-Sitzen & Warten –

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Ich sitze und warte.
Ich sitze in einem Zimmer und warte auf Etwas.
Ich sitze in einem Zimmer, das klein ist und warte auf etwas,
von dem ich weiß, daß es geschieht;
Jetzt, bald, aber noch nicht.

Ich sitze, warte und horche-
horche auf etwas, von dem ich nicht weiß, was es für ein Geräusch machen wird.
Das Zimmer ist klein, aber ich bin nicht davon beengt.
Es reicht, um mich aufzunehmen; mich zuzüglich meiner Blicke, meines Atems, der von meinen vereinzelten Bewegungen verdrängten Luft, so groß ist das Zimmer. Es reicht unter diesen Umständen- reicht, weil ich allein bin und es von vorne herein nur zum Warten, Sitzen und Horchen ausgewählt wurde. Schon in dem Moment, in dem ich das Geräusch vernehmen werde, dessen Klang und Ursache ich jetzt noch nicht kenne, wird dieses Zimmer zu klein sein und sich in Wirbeln auflösen.
Das Gesprengtsein der Stille und dieses Zimmers, das Ende seines relativen Genügens wird nur ein kleines, lautloses Ereignis sein. Wäre der Raum größer, böte Platz für mehr als mich, für zwei nur, zuzüglich ihres Atems, ihrer Blicke, ihrer verdrängten Luft zuzüglich ihrer Laute, wäre es gar kein Ereignis, denn der Raum würde dann dem, was geschähe, genügen und es verschlucken.

Ich horche und schlucke;
Ich horche auf Etwas und schlucke meinen eigenen Speichel, weil man unablässig schlucken muß, ohne sein eigenes Zutun und weil ich schlucken muß, um den Druck auf den Ohren zu beseitigen. Die Ohren rauschen vor Stille, vor Horchen auf ein unbekanntes Geräusch, das ausbleibt. Sie nehmen die Stille als vollwertiges Geräusch, weil es ihnen an Anderen mangelt. Keinerlei Verkehrsgeräusche, kein Gemurmel oder Geschrei auf dem Flur oder auch nur ein periodisches Pfeifen und Blubbern der Heizkörper beschäftigt sie und hält sie frei. Es ist zu still und deshalb rauschen die Ohren, belauschen den Fluß meines eigenen Bluts. Ich sitze und warte;  horche und schlucke meinen eigenen Speichel, belausche mein eigenes Blut; mit mir selbst vollauf beschäftigt.

Es wird geschehen,
es wird bald geschehen,
es wird bald Etwas geschehen,
und wird ein Geräusch machen, das ich erwarte und erlausche, aber noch nicht kenne.
Das Zimmer ist klein,
das Zimmer ist groß genug;
das Zimmer wird bald zu klein sein und in Fetzen zerfliegen, wenn es geschieht,
wenn er eintritt und ich nicht mehr allein hier sitzen, nicht mehr warten werde.
Für mich reicht es- ihn dazugezählt, wird es zu klein.

Ich kann mein Blut nicht mehr hören,
der Regen rauscht außen an der Scheibe herunter.
Die Scheibe ist klein, reicht aber für unzählbar viele Tropfen.
Es trommelt, pocht und klopft an der Scheibe.
Sobald sich ein Rhythmus einstellt, kommt unweigerlich ein festerer Schwall und macht ihn zunichte, oder lediglich ein oder zwei Tropfen schlagen exakt gegen den Takt und lösen ihn auf.
Auf der Straße rauschen Reifen durch eine tiefe Pfütze.
Mit dem Regen kommt Wind auf und übertönt mein Blut, übertönt die Stille.
Der Wind übertönt die Stille, der Wind übertönt mein Blut.
Der Wind übertönt das Rauschen meines Blutes in meinen eigenen Ohren, und dennoch muß ich weiter schlucken, obwohl ich nicht durstig bin.
Ich sitze, horche und schlucke. Ich erwarte ein Geräusch, das noch ausbleibt, obwohl da Geräusche sind, wo eben noch keine waren.

Ich sitze und warte.
Ich sitze und warte auf ein Geräusch, obwohl da Geräusche sind, wo eben noch Stille war. 
Es ist nicht sein Geräusch. Ich kenne sein Geräusch nicht und erwarte es dennoch,
die Geräusche des Regens und des Windes total ignorierend.
Das Zimmer nimmt die Geräusche auf, den Regen, den Wind, mich zuzüglich
meiner vereinzelten ungewollten Geräusche, meines Atems, meiner verdrängten Luft. Das Zimmer ist groß, größer, als ich dachte, und wird doch zu klein sein.

Sicher wird sein Geräusch kein Großes sein, nicht größer als das Geräusch des Regens oder des Winds.
Vielleicht wird sein Geräusch nicht einmal größer sein als das meines eigenen Blutes in den Ohren, vielleicht sogar kleiner als das meines geschluckten Speichels, wenn sich Häutchen und Membranen im Hals für einen Moment lang berühren; sicher wird sein Geräusch dem der Tür ähnlich sein, sicher dem von Schritten auf Treppen; Worten ähnlich, gesprochen auf der Suche nach: Mir.

Vielleicht ist sein Geräusch auch nur mein eigener kleiner Name.
Wenn er die Türe öffnet, werden meine Blicke, mein Atem, meine verdrängte Luft auf der Stelle entweichen, das Zimmer wird auf einmal winzig sein, und annähernd leer, wird nur mich enthalten, solange er auf der Schwelle steht, nur mich, abzüglich allem Anderen. Wenn dann er mit dem Geräusch meines Namens eintritt, wird es sich bedrohlich füllen, bis es übervoll und zum Zerspringen gespannt ist, in diesem Augenblick wird das Zimmer sich um mich herum in Wirbeln verlieren.

Er ist  schon einmal gekommen; damals und hat mir einen Namen gegeben,
seinen Namen, so groß, daß er reichte für zwei. Und ein Geräusch, nur ein kleines,
eines, das immer nur Antwort war auf seines. An sich habe ich kein eigenes Geräusch gehabt, zu der Zeit.
Er ja, sein ganz eigenes Geräusch, auf das ich warte jetzt.
Schritte auf der Treppe, Worte, die Tür.
Ich  sitze und warte, das Zimmer wird nicht kleiner, auch ich bleibe gleich.
Ich schlucke, ich atme, ich verdränge Luft.
Ich höre Schritte auf der Treppe, höre die Tür,
doch ist es nicht meine, nicht mein Name, der fällt.
Ich höre Geräusche, die genau die sind, die ich erwarte und die es dennoch ganz sicher nicht sind.
Es sind einige wenige Schritte zuviel vom Treppenabsatz bis zu mir,
es ist die Tür, jedoch die Tür nebenan.
Ich höre einen Frauennamen                                                                                               -nicht meinen-                                                                                                                      und eine Frauenstimme Antwort geben                                                                             -nicht meine-.
Ich werde nicht geholt, noch nicht.
Das Zimmer ist klein und wird nicht kleiner,
es ist ein Name, der fiel, eine Stimme, die spricht,
-nicht meiner, nicht meine-.

Ich sitze und spüre Druck auf meinem Zimmer,
Der Druck des Blutes auf meinen Ohren weicht dem Druck, den die Geräusche nebenan machen. Das Zimmer nebenan löst sich nicht in Wirbeln auf. Der Mann, die Frau, ihre Stimmen blähen es auf und es grenzt gefährlich an meines. Immer größer scheint es zu werden und sich an meines zu drängen. Noch hält mein Zimmer, noch halte ich still und dem Drängen der Stimmen im Nebenraum stand.
Ich warte, ich halte einen Moment lang den Atem an und warte, bis der Druck auf den Ohren wieder meinem eigenen Blutrauschen weicht.
Dann der fast vergessene Drang, den eigenen Speichel zu schlucken; Häutchen und Membranen berühren sich im Hals mit einem kurzen Klappen.
Alles beim Alten zunächst, ich warte.

Lange werde ich nicht mehr in einem Zimmer sitzen,
lang werde ich nicht mehr das eigene Blut hören,
eng und wohlig von Wänden umschlossen.
Er wird lärmend nach mir suchen, unablässig meinen Namen verwendend,
denn Er hat Worte- laut, lang und genau.
Er benennt Dinge, die bei mir namenlos bleiben, denn ich habe keine Namen.
die Dinge werden fraglos sein Eigentum, erhalten ihren Namen von ihm; beiläufig und mühelos.

Strengstens unterscheidet er Niesel– und Sturzregen, Dämmer und Abend, und Modellen der vorbeirauschenden Fahrzeuge.Seine Umgebung ist immer SEINE Umgebung, denn sie ist schließlich nur, weil Er sich befindet, darin.  

Vielleicht wird man sich im Raum nebenan wundern, ob des kurzen Lärmes und der sofort eintretenden Stille danach; wird das für unbewohnt gehaltene Zimmer nun doch als mit Menschen gefüllt registrieren und von nun an achtgeben auf die eigenen Geräusche, sich kurz wie belauscht fühlen von einem nun wirklich leeren Zimmer und es schließlich wieder vergessen. Der Regen wird rauschen.

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