– Winter Journal- Paul Auster

BildPaul Austers Winter Journal also:

ich muss gestehen, dass mich eine Art sentimentale Verbundenheit ergreift, sobald ein neues Buch des amerikanischen Autors Paul Auster erscheint.
Das liegt wohl daran, dass er mich mittlerweile 20 Jahre begleitet -mal intensiver, mal peripher-. Natürlich war Stadt aus Glas das erste Buch, in dem ich postmodernen Erzähltricks begegnete, ich durchlitt mit Jim Nashe und Jack Pozzi, den unglücklichen Pokerspielern aus Musik des Zufalls den Albtraum der Leibeigenschaft und des Bauens einer völlig nutzlosen Mauer unter Beobachtung und diffuser Bedrohung. Bei der Lektüre von Mr Vertigo zweifelte ich keine Minute daran, dass der junge Walter tatsächlich  das Fliegen von Master Yehudi lernen würde. 
Irgendwann verlor ich Mr. Auster aus den Augen. Ein, zwei Bücher hatten mich nicht mehr so in den Bann gezogen und ich hatte wohl unbewußt beschlossen, meine Auster-Zeit sei vorbei. Doch ein paar Jahre später erwischte mich der Mann im Dunkel, für wenig Geld aus irgendeiner Grabbelkiste gezogen, eiskalt. Die Geschichte des bettlägerigen Journalisten, der nachts von einem bürgerkriegsgeschüttelten Amerika der unmittelbaren Zukunft und von einem Mordauftrag an sich selbst träumt, faszinierte mich. Nun las ich wieder Auster: Unsichtbar, Sunset Park. ..Ich greife zum seinen Büchern, wenn mir nach packenden Geschichten an den Grenzbereichen der Normalität ist, erzählt mit Kraft, Spieltrieb und diesem schnörkellosen Handwerk.

Nun erschien das Winter Journal. Einen Monat vor seinem 64 Geburtstag machte Auster seinen ersten Eintrag in sein Winter-Tagebuch. Wie er selbst sagt: 64 ist keine besondere Zahl und man spricht bei 64 Jahren nicht von besonders hohem Alter, aber es gibt Momente mit 64, in denen man an all die Anderen denkt, die es nicht so weit geschafft haben.

„Du glaubst, es wir dir nie passieren; dass es dir nicht passieren kann; dass du die einzige Person auf der Welt bist, der diese Dinge niemals passieren werden und dann, eins nach dem anderen, beginnen sie dir alle zu passieren, in genau der Art und Weise wie allen Anderen auch.
Deine nackten Füße auf dem kalten Fußboden, als du aus dem Bett kletterst und zum Fenster gehst. Du bist sechs Jahre alt. Draußen fällt Schnee und die Äste der Bäume im Hinterhof werden weiß.
Sprich jetzt, bevor es zu spät ist, und hoffe, dass du weitersprichtst, bis es nichts mehr zu sagen gibt. Die Zeit läuft ab, letztendlich. Vielleicht ist es auch, um deine Geschichten jetzt mal beiseite zu schieben und zu untersuchen, wie es sich angefühlt hat, in diesem Körper zu leben, vom ersten Tag an, an den du dich erinnern kannst bis zu diesem. Ein Katalog sensorischer Daten. Was man: eine Phänomenologie des Atmens nennen könnte.“

In gewisser Weise kehrt Auster in Winter Journal zu dem Schreiben zurück, mit dem alles in seinem Werk begann. 1982, in der Erfindung der Einsamkeit, beleuchtete er schon einmal in eindringlicher Weise die eigene Person und Geschichte. War es damals der Tod des Vaters, der den Anstoß zum Schreiben gab, ist es diesmal der unmittelbar vorhergehende Tod der Mutter, der hier allerdings nicht in gleicher Weise zentral für das Buch steht wie bei seinem Erstling. Überwiegend in der zweiten Person spricht Auster hier von sich selbst; in kurzen Sentenzen und längeren Episoden und schreibt, scheinbar nebenbei, eine Geschichte des Lebens im immergleichen, aber sich stets verändernen Körper. Sprunghaft, mehr nach Motiven als nach Chronologie geordnet, bekommen wir es mit dem 3, 5 und 12 Jahre, dann mit dem 35 oder 63 Jahre alten Auster zu tun. Die Geschichte von Verletzungen, Narben (körperlichen wie geistigen), Verlusten und immer wiederkehrenden Gefühlen. Die Liebe zur Gattin, zur Mutter stehen als elementare, beinahe mystische Antriebe zwischen den Zeilen, unerklärlich und über Interpretationen erhaben, was mir persönlich eine romantische, aber einzig richtige Haltung zu sein scheint. 

„Die Bestandsaufnahme deiner Narben, besonders der in deinem Gesicht, die du jeden Morgen sehen kannst, wenn du in den Badezimmerspiegel schaust, um dich zu rasieren oder dein Haar zu kämmen. Du denkst selten an sie, aber immer, wenn du es tust, verstehst du, dass sie Zeichen des Lebens sind; dass die verschiedenen zerklüfteten Linien, geätzt in die Haut deines Gesichts, Buchstaben des geheimen Alphabeths sind, dass die Geschichte erzählt, wer du bist; denn jede Narbe ist die Spur einer verheilten Wunde und jede Wunde entstand bei einer unerwarteten Kollision mit der Welt. Unfälle: etwas, das nicht passieren muss, denn laut Definiton sind Unfälle Dinge, die nicht passieren muss. Zufällige Fakten gegenüber notwendigen Fakten -und die Feststellung, wenn du morgens in den Spiegel schaust, dass alles Leben zufällig ist, außer dem einen, notwendigen Fakt, dass es früher oder später enden wird.“ 

Das wir uns recht verstehen: hier findet keine Selbstbespiegelung statt und kein postmodernes Ich:die Person/Ich:der Autor- Spiel. Winter Journal ist kein philosophisches Werk. Im Mittelpunkt steht, neben Frau und Familie, der Mensch Paul Auster, der raucht, obwohl er weiß, dass es ihm schadet, der sich seines Stolzes auf die eigenen Fähigkeiten als Autofahrer schämt und der nicht wirklich weiß, warum er Buch um Buch schreibt. Das Fehlen einer „Story“ hat mich hier überhaupt nicht gestört. Austers Sprache ist so klar wie wandlungsfähig, kraftvoll wie genau. Seine eigentümliche Verknüpfung entlegenster Erfahrungen und Erlebnisse durch das Gefühl findet man auch in seinen Romanen, aber die analytische Sicht auf die eigene Person ist hier absolut überwältigend.

„Ja, du trinkst zu viel und du rauchst zu viel; du hast Zähne verloren, ohne dich darum zu scheren, sie zu ersetzen.Deine Diät entspricht nicht den Vorschriften der zeitgenössischen Ernährungsweisheit, aber wenn du das meiste Gemüse verschmähst, ist das einfach nur, weil du es nicht magst und es schwierig (ja unmöglich) findest, etwas zu essen, was du nicht magst.Du weißt, dass deine Frau sich Sorgen macht, besonders wegen des Trinkens und Rauchens, aber -gottseidank- hat bis jetzt kein Röntgenstrahl irgendwelchen Schaden an deiner Lunge, kein Bluttest irgendwelche Zerstörung deiner Leber aufgedeckt und so machst du weiter mit deinen abscheulichen Angewohnheiten, im vollen Bewußtsein, dass sie dir letztlich schlimmen Schaden zufügen, aber je älter du wirst, umso unwahrscheinlicher mutet es an, dass du jemals den Willen oder den Mut haben wirst, deine geliebten kleinen Zigarren und gelegentlichen Gläser Wein verbannen wirst, die dir über die Jahre so viel Freude bereitet haben und du glaubst manchmal, dass, wenn du diese Dinge jetzt aus deinem Leben streichen müsstest, dein Körper einfach zerfallen, dein System aufhören würde, zu funktionieren.
Ohne Zweifel bist du eine fehlerbehaftete und verwundete Person, ein Mann, der von Anfang an eine Wunde in sich trug ( warum solltest du sonst dein ganzes Erwachsenenleben damit verbracht haben, Worte auf eine Seite zu bluten?), und der Nutzen, den du aus Alkohol und Tabak ziehst, dient als Krücke, um dein verkrüppeltes Selbst aufrecht zu erhalten und durch die Welt zu bewegen.“

Bisher liegt Winter Journal nur in englisch vor, deshalb stammen die (eventuell etwas holprigen) Übersetzungen von mir.
  

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