in organisierten Strukturen notwendig machte. Ich halte den Text für recht gelungen, denoch störe ich mich ein wenig an der Abfolge kurzer Hauptsätze in der ersten Strophe, die dem harmonischen Versmaß, so scheint es mir, entgegen arbeiten.

Kommentar: „Was wäre die Literatur, die Lyrik ohne den Traum?“ -Ein sehr schöner Einstieg, den Jost hier gewählt hat. Allgemeingültig und für diesen Text natürlich passend, da es sich, laut Betitelung, um einen Traum -den Zweiten von vermutlich mehreren- handelt. Josts Verortung des Textes ins 20. Jahrhundert und seine Tendenz, mit den Assoziationen von Freud und Jung, eher zum frühen 20. Jahrhundert, treffen tatsächlich ins Schwarze. Das Gedicht entstammt dem Expressionismus. Und auch mit der Vermutung, der Verfasser sei weiblich, aber nicht die wohl größte und bekannteste expressionistische Dichterin: Else Lasker-Schüler, hat er Recht. Jost spürt in seiner Interpretation sehr sicher die Verbindung zu romantischen Motiven auf, die vielen expressionistischen Dichterinnen näher scheinen als ihren männlichen Kollegen. Nah, sehr nah kommt er mit seiner Beschäftigung dem tatsächlichen Ursprung des Textes. Ein gelungener Einstieg in diese neue Reihe, für den ich Jost noch einmal herzlichst danken möchte.

Und nun zur Auflösung:
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Josts Text stammt von Emmy Hennings (* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano). Hennings war als Schriftstellerin und Kabarettistin tätig und bildete, zusammen mit ihrem späteren Ehemann Hugo Ball eine Art Schnittstelle zwischen Schwabinger Boheme, Dada und dem Kreis um den Monte Verita. Emmy Hennings war nicht nur Autorin, sondern trat auch auf den Kleinkunst-Bühnen Münchens und im berühmten Cabarét Voltaire auf, wo sie tanzte und rezitierte. Sie verband eine lebenslange Freundschaft mit Hermann Hesse, dessen erster Biograph ihr Ehemann Hugo wurde.  Sie zählt zu den zahlreichen fast vergessenen Autorinnen ihrer Zeit, die inmitten der damaligen Strömungen standen und oft außerordentliche und typische Texte ihrer Epoche verfassten, leider ohne damit in den Kanon der Literaturgeschichte einzugehen.

Ihr Gedicht ist folgender Anthologie entnommen:

In roten Schuhen tanzt die Sonne sich zu TodLyrik expressionistischer Lyrikerinnen
Herausgeber: Hartmut Vollmer, Igel Verlag, Hamburg 2011
ISBN 9783868155266

6 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein

6 Antworten zu “-Blindverkostung- Folge 1 mit Jost Renner

  1. Als du in einem früheren Artikel diese neue Reihe angekündigt hast, hatte ich mich sofort darauf gefreut und das war wirklich ein gelungener Einsteig. Ich bin gespannt auf die nächsten Teile 😉

    Schönen Sonntagabend!

  2. Jutta Beckensträter

    Ganz wunderbar dieser Blog, danke dafür. Josts Erläuterungen zu dem Gedicht haben mir sehr gefallen. Sie machen neugierig, sind lehrreich und informativ, sie machen Lust auf mehr, danke.

    • Hallo Jutta, ich hab mich auch sehr gefreut, mit Jost beginnen zu können. War gar ncht so leicht, etwas zu finden, was er vermutlich nicht kennen würde. Die -Blindverkostung- wird jetzt erst einmal jeden Sonntag stattfinden. Ich habe einige spannende Texte und interessante Autoren finden und ins Boot holen können. Danke für dein Interesse und schönen Gruß

      Matthias Engels

  3. Schiller's I lust ration

    Hat dies auf N'achACHTcafé rebloggt und kommentierte:
    Eine super tolle Idee lieber Jost. Mal schauen ob ich da mithalten kann!!!
    Danke 🙂

    • Hallo und danke für`s Rebloggen und Kommentieren. Ja, das stieß auf so viel Resonanz, dass es die -Blindverkostung- jetzt erstmal jeden Sonntag gibt.
      Die nächste Folge steht und wird ebenfalls sehr spannend! Vielen Dank für das Interesse und auf bald!

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