-Hauptweg und Nebenwege- zur Lesebiographie

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Hauptweg und Nebenwege– so heißt ein Gemälde von Paul Klee aus dem Jahre 1929.

Es ist auch ein guter Titel für eine Biographie, wie ich finde. Der einzig mögliche Titel eigentlich. Ich benutze ihn auch gern im Zusammenhang mit dem, was ich Lesebiographie nenne. (Und: Sehe nur ich das, oder ähneln die rechteckigen Felder auf Klees Gemälde nicht unzähligen Buchrücken- verschieden breit, verschieden hoch, in allen möglichen verschiedenen Farben?)

Mit der Sesamstraße brachte ich, der nicht zum Kindergarten ging und morgens mit der Mutter allein zu Haus, das Alphabeth bei –oder zumindest Teile davon, so dass ich bei meiner Einschulung schon einige Worte mehr schreiben konnte als die meisten meiner Mitschüler.

Nur wenige Jahre später verbrachte ich die Sonntagmorgende, an denen ich noch kurz zu meinen Eltern ins Bett durfte, bevor es zum Frühstück ging, mit dem Lesen der Buchrücken, denn meine Eltern hatten ein Doppelbett, hinter dessen Kopfende ein Bücherregal angebracht war. Hauptsächlich bestand die Bibliothek meiner Eltern aus den monatlichen Hauptvorschlagsbänden des Deutschen Bücherbundes, aber das war mir damals noch egal. Sir Walter Scotts Ivanhoe, Cervantes, Konsalik und Simmel standen in dem Regal friedlich an der Seite merkwürdiger Titel wie Apollonia und ihr Rittmeister oder so ähnlich, deren Inhalt mir damals aber noch genauso unbekannt war wie der der Klassiker nebenan.

Wenn mein Vater Nachtschicht hatte, schlief ich auf einem Klappbett im Zimmer meiner Mutter, damit Vater sich morgens ungestört in mein Bett legen konnte, welches auf dem ausgebauten Dachboden stand und für ihn verlässlicher Ruhe versprach.

Meine Mutter las damals noch immer eine Viertelstunde vor dem Einschlafen und ich wollte das auch. Doch besaß ich kaum eigene Bücher, weshalb ich mir aus dem elterlichen Regal etwas aussuchen durfte. So versuchte ich, da ich mich für Ritter interessierte den Ivanhoe und scheiterte kläglich. Aber es war mir egal. Ich las es dennoch zu einem guten Teil -genauso, wie ich morgens auf dem Schulweg auch alle Angebotstafeln der Supermärkte las und alles andere Gedruckte oder Geschriebene.

Ich weiß noch, wie sehr mich ein Buch mit dem Titel: Matthias und das Eichhörnchen verwirrt hat, da mein eigener Name darin vorkam- ein Junge, der so hieß wie ich und ungefähr so alt war als Held? Das war komisch.

Genauso wenig wie an die Handlung dieses Buches kann ich mich heute noch an die von 99 Drachen erinnern, einem Titel, von dem ich weiß, dass ich ihn verschlungen habe; mich nach den hastig gemachten Hausaufgaben regelrecht darauf gestürzt habe, um zu wissen, wie es ausgeht….

Einige Jahre vergingen…..

Den Kinderbüchern war ich entwachsen.

Die Hormone drängten, andere Dinge waren interessanter.

Mit ungefähr 15 stieß ich auf wieder auf das Lesen und diesmal auf Literatur, die mir etwas sagte. Es war schwierig, die richtigen Titel zu orten: meine Familie war keine sehr Belesene, meine Freunde begnügten sich mit Fussball, Fernsehen und Feten, um glücklich zu sein. Ich war damit nie zufrieden gewesen. Ein Loch klaffte in meinem eh schon sehr porösen Selbstbild.  Ich litt am Erwachsenwerden, ich litt an der Liebe und am Leben – kurzum: ich litt.

Ich entdeckte aber peu a peu, dass es nicht nur mir so ging. Da war der Junge Cal in John Steinbecks Jenseits von Eden, da war vor allem Holden Caulfield aus Salingers Fänger im Roggen!! Ich suchte diese Brüder im Geiste immer wieder auf, las fast alles von Steinbeck und stieß dabei auf viele junge Männer, die „mit der Größe rangen„. Ich probierte anderes.

An einem brüllendheißen Sommertag, ich war mittlerweile vom Dachboden in den Keller unseres Hauses umgezogen, lag ich auf der ausrangierten Couch meiner Großeltern und las das Reclamheftchen Die Verwandlung von Franz Kafka.

Ein junger Mann, der sich plötzlich verwandelt findet, was der Rest der Familie eklig findet und meidet. -Das war ja ich!

Also musste alles von Kafka her, wobei ich feststellte, dass ich das Meiste nicht verstand. aber die Dachse, Affen und Hunde mit menschlichen Gefühlen übten dennoch eine riesige Faszination auf mich aus.

Dann, es war noch vor Wikipedia- stieß ich irgendwo auf den Namen Rimbaud! -Ich ließ mir eine Ausgabe seiner Gedichte von meinen Eltern zum Geburtstag schenken, die allmählich fürchteten, ich schlüge nach einem entfernten Onkel, der in jungen Jahren Villon vergöttert hatte und in der Schizophrenie geendet war.

Auch Rimbaud verstand ich nur zur Hälfte- aber: er war ein wenig schmutzig und das war doch schon was.

Auf der Suche nach Ähnlichem kamen und gingen Verlaine, Mallarme und andere.

Jeder Geburtstag brachte einen Buchgutschein und in den spärlichen Regalen einer niederrheinischen Kleinstadt-Buchhandlung fand sich da und dort tatsächlich etwas: ein Sartre-Lesebuch, Camus Der Fremde und Die Pest, testweise Bukowski.

Manches blieb, manches ging -aber immer war da ein Weg von einem zum nächsten. Meine Lesebiographie hatte begonnen. Die Schule ergänzte um Frisch, (den ich erst hasste, dann sehr liebte) Goethe, Eich und Bachmann.

Allzu große Namen waren mir suspekt. Meine Seite war eher die obskure, dunkle. Mit langen Listen von irgendwo von irgendwem empfohlenen Büchern ging ich in die Buchhandlung umd ließ den armen Buchhändler auf tausend Umwegen über Schlagworte und Querverweise etwas suchen, was meine Wünsche erfüllte. Anthologien, Fremdsprachiges und Sekundärliteratur.

Ich weiß nicht, woher er sie hatte, aber eines Tages kam mein Vater mit einer Wolfgang Borchert-Biographie aus einem DDR-Verlag und ich las auch diese. Dann Borcherts Geschichten: so einfach, so klar, so perfekt.

Eines ergab das Andere.

Und so ist es geblieben. Ein Buch gelesen, sucht man das Nächste. Manchmal ist es nicht so toll wie das Vorige, aber vielleicht führt es zum Nächsten, das noch viel großartiger ist. Nebenwege führen eben auch weiter.

Bei den meisten meiner engsten Freunde in meiner Bücherwand weiß ich nicht mehr, woher ich sie kenne. Aber einige Verwandtschaften lassen sich noch deutlich erkennen. Ich liebte schon recht früh Cees Nooteboom und probierte dann Harry Mulisch (verworfen), probierte Leon de Winter (manches gut, manches schlecht)entdeckte schließlich Maarten t`Hart (jetzt heißt mein Sohn Maarten).

Ich las immer noch Kafka und kam irgendwie zu Hermann Kasacks Die Stadt hinter dem Strom und von dort zu Hans Erich Nossack und Paul Kornfeld.

Und so geht es heute noch. Es gibt die Hauptwege: deutsche Gegenwartsliteratur, Holland, ein wenig Amerika-

aber es gibt auch die Nebenwege, die sich davon verzweigen und auf manchem habe ich Lesefrüchte entdeckt, die ich nicht missen möchte.  Kein Buch ist je genauso wie das Andere, aber alle hängen irgendwie zusammen- und bilden meine Lesebiographie, die erst enden wird, wenn ich erblinde oder sterbe.

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