-Thomas Mann beim Pumpernickel- aus meinem Roman: Mann im Schatten

mann im schattenIm Januar 1911 besuchte der große Thomas Mann Münster. Die letzte Station einer Lesereise, die katastrophales Echo nach sich zog. 10 Jahre nach den Buddenbrooks und lange vor Doktor Faustus und dem Zauberberg schien Manns Ruhm bereits etwas lädiert. Er befand sich auf dem Kulminationspunkt seiner ersten tiefen Schreibkrise. In Münster tätigte er am Morgen nach seiner Lesung einen Spaziergang mit dem damaligen Ordinarius der Universität, Otto Seeck und war gen Mittag in dessen Wohnung zu Gast. Diese Fakten sind belegt. In meinem Roman: Mann im Schatten erfand ich Manns Gedanken und Gefühle während dieser Stunden und auch das (leider nicht dokumentierte) Gespräch der zwei Männer in der Gertrudenstraße zu Münster: 

 

Seecks Quartier ist einfach möbliert, doch behaglich. Es macht auf mich den Eindruck dessen eines nicht allzu Sesshaften, erst kürzlich hierher Berufenen und noch nicht Verwurzelten. Man führt mich in den Salon, der über hohe Fenster und edel ausgekleidete Wände bis zum oberen hellen Fries verfügt, sowie über einen mächtigen, doch modernen Leuchter. Es herrscht in den großzügigen Räumlichkeiten der Widerspruch von eigentlich beinahe verschwenderischer Weitläufigkeit und gediegener Ausstattung gegen die praktische Einfachheit, wie sie der Wohnstatt eines Geistesmenschen gut ansteht, dem bürgerlicher Tand und luxuriöse Dekorationen nichts oder nur wenig bedeuten. Einiges weißt noch auf die baltische Herkunft Seecks hin. Eine gewisse nordische Strenge, die aber eine wohlige Wärme nicht ausschließt. Es blubbert bereits der Samowar, aus dem wir den Tee bereitet bekommen.

So sehr Seecks Frau sich im Hintergrunde hält, beinahe wie eine Bedienstete schattenhaft hantiert, so deutlich wird dem genauen Beobachter sofort die Vertrautheit mit dem Ordinarius in den kurzen Momenten, in denen sie mit uns in der Stube weilt. Seecks Gewohnheiten und Vorlieben scheinen sich wenig den westfälischen angeglichen zu haben. Wenn seine Frau Happen aus dem hiesigen dunklen und feuchten Brote bringt, vergisst sie doch nicht, auch seine geliebten Piroggen zu servieren. Zu dem exquisiten Tee nehme ich einige Bissen der mir dargebrachten Speisen. Der gute Ordinarius ruht behaglich in seinem Sessel unweit des meinen und lässt es sich nicht nehmen, in guter Stimmung einige launige Bemerkungen über die hiesige Küche von sich zu geben. Es sei die Idee seiner Gemahlin gewesen, dem Gast Kostproben der westfälischen Spezialitäten bekannt zu machen, deren Ungewöhnlichkeit seinem Gaumen vielleicht interessant sein könnten. Er persönlich könne sich nicht richtig damit anfreunden. Schon der Humanist Lipsius habe im 16. Jahrhundert die Westfalen dafür bedauert, dass sie so arm seien, ihre Erde essen zu müssen. Während mein Kiefer noch damit beschäftigt ist, es zu zerkleinern, führt der Ordinarius mir aus, das Brot heiße im Volksmund Pumpernickel, was manchen zufolge soviel wie komischer Kauz, anderen Meinungen nach sogar furzender Nikolaus bedeuten solle. Der Begriff sei im Übrigen auch von dem von mir geschätzten Grimmelshausen benutzt worden, fügt er noch hinzu. Weiterhin schätze man hier sehr das Ragout aus Innereien sowie die Stippgrütze aus Gerste und mancherlei Eintopf aus Pfoten, Ohren und Schwänzen vom Schwein.

Stumm kauend bekunde ich belustigtes Interesse. Ich bin in fremder Umgebung ein bescheidener Esser und begnüge mich bald mit einigen höflichen Bissen. Außerhalb der mir vertrauten Räumlichkeiten mahnt mich mein Verdauungsapparat zu diesem Vorgehen, denn auch er neigt fern der heimatlichen Wände zu Vorsicht und Bescheidenheit in seiner ansonsten völlig zufrieden stellenden Arbeit. Die eingetretene Gesprächspause, die dem appetitreich schmausenden Seeck gegönnt sei, nutze ich, meinen Blick scheinbar unbeobachtet schweifen zu lassen. In der Stube dominiert ein Büchergestell ganz ungeheuren Ausmaßes, wie es bei einem derart gelehrten Manne nicht anders zu erwarten gewesen ist. Der Ordinarius folgt meinem Blick dorthin und es mag sein, dass er vermutet, ich sei auf der Suche nach einer meiner eigenen Hervorbringungen, was mir angesichts der geballten Weltweisheit der alten Völker darin niemals in den Sinn gekommen wäre. Derlei Verblendung kann selbst der Stolzeste unter unseren gegenwärtigen Schreiberlingen nicht anheim fallen. Vielleicht aus diesem Grunde betont er, wie sehr es ihn freue, mich, den Dichter in seiner Stadt als Gast zu wissen. Einen Mann von meinem Rang und Ruhm habe man hier selten zu begrüßen. Die westfälische Landschaft scheine der Hervorbringung großer Dichtergestalten nicht eben günstig zu sein, fügt er an. Auch scheine ein Schallraum zu fehlen, in dem die Persönlichkeit und das Werk des Poeten sich voll entfalten könne.

Ich entgegne, dagegen stünden doch Namen wie der Annettes, Grabbes und manch anderer?

Gewiss sei es so, erwidert Seeck, und doch gehörten gerade diese zu den problematischeren Naturen der Geschichte, die sich jeder Einordnung in ihre Epochen entzögen und scheinbar für sich selbst stünden. Westfalus est sine pietate, sine pudore, sine conscientia, sine veritate, sagt er und übersetzt sofort mit einem Schmunzeln: Der Westfale sei, laut Sprichwort, gottlos, schamlos und gewissenlos, dazu lügenhaft. Die Frömmigkeit und Prüderie dieses Menschenschlags sei in seinen Augen nur das beweisende entgegengesetzte Extrem, fügt er hinzu.

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Eingeordnet unter gedruckt, prosaisch

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