-Ordnung vs Chaos- Gedanken zur Kunst

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Es gibt ihn nach wie vor -diesen Streit, woraus Kunst entsteht. Welche Triebfeder dahinter stehen sollte.
Eine Fraktion plädiert dafür, dass Kunst am intensivsten ist, wenn sie am besten rein aus sich helbst heraus entsteht, frei, ungeplant, unüberlegt-
ein einziger, individueller Ausbruch der Schaffenskraft.
Die Anderen meinen, es gehöre doch aus Ordung dazu -ein Plan, ein rationales Kalkulieren der Mittel zum möglichst effektiven Erzielen des angestrebten Effekts.
Apoll vs Dionysos, Nietzsches Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik, sein mittlerweile auf Kaffeetassen und T-Shirts gelandeter Ausspruch:  
Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können, all das beschäftigt sich ja mit diesem Thema.
Dass irgendwie beides dazugehört, -Ordnung UND Chaos- scheint eigentlich geklärt, da die Menschheit sich nicht seit gestern damit befasst, aber dennoch wird immer noch darum gerungen.

In einer Diskussion, die ich kürzlich verfolgte, beharrte der Eine, Kunst könne nur da beginnen, wo die Vernunft aufhöre.
Der Andere meinte, dann sei der Esel mit dem Schwanz im Farbeimer der größte Künstler.
Und WAS für Assoziationen ruft das hervor: malende Affen, Kinder, Geisteskranke, deren Bilder zu horrenden Preisen gehandelt werden.
Picassos Ausspruch:  „Ich konnte schon früh zeichnen wie Raphael, aber ich habe ein Leben lang dazu gebraucht, wieder zeichnen zu lernen wie ein Kind“, die Écriture automatique der Surrealisten, die im Halbschlaf auf die „wahren“ Perlen ihres Geistes hofften….. . Die idealistische Vorstellung vom allein rauschhaft, wie besessen plötzlich Genialität verschießenden Künstlers scheint irgendwo tief in uns verankert. Genialität soll die einzige Vorraussetzung für künstlerische Arbeit sein. Dies zeigt m.E., wie stark unsere Vorstellung vom Schaffenden noch immer in den Künstlermythen der Romantik wurzelt. Im Gegensatz zum Klassischen, Strukturierten und Hehren der Vorgängerepoche Goethes wird hier aus dem Unbewußten, dem Traume, der unmittelbaren Ergriffenheit vom Gefühl heraus geschaffen. So hält sich auch die Sage von der Affinität des Künstler zu Alkohol, faulen Äpfeln und anderen Stimulanzien hartnäckig, die als Türöffner zum magischen Reich des Rausches den Schaffensprozess in Gang setzen und manchem scheint heut enoch die Flache Rotwein oder der Kasten Bier als Rüstzeug für ein gelungenes Bild oder einen großen Roman völlig auszureichen….

Thomas Edison war zwar kein Künstler, aber sein: „Genie ist ein Prozent Inspiration und 99 Prozent Transpiration“ (also Arbeit) sagt dann doch so ziemlich das Gegenteil. Unromatisch, aber wahr?

Nochmals Nietzsche: Er plädiert für beides. Rausch und Ordnung.

Einige Beispiele:
Kaum ein Schriftsteller verkörpert dieses Prinzip in seinem LEBEN und seiner Literatur besser als Franz Kafka. Tagsüber beurteilt er bürokratisch Versicherungsfälle stur nach Gesetzeslage, im formellen Anzug und ohne jeden Fehl und Tadel – nachts bricht die Literatur, brechen die merkwürdigen Tiere und Geschichten aus ihm heraus. Vieles darin ist dunkel, versponnen, nachtseitig, aber mit einem enormen Gestaltungswillen und ganz deutlich mit der Präzision des Beamten und Bürgers Dr. Kafka niedergelegt.
Genau das ist m.E. auch das Problem, das viele mit Thomas Mann haben. Alles an ihm scheint gefestigt, geordnet- kein Rausch, den man sich im Hause und Arbeitszimmer des streng nach Tagesplan arbeitenden Autors denken könnte. Weltliteratur am Fließband, nach Stundenplan, am gutbürgerlichen Schreibtisch, zwischen Tee- und Rauchstunde. Wohlüberlegt und effizient.
Dass es die düsteren Partikel im blütenweißen Leben des Lübeckers gab, rückt erst langsam ins Bewußtsein und dass seine unterdrückte Homophilie, der unterschwellige Minderwertigkeitskomplex des ehemals schlechten Schülers und jüngeren Bruder des eher berühmten Heinrichs zur Seite des Chaos gehören, daran ist wohl kein Zweifel.

Also: wie sieht es aus? „Echte“ Kunst nur ohne Vernunft?
Ganz nüchtern müsste man erst einmal sagen, dass der „Vernünftige“ wahrscheinlich generell die Finger von der künstlerischen Betätigung lassen würden, denn: was ist daran „vernünftig“, etwas zu produzieren, was -streng genommen- keinerlei Nutzen hat? Ein Bild, ein Buch, ein Stück, heilt keine Wunden, füllt einem nicht den Magen und schützt einen nicht vor Regen -es sei denn, man verdient tatsächlich dadurch sein Geld, das einem seine Medizin, sein Brot, sein Dach verschafft. Für den bereits Schaffenden ist es also sehr wohl vernünftig, mit dem, womit er bereits erfolgreich war, weiterzumachen.Aber: kann das der Antrieb, der Ur-Grund für das Produzieren von Kunst sein? Vielleicht für den Kunst-Handwerker, den gediegenen Fertiger von moderater, wonhzimmertauglicher Kunst. Aber der scheint mir in der besagten Diskussion, die ich verfolgte nicht gemeint gewesen zu sein.

Seien wir ehrlich: zum Beispiel in der Literatur wollten wir nicht wirklich ein unbearbeitetes, unlektoriertes Stück Schrift lesen.
Jack Kerouacs berühmte Thesen über die spontane Prosa, die das Schreiben in die Nähe des Jazz rücken sollte, sind interessant, aber auch ein bisschen seiner Faulheit geschuldet. „Der erste Gedanke ist der beste Gedanke“ ist nett, aber stimmt das? Durch wie viele Vorstufen muss ein Gedanke manchmal wandern, wieviele Wechsel der Perspektive und Mittel der Zuspitzung muss er manchmal durchlaufen, bis er wirklich unverwechselbar und präzise ist.
Zumindest bei der Schriftstellerei ist die Überarbeitung unerläßlich.
Oscar Wilde notierte die Einfälle für seine bekannten und schenbar aus dem Ärmel geschüttelten Aphorismen und verdichtete und präzisierte diese solange, bis sie perfekt und rund waren; erst dann ließ er sie wie beiläufig in seine Dialoge einfließen.
Gottfried Benn meinte in seinem Vortrag: Probleme der Lyrik sinngemäß, die phasenweise moderne Haltung des  „Hüah Rimbaud und auf sie mit Gebrüll!“ bringe letztlich keine umfassenden, letztgültigen Gedichte hervor.

In dem sehr guten Schreibratgeber : Romane und Kurzgeschichten schreiben erzählt Alexander Steele ebenfalls von der Problematik.
Er begrüßt das spontane, rein intuitive Schreiben sehr wohl, plädiert aber dringend für den Wechsel zur akribischen Überarbeitung im Nachhinein.
Als Beispiel führt er eine befreundete Autorin an, die während des ersten Niederschreibens eines Romans eine Baseball-Mütze mit dem Aufdruck KEROUAC trägt, sobald sie sich zum Korrigieren hinsetzt aber zu einem Doktorhut wechselt, um den Unterschied in der Haltung gegenüber dem Text körperlich zu spüren.

Es ist in meinen Augen auch eine Frage des Mediums, in dem man sich bewegt.
In der Malerei mag eine ohne Planung, frei herausgeschossene Farbexplosion mitunter einen enormen Reiz haben- im Einzelfall, in der Masse entsthet oft graue Pampe. Auch Jackson Pollock tropfte seine Action Paintings nicht mit geschlossenen Augen und sah sehr genau hin, wo er seine Spritzer und Spuren setzte.
Unter Umständen kann ein einziger, spontaner Einfall einen Aphorismus oder die tragende Wendung in einem Gedicht hervorbringen…(ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass ein solcher Einfall ZWINGEND notwendig für die Erschaffung eines Kunstwerkes ist, denn einzig mit dem Reißbrett und dem Reimlexikon wird absolut gar nichts nennenswertes entstehen), aber je größer und vielschichtiger ein Werk ist, umso mehr Ratio wird vonnöten sein, um Struktur, Tiefe und Sinn hineinzutransportieren.
Eklatanter noch wird es in der Musik, deren Regeln noch stärkere Vorgaben machen, als es bei Malerei oder Literatur der Fall ist.
Ein planloses, rein improvisiertes Bedienen von Instrumenten, ohne Rücksicht, auf Noten, Harmonien und Rhythmen wird Niemand wirklich als Kunstgenuß darstellen wollen. Eine improvisierte Oper z.B. ist undenkbar.

Es scheint mir also beides von Nöten. Chaos und Ordnung- auch, wenn es dem Ideal vieler im Wege steht. Wie so oft ist zuviel von dem einen und zu wenig von dem Anderen nicht gut. Man kann ein Werk zu Tode überarbeiten. Man kann aber auch durch fehlende Reflektion Potentiale des Stoffes und der Idee ungenutzt liegenlassen. Die perfekte Mischung zu finden entscheidet letztlich, ob ein Kunstwerk uns ergreift oder kalt wirkt. Und: diese Mischung ist nicht kalkulierbar. Hierin scheint mir der eigentliche Reiz des Künstlerischen zuliegen.

Der Schriftsteller Theodor Weissenborn formulierte es in einem Interview einmal sehr schön. Er plädierte durchaus dafür, das „Raunen“ der Dinge zu hören und sich als Autor zum Sprachrohr des Unbewußten zu machen. Aber er betonte auch, dass die Mittel, die der rationale Mensch besitzt, dafür notwendig sind.
Er verglich den Übergang vom strukturierten Arbeiten zum plötzlich einsetzenden Zustand, in dem die Phantasie sich verselbstständig, mit den zwei Formen ein und derselben Tätigkeit: dem Fliegen. Er empfinde sich in diesen Augenblicken wie ein Pilot beim Übergang vom kontrollierten Motorenflug zum bewußt zugelassenen, aber unkontrollierbaren Gleitflug.

2 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein, essays

2 Antworten zu “-Ordnung vs Chaos- Gedanken zur Kunst

  1. Edgar Piel

    Ja, sehr schön und nüchtern abgewogen, obwohl der gute Thomas Mann ein bisschen zu schlecht wegkommt. Er hat aber genau das Thema des kleinen Aussatzes in seinem „Doktor Faustus“ selbst auf unübertreffliche Weise zu einem seiner besten Romane gemacht: Inspiration heißt dort Teufelspakt, aber was der Teufel dann zu bieten hat, um ein großes Werk gelingen zu lassen ist – Kälte (also das Gegenteil von pubertärer Gefühlslyrik, die in den Netzforen so oft mit Dichtung verwechselt wird.)

    • Hallo Edgar Piel,

      sicher, da hast du Recht. Ich persönlich sehe in Thomas Mann auch ein besonders interessantes Beispiel für eine besondere Künstlernatur. In meinem Artikel geht es ja mehr um das Klischeebild, das viele von ihm haben. Seit ich mich für meinen Roman -Mann im Schatten- eingehender mit ihm beschäftigt habe, verstehe ich ihn viel besser und kann auch seinen Texten mehr abgewinnen. Es ist bei ihm eben sehr viel mehr erst auf den zweiten Blick zu erkennen. Die Idee mit dem Teufelspakt, -das Faustische- ist ja auch ein uraltes Thema und hochinteressant. Habe das gerade ein sehr schönes kleines Werk zu lektoriert. Es befasst sich auf spielerische Weise genau mit dem Thema. Vielleicht interessiert es dich:
      http://www.worthandel.de/literaturbetrieb-vausst/literaturbetrieb.htm

      Schönen Dank für dein Interesse und deinen Kommentar.

      Es grüßt

      Matthias Engels

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