-Für wen und warum- Gedanken zum Schreiben Teil II

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Glücklich diejenigen, die behaupten, sie schrieben einzig für sich allein.

In diversen social-media-Literatur-Gruppen beobachtete ich in der letzten Zeit still (wie ich eigentlich immer still beobachte), dass Werbung (auch „versteckte“) für das eigene Buch oder andere Druckerzeugnisse aus eigener Hand, geradezu als Affront gewertet wird.
Werbefreie Tage, einzelne, speziell für Werbung vorgesehene Wochentage und strikte Verbote werden ausgesprochen….
Dabei ist es doch, der aktuellen Weltmeinung zufolge, gerade das Internet, über das man seine Umsätze ankurbeln und optimieren soll? Hier ist, ohne viel Aufwand und Kosten; bequem von zu Haus aus die „Zielgruppe“ zu erreichen. Schöne neue Welt.

Wo liegt der Denkfehler?
In Autorenforen tummeln sich Autoren. Autoren haben Interesse an Literatur- soweit richtig! Aber ein Mitglied einer solchen Gruppe brachte es kürzlich wunderbar auf den Punkt: „Autoren interessieren sich für nichts weniger als für die Bücher von anderen.“
Ist das so? Wenn einer schreibt, dann liest er doch auch, oder? Oder nicht?
Man sollte davon ausgehen, dass fremde Literatur eine der Hauptinspirationsquellen und Messlatten für das eigene Schreiben ist. Dementsprechend muss man doch lesen, oder? Oder nicht?
Befrage ich mich einmal selbst: Es ist wahr. Wenn ich selber in einem Manuskript stecke, ist der Appetit auf fremde Literatur praktisch erloschen. Die Erzählstimme, die nicht die eigene ist, kann sogar schädlich sein. Das ist die Zeit für trockene Sachtexte und Lexika zwecks Recherchen. Gerichtsprotokolle –wunderbar! Zeitungsartikel- großartig! Briefe -ja,gerne! Aber Romane, Erzählungen, Gedichte?- Hmmm, nicht unbedingt.
Zwischen den Arbeiten an dem einen oder anderen eigenen Text aber wird gefressen und inhaliert, was an Literatur auch nur so gerade eben zu greifen ist. Mal wieder Kafka- her damit. Eine aktuelle Gedichtsammlung – immer! Ein interessanter neuer Autor-ja ja ja!
Dazu all die Neuerscheinungen des vorangegangenen Halbjahrs, die man wegen der eigenen Schreiberei auslassen musste- Hunger Hunger Hunger.
Aber das scheint nicht die Regel zu sein. Der einfache Schluss: -Andere Autoren sind dem Autor gleichgesinnt und potentielle Leser- scheint nicht so einfach zu ziehen zu sein.

Ich zitiere mal wieder den großen Knut Hamsun, Nobelpreisträger und Verwalter eines ansehnlichen Lebenswerkes, der sagte:
„Ich mag keine Bücher! Immer, wenn mir Freunde etwas zu lesen schenken wollen, bete ich: Lass es ein Lexikon sein oder eine Zeitschrift!“
Hamsun las keine Romane. Er schnitt Artikel aus Zeitungen aus, sammelte Berichte über Expeditionen und geschichtliche Nachschlagewerke. Aber Fiktion? -Nee! Er kannte die Werke seiner Zeitgenossen (und dazu zählten Namen wie Zola, Wilde, Flaubert, Ibsen und andere) nicht. Lediglich Strindberg schätzte er ein wenig. Je älter er wurde, umso weniger las er.
Oscar Wilde, der immerhin hunderte von Rezensionen schrieb und sich gut auskannte in der Literatur seiner und vergangener Zeiten, sagte einmal. „Literatur langweilt mich“ und allgemein bekannt war, dass er die Bücher, die er geschenkt oder zur Rezension geschickt bekam, oft nur flüchtig durchblätterte. Er verehrte einige wenige Autoren, ansonsten fanden sich in seiner Bibliothek eher Werke über Esoterik oder Freimaurerei sowie die alten Epen der Antike. Gegenwartsliteratur?- Sehr vereinzelt.
Also: die Autoren lesen sich gegenseitig nicht. Das Schreiben und Vermarkten des eigenen Werks scheint uns völlig auszulasten. Wir werfen den Amazon-Link zu unseren Büchern in die Welt, wo wir gehen und stehen, empfinden aber die Werbung der Anderen als lästig. Wir wollen, dass andere Autoren uns lesen- lesen selber andere Autoren aber nicht. Hmm.
Ist es denn so ein Haifischbecken, der Literaturbetrieb? Die Aufmerksamkeit von Schreibern für das Werk eines Kollegen ist so gering, dass es manchmal schon beleidigend ist. Zumindest in vielen Feldern der wunderbaren Netzwelt. Manchmal beschränkt es sich auf (letztlich sich aufhebendes) Lob und Gegenlob, das war es dann. Vernetzungen entstehen fast gar nicht. Jeder steht allein. Schade, oder? Oder nicht?
„Ist ja alles gut und schön“ -mag der ein oder andere sagen. „Autoren schreiben ja auch nicht für Autoren, sondern für LESER“ -Soweit richtig, aber den Leser zu erreichen ist ähnlich schwierig, zumal er sich seltener in Gruppen organisiert und in seiner Erscheinungsform mindestens so vielfältig und schwer zu greifen daherkommt wie der Autor. Und ein Autor in einer Lesergruppe steht von vorne herein unter dem Generalverdacht, nur Werbung machen zu wollen. Schlimmer noch ist allerdings, dass die eigentlich naheliegende Annahme, ein Autor SEI ein Leser, offenbar nicht ganz richtig ist.
Und nochmal zur Werbung: in der Tätigkeit des Schreibens ist ja das Gelesenwerden irgendwie impliziert, wenn mich meine altmodische Weltsicht nicht trügt. Ist die Tätigkeit, ein Buch zu verfassen also nicht zwingend mit einem gewissen Schritt auf die Öffentlichkeit zu verbunden? Ist der Punkt, an dem man sich entscheidet, sich fortan „Autor“ zu nennen und Bücher zum Kauf anzubieten nicht schon der Wechsel ins Marketing? Gut, man kann sich „Autor“ nennen und seine Texte verschenken oder gar nicht erst drucken. Man kann mit den schönsten selbsterdachten Gedichten der vergangenen 500 Jahre im Kopf umhergehen und sich „Dichter“ nennen, ohne, dass eines davon je auf Papier gesetzt worden wäre. Das gliche dann der Selbstbezeichnung „Imker“ oder „Heimwerker“, solange diese weder Honig noch selbstgebaute Möbel zum Erwerb anbietet. Aber wenn die Bienchen fleißig sind und die Säge gut flutscht, kann irgendwann der Gedanke an einen Ertrag entstehen, der mit dem vielleicht mittlerweile zum wichtigen Lebensbestandteil gewordenen Hobby zu erzielen wäre. Und dann? Kommen die Leute von allein, aus einer vagen, mystischen Ahnung heraus an die Tür und fragen nach Brotaufstrich oder Sitzgelegenheiten der besonderen Art? -Hmm. Eher nicht! Oder doch?
Bin ich jetzt unromantisch, weil ich Honig, Tisch und Roman zusammen in eine Schublade stecke, auf der „WARE“ steht??

Kurzum:
Wir sollen also schreiben. Wir sollen unsere Texte bitte ungekürzt und kostenlos zur Verfügung stellen. Aber wir sollen bitte niemanden daran erinnern, dass man diese Texte auch alle schön ordentlich gebunden und gesammelt für Geld kaufen kann. Das ist verwerflich. Wir sollen also romantisch auf den großen Wurf warten, auf das Entdeckt-werden über Nacht und ohne unser Zutun.

Und was essen die armen hungrigen Kinder? Womit schützen sie ihre zarten Füßlein vor dem Frost und was erfreut ihr Herz in den dunklen Stunden der Langeweile?
In einem schönen Text über das Leben als Autor von Marc Degens äußert ein „Freund“ des Verfassers die Meinung: „Jeder Schriftsteller sollte einen anständigen Beruf haben“ – Recht hat er! Dann bräuchte man sich nicht anzupreisen wie Sauerbier. Man könnte mal wieder was mit Holz machen. Und Bienchen sind eine interessante Spezies…. Glücklich diejenigen, die nur sich selbst schreiben können.

7 Kommentare

4. Juli 2013 · 9:08 am

7 Antworten zu “-Für wen und warum- Gedanken zum Schreiben Teil II

  1. Edgar Piel

    Das ist ehrlich und richtig.

  2. leider gibt es nicht mehr viele anständige und gleichzeitig anständig bezahlte berufe … grundeinkommen wäre so eine andere lösung.

    • Moin Thorsten, danke für deinen Kommentar. Ja, das wäre evtl eine Lösung. Im bestehenden System wäre es aber auch schon hilfreich, wenn „Schriftsteller“ als „anständiger“ Beruf anerkannt würde und dementsprechend bezahlt würde. (Alle anderen, davon mal abgesehen, auch!)
      Schönen Tag dir

  3. Schöner Text. Aber wer soll die Schriftsteller denn bezahlen? Ist doch nicht falsch, dass die Leser entscheiden. Nervig ist, wie ungleich die Aufmerksamkeit verteilt wird. Dass so viele Menschen nicht wirklich interessiert, was sie lesen (oder sehen, hören etc.), sondern mehr oder weniger blind irgendwelchen Multiplikatoren folgen, und die Meinungsbildung auch gleich noch outsourcen.
    Grundeinkommen oder Menschengeld sind die schönsten Utopien seit den Anfängen des Christentums. Hut ab vor allen Visionären, die diese Idee vorantreiben.

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