-Gedanken zum Schreiben und Leben von Büchern-

 

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Es gibt rund 87.700 Zahnärzte in Deutschland.

 

Marcel Reich-Ranicki sage bereits vor einigen Jahren, dass vermutlich mindestens jeder Zweite von ihnen einen Roman in der Schublade hat.

 

Das wären dann schon 43.850 Romane.

 

Nehmen wir dann einmal an, es verhielte sich bei vielen anderen Berufsgruppen ähnlich:

 

den Lehrern, den Friseuren, den Journalisten sowieso und vergessen nicht die Hausfrauen und Arbeitslosen,

 

dann könnte man fast annehmen, Deutschland habe bis in die nächsten Jahrhunderte hinein eigentlich keinen Bedarf an Romanen mehr.

 

Stimmt auch.

 

Wie viele Romane liest der Deutsche im Jahr?

 

In einer Studie definiert der Börsenverein des deutschen Buchhandels den Vielleser als „jemanden, der mehr als 18 Bücher pro Jahr liest“

 

und beziffert deren Anteil an der deutschen Leserschaft mit 25%.

 

Es sollte also genug in den Schubladen der Zahnärzte, Friseure und Journalisten liegen …

 

 

 

Aber da war ja noch eine Berufsgruppe!!! -Ach ja: die Autoren!

 

Diese verfassen von berufswegen auch Romane und das oft ausdauernd und regelmäßig.

 

Viele Autoren schreiben ein Buch pro Jahr und Autoren mit einem Werk von mehr als 18 Romanen sind keine Seltenheit, sodass ein Vielleser jederzeit ein ganzes Jahr nur mit einem einzigen Autoren auskommen würde.

 

Sehen wir uns die Vorschauen der Verlage an: im Frühjahr und im Herbst immer neue Romane und nicht wenig an der Zahl. Viele Lektoren und Verleger betonen immer, dass auf ein verlegtes Manuskript Dutzende, ja Hunderte von abgelehnten Manuskripten kommen. Gehen wir mal von der groben Zahl von 10 000 neuen belletristischen Titeln im Jahr aus, die aus Angaben unterschiedlichster Quellen zu generieren ist.

 

Auf diese 10 000 verlegte Titel käme dann ein Berg abgelehnter Manuskripte, der problemlos jedem noch so begeisterten Vielleser die Lust verderben könnte.

 

 

 

 

Wie kriegt nun ein Autor einen dieser Vielleser dazu, alle anderen 9999 Romane zu vergessen oder wenigstens 9983, damit eines der mindestens 18 Bücher, die er im Jahr liest, das SEINE ist?

 

Gut, wenn man in einem Verlag untergekommen ist, der viel Geld in Werbung steckt und den Namen besitzt, dass seine Titel von Frau Heidenreich oder Frau Westermann empfohlen oder in den überregionalen Zeitungen besprochen werden …Glück gehabt!

 

-Aber, wenn nicht? Wenn man in einem Kleinverlag erscheint, der kein Budget für Werbung hat und den jeder Ladenhüter an den Rand des Ruins bringt? (Wobei ein „gut verkaufter“ Titel dieses Verlages wahrscheinlich bei ca. 350 abgesetzten Exemplaren sich bewegt …). Oder, wenn man selbst verlegt? (Dank der schönen neuen technischen Möglichkeiten heißt das ja jetzt self publishing und ist raus aus der Schmuddelecke.) Hier will man jetzt nicht an die Urheber der vielen abgelehnten Manuskripte denken, nicht an die Zahnärzte und Friseure……

 

 

Das Zauberwort lautet -wie so oft-: Internet!!

 

Man verschickt also einen großen Teil der kleinen Auflage als Rezensionsexemplare. Zwei oder drei Blogs schreiben darüber. – Schön! Man kann das auf Facebook teilen, aber wirkt es sich auf den Verkauf aus?

 

Man kann seine Bücher als elektronische Version für 0,99 Cent oder ganz umsonst anbieten und jubeln, wenn man ganz schnell Platz 3 in der Sparte:                             Romane–Sachthemen– Kunst– Klöppeln belegt. Man sagt sich einfach, das sei nur der Auftakt. Mit diesen Aktionen bringe man später die Leser dazu „richtig“ Geld für seine Bücher auszugeben…..

 

Amazon Rezensionen schreiben in diesem Segment sowieso oft Freunde und die Familie, sodass der Autor selbst dazu beiträgt, dass die Rezension als Richtschnur bei der Kaufentscheidung praktisch keine Rollen mehr spielt. Und wenn dann mal eine dabei ist, die wirklich von einem Leser stammt, der nicht zum Kauf genötigt wurde oder ein Exemplar geschenkt bekam, dann fällt es nicht weiter auf …

 

In allen möglichen Foren und Plattformen richtet man ein „Autorenprofil“ ein. Auf Facebook wirbt man um jeden Klick. Autoren „befreunden“ sich mit -naja- anderen Autoren. Lektoren oder Verleger tun gut daran, entweder gar keine Seite zu haben oder ihren Beruf besser nicht zu nennen, um die Flut von Anfragen zu vermeiden. Man stellt Leseproben ein oder ganze Texte und lässt diese loben oder verreißen, alles gratis versteht sich.

 

 

 

Aber wo ist der Vielleser?

 

Hat er seine 18 Bücher schon durch? Waren vielleicht 15 davon Übersetzungen aus dem Englischen und die restlichen 3 Klassiker?

 

Hat er sich vielleicht vorgenommen, die Lektüre eines ganzes Jahres nur den produktiven Martin Walser oder Günter Grass vorzubehalten?

 

Oder liest er 12 Monate lang jeweils die Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste und sechs davon zweimal?

 

Liest er überhaupt Amazon-Rezensionen von Indie-Autoren oder hört er nur die Mainstream-Besprechungen im Radio? Reicht ihm vielleicht die Leseprobe des Bestseller-Thrillers im Bahnmagazin?

 

Sicher durchforstet er Facebook nicht nach Profilen mit der Berufsbezeichnung: -Freier Schriftsteller-, um neue Autoren zu finden.

 

 

Und der Verkauf?

 

Selten schnellen die Statistiken bei diesen Aktionen plötzlich nach oben, wie es im „richtigen“ Geschäft ist, wenn eine Marketing-Maßnahme greift.

 

Sitzt Herr Precht bei Illner, kommen tags drauf die Leute in die Buchhandlung. Reichweite eben. Poste ich ein Foto meiner Lesung im katholischen Diskutierclub der niederösterreichischen Rechtsanwaltsgattinnen, passiert: gar nichts, außer dass sich die darauf zufällig Abgebildeten wiedererkennen und freuen. Es ist einfach nicht das Gleiche.

 

Das alles sagt nichts, rein gar nichts über Qualität, aber zwangsläufig denkt der Leser, wenn er Amazon-Rang 2 899 738 sieht: „Das muss Schrott sein“, auch wenn der inhaltlich ähnliche Liebesroman auf Rang 8 vielleicht intellektuell ebenso überschaubar bleibt.

 

Meiner Erfahrung nach krebst ein ganz normaler Roman ohne die Reichweite eines großen Verlages im Rücken bestenfalls irgendwo im dreistelligen Absatzzahlen-Bereich herum und das ganz ungeachtet dessen, wie viel Mühe sich der Verlag oder der Autor dabei geben. Man kann Lesungen veranstalten und pro Abend drei oder fünf verkaufen, aber das bitte ohne Honorar, denn es ist ja Werbung für einen selbst.

 

Alles klicken, posten, twittern nützt da wenig. Man versucht, mit viel Aufwand ein Profil, eine Homepage, ein blog zu präsentieren, welches in etwa aussieht wie das eines professionellen Schriftstellers und den Eindruck von Erfolg vermitteln soll und investiert dabei vielleicht die Zeit, die man für den wirklich großen Roman bräuchte.

 

 

 

So scheint es ein wenig, als hätten wir weitaus mehr Schreiber als Leser. Und Schreiben ist großartig! Man braucht dafür keine Ausbildung, die die ersten vier Schuljahre übersteigt!

 

Muss man sich da wundern, wenn gewisse Verlage und Zeitschriften immer die gleichen Autoren drucken, die gewissen Schulen besucht haben und in anderen gewissen Verlagen und Zeitschriften auch schon gedruckt wurden; dass immer diese Autoren die Preise kriegen?

Muss man sich da wundern, dass angesichts der schieren Masse eine Art von Qualitätskontrolle notwendig ist, die früher einmal VERLAG hieß?

 

Und muss man sich wundern, dass diese, nachdem sie sich durch die Herstellung von Schrott selbst infrage gestellt hat, bei der ersten besten Möglichkeit vom Sockel gestoßen wird.

 

„Kunst ist frei, steht allen offen und darf von jedem konsumiert UND praktiziert werden!“ -hört man es rufen, mit gereckter Faust.

 

„Aber der Leser“, möchte ich flüstern, „denkt doch auch an den Leser!“

Denn irgendwie war die Abmachnung doch immer schon: „Ich schreibe, damit Du es dann liest!“  Das scheint nicht mehr recht zu gelten, wenn Autoren massgeblich von anderen Autoren wahrgenommen werden.

 

Ein Vielleser bräuchte 555 Jahre für die belletristischen Titel eines Jahres.

 

Ein Vielleser könnte 2436 Jahre lang nur Romane von Zahnärzten lesen.

 

 

 

Naja, wenn der Leser im Prinzip kaum noch Autoren braucht-

 

eins braucht er noch weniger: jammernde Autoren!

 

 

 

 

 

7 Kommentare

Eingeordnet unter allgemein, essays

7 Antworten zu “-Gedanken zum Schreiben und Leben von Büchern-

  1. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wobei ich beim Amazon ganz nett finde wieviele Plätze man mit nur einem Buchverkauf nach oben purzelt. Ab geht die Fahrt!;-)
    Ansonsten wird es gar noch brachialer, so man sich in einer Metropole aufhält. In Berlin gibt es gefühlt ganz sicher mehr Künstler als Nicht-Künstler. Merkt man auch bei Lesungen, jeden Abend könnte man sich hier locker 20,30 Sachen anschauen. Ohne Eintritt zu zahlen wohlgemerkt. Wer Eintritt verlangt ist der Gekniffene in einem solchen Künstlerballungsgebiet. Denn warum sollte ein Leser/Hörer für Standard Geld ausgeben, wenn er 20 Meter weiter umsonst reinkommt?
    Ein Gutes hat es aber doch: Das romantische Bild vom brotlosen Künstlerberuf, dass erst Jahrzehnte nach dem eigenen Ableben irgendeinem missratenden Nachkömmling klingende Münze bringen wird – es bleibt bestehen. Hat doch auch was;-)

    • Ja, David, das stimmt und ist ja irgendwie auch Tenor meines Artikels. Sehr Viele schreiben für -gefühlt- immer weniger.
      Dass man bei Amazon mit einem verkauften Buch stellenweise anderthalb Millionen Plätze rauf rutscht, zeigt ja nur, dass sich in Wirklichkeit lediglich geschätzte 75.000 Titel wirklich verkaufen, inkl. Sachbuch, Mario Barth, Bohlen, Merkel, Katzenberger, Reisefüher, Lexika etc. Das sind noch nicht einmal alles Romane und nur in diesen Regionen ist die Luft dünn, dahinter liegen die Titel, die sich ein, zweimal pro Jahr verkaufen, dicht an dicht.
      Die Honorierung des Urhebers in dieser Branche wäre fast mal eine Femen- oder Attack-Aktion wert. Wer glaubt, der Autor lebe von Buchverkäufen, der glaubt auch, im Sommer scheine immer die Sonne! Nein, der Autor lebt von Lesungen, sagen jetzt die ganz Schlauen, aber wieviele Veranstalter sind denn bereit, einen jungen, unbekannte Autoren zu engagieren und ihm evtl. auch noch Bett und Bahn zu bezahlen??
      Sie kriegen SO VIEL? – Och nö, da nehm ich doch lieber die Lise Müller mit ihren Gedichten aus der Gartenlaube-die kommt umsonst!
      Wenn ich schon Geld für sowas ausgeben will, dann leg ich 200 Euronen drauf und nehme Jemanden, den alle kennen, Qualität hin oder her!

      Naja, das mit davon leben lassen wir dann mal…
      Ich frag mich nur, wo das hingeht! Am besten wäre eine Roman-Maschine, die regelmäßig und verläßlich aus bestimmten Algorithmen Bestseller produziert -nicht, dass das nicht schon versucht worden wäre. Das wäre schön sauber, kostenlos und verläßlich.

      Ein Hoch also auf den brotlosen Künstler, der in modernen Zeiten jedoch bitte ein Siegerlächeln präsentiert und dessen Klamotten bitte nicht nach Armut und Niederlage müffeln!

      Danke für deinen Kommentar, David. Jetzt ist es fast wieder ein Blog-Artikel geworden!

  2. Mit 18 Romanen im Jahr schon Vielleser – das ist eine putzige Definition. 🙂
    Grundsätzlich stimmt natürlich: Der Lauteste verkauft besonders gut. Es stimmt aber nicht, dass mit dem Pushen der Online-Medien nichts gebracht ist. Das Gegenteil beweist der im Eigenverlag tätige Albert Knorr (siehe http://www.albert-knorr.com). Er hat inzwischen acht Bücher geschrieben, selbst verlegt und vermarktet. Mehrere davon haben schon die zweite und dritte Auflage erlebt (jede Auflage beträgt 1000 Exemplare). Und jedes Jahr kommt mindestens ein neues Buch hinzu. Es geht also. Man muss allerdings auch online laut sein. Ein bisschen Facebook, Twitter & Co. reicht da nicht. 😉

    • Moin Doctotte und ein Willkommen auf meinem Blog. Ja, es gibt sie, gibt sie immer: die Ausnahmen- gibt auch die Autoren,die beweisen, dass es geht. Die der helfenden Hand eines Verlages nicht bedürfen (manchem ist sie auch die Hand an der Gurgel) Ich dachte mehr an die breite Masse, die so tut, als ob. Wenn man sich so im Netz umschaut, gibt es ja auf den ersten Blick eigentlich nur GEWINNER. Und dennoch ist ein großer Teil der Verlagsautoren unglücklich mit seinem Verlag und dennoch sind die meisten Auflagen (und tatsächlichen Verkäufe) überschaubar…, SP UND klassisch.
      Laut muss man sein…hach, da kommt bei mir immer der Reflex, zu seufzen und zu fragen: Ist es denn eigentlich Kernkompetenz des Autors (eines Menschen, der schreibt, der Wort gegen Wort abwägt und Silben zählt) laut zu sein und auf die Pauke zu hauen für sein eigenes Werk? Kernkompetenz von Menschen, die oft genug am eigenen Werk und der eigenen Person zweifeln? Ich bin da altmodisch, ich weiß. In meiner Vorstellung gibt es da immer noch die Arbeitsteilung: der Dichter für das Feine und die Marketingabteilung für das Grobe….
      Das ist aber gar nicht das eigentliche Problem. Meinem Eindruck nach hat Literatur, haben Bücher einfach nicht mehr den Stellenwert, den sie früher einmal hatten. Der LEser ist so betäubt von dem lauten Getrommel der vielen vielen „Erfolgsautoren“, dass er sehr gut abwägen muss, wem er sein Gehör schenkt. Selbst der Vielleser hat ja nur 18 Sitzplätze in seiner Aufmerksamkeit pro Jahr zu vergeben. Und als Buchhändler sehe ich immer wieder: im Zweifelsfall kauft er lieber KEIN Buch, als eines, das ihm nicht mit absoluter Sicherheit zu 100% gefällt.
      Aber auch da gibt es natürlich Ausnahmen und wenn ich mir deine Seite ansehe (du bist komplett verrückt und das mein ich positiv) bist du eine davon. Vielen Dank für dein Interesse!

      • Gut, das ist eben das Prinzip Werbung. Davon kann sich kein Produkt freimachen, wenn es erfolgreich am Markt läuft, denn auch Mund-zu-Mund-Propaganda ist letztlich Werbung. Das gilt sogar für die hohe Kunst, denn heute kennte niemand Lautréamont, wenn die Surréalisten ihn nicht entdeckt und promotet hätten.
        Es ist eben die Frage, ob man sich darauf einlassen möchte, um Erfolg zu haben, oder man man über diesen Dingen stehen möchte.
        Wer nur schreibt, um zu schreiben, ohne Rücksicht darauf, ob es erfolgreich ist oder nicht, der kann bequem darauf verzichten. Aber derjenige braucht sich hinterher nicht zu wundern, wenn er kaum gelesen wird. Das gilt z.B. für meinen Archäologieroman, von dem ich weiß, dass die Zielgruppe dafür viel zu klein ist, als dass sich ein Druck lohnen würde. Genau deswegen habe ich ihn als Blog veröffentlicht.
        Andererseits wird bekanntlich lange nicht alles wirklich gelesen, was die Bestsellerlisten lautstark zumüllt. Die dortigen Titel verkaufen sich zwar, gehen aber vielfach als Geschenk über den Ladentisch, nur um ungelesen im Regal zu verschwinden und nach Jahren auf einem Flohmarkt zu landen. 😉

  3. was für eine irrwitzig gelungene Arithmetik des Schreibens und Lesens!

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