-Voller Magie und mit einem heißen Kern- Rezension zu Juris Kristalle von Kerstin Fischer

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Sehr gerne gelesen habe ich diese klassische, im besten Sinne altmodische Novelle von Kerstin Fischer.
Eine Entwicklungsgeschichte, die berührt und mit ihrer poetischen und doch prägnanten Sprache verzaubert.
Eine ganz reale Welt, eine vertraute Gegenwart, aber von der Autorin mit einer irgendwie zeitlosen, glitzernden Patina überzogen; Kristalle eben.

Juri ist schon als Kind eigen- und einzigartig. Ein Berufener, zu einer ganz eigenen Weltsicht und zum Schreiben.
Die Zeit des Studiums dient dazu, der Leidenschaft eine solide Wissensbasis hinzuzufügen. Aber auch hier zeigt sich die Durchlässigkeit von Juris Realität zur Fiktion, zur Literatur und anderen Welten.
Figuren aus Dostojewskis Romanen scheinen ihm ganz real zu folgen und nichts Gutes im Sinn zu haben. Literatur dringt mit ihrem Personal und ihren Motiven in sein Leben ein.
Und Anna, die begehrenswerte Professorin wird zur Projektionsfläche seiner Wünsche und Gedanken. Ein intensiver, doch einseitiger Briefwechsel zu ihr entspinnt sich.
Dem Studium folgt eine Anstellung bei einer bedeutungslosen Zeitung. Der normale Alltag scheint vorerst mit seiner Routine, den intrigierenden Kollegen und allem, was dazugehört, Juris Leben zu besetzen.
Die Liebe zu Anna verläßt ihn in just dem Augenblick, als sie seinem Werben nachzugeben beschließt.

Gegen alle Anfeindungen gelingt es Juri mithilfe seines Intellekts und seiner Verteidigungsstrategien, in der Redaktion aufzusteigen und das Vertrauen des Chefs zu erlangen. In einem britischen Kollegen gewinnt er einen Freund, der ihn fördert und nach seinem Wegziehen in die Heimat zum neuen Adressaten von Juris Briefen wird. Auch er beantwortet sie vorerst nicht.
In Juri häufen sich die Fragen. Seine Beschäftigung mit Jack London, mit Dostojewski, mit Dickens prägen sein Seelenleben und er verzweifelt an den ausbleibenden Antworten.
Eine neue Liebe taucht auf und verschwindet, was schon lange als Schwebstoffe in Juri präsent gewesen ist, kristallisiert sich langsam. Juri bricht zusammen, letztendlich übernehmen die Bösewichter die Kontrolle. Er fühlt sich verfolgt, fürchtet Attentate der dostojewski`schen Schurken, wähnt die Freunde und Fürsprecher nur Trugbilder des eigenen Denkens und landet letztlich in einer Anstalt. Ein Psychologe kann sein Vertrauen gewinnen und ihn so weit aufbauen, dass der alte Traum vom Schreiben ihn letztlich aus der Krise holt.
Juri schreibt endlich SEINE Geschichte und alles löst sich. Er bekommt Anerkennung- und: Antworten.

Juris Suche nach einem Vertrauten, einem Ohr für seine oft widersprüchlichen Gedanken hat mich berührt. Seine Zielpersonen auf dieser Suche wechselt er mehrfach, abrupt und ohne durch vorhergehende Enttäuschungen dabei vorsichtiger zu werden. Dies mag für robustere Charaktere überspannt und naiv wirken, wer sich aber traut, einmal in seine eigene Gemütslage der Jugendjahre zurück zu fühlen, wird erkennen, dass es durchaus ein gutes Porträt dieser Lebensstufe ist.

Kerstin Fischer spielt virtuos mit den Mitteln der Novelle und der Entwicklungsgeschichte.
Manches geht, der Form geschuldet, etwas schnell, dennoch sind ihre Figuren klar und scharf umrissen.
Einige Fäden laufen ins Leere, gleich zwei Frauenfiguren, die faszinieren, verschwinden fast lautlos, aber auch das ist klug gewählt, denn dies ist -eindeutig und unzweifelhaft- JURIS Geschichte und beinahe gewinnt man, angestoßen von der Raffinesse der Autorin den Eindruck, alle weiteren Figuren könnten TATSÄCHLICH nur Juris eigenen Projektionen sein.
Ich bewundere die Schilderung der verschiedenen Milieus. Sowohl Juris eher einfaches Elternhaus, die Universität als auch die Redaktionswelt sind hervorragend geschildert. Die unsäglichen Kollegen, die mondäne Professorin, der englische Freund sind mit wenigen Worten, aber dennoch vielschichtig und reizvoll gestaltet.
Auch das Spiel mit den leicht irrealen Elementen, dem Einzug literarischer Figuren in das Hier-und-Jetzt des Protagonisten ist gelungen. Ein Roman steckt in dieser Idee, aber zu Recht hat sich die Autorin für das dezente Setzen von zarten Akzenten entschieden.
Kerstin Fischers Sprache, ich sagte es schon eingangs, ist entspannt, melodisch und biegsam. Sie ist ebenso fähig, tiefe Psychologie wie Poesie zu vermitteln.

Juris Kristalle ist eine poetische und dennoch realistische Auseinandersetzung mit einem sensiblen, vielleicht übersensiblen Charakter, keine psychiatrische Studie. Stellen wir uns erneut die Frage, ob eine besondere Empfindsamkeit zu Genie oder zu Wahnsinn führt; stellen wir uns erneut die Frage nach der Grenze.

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