Rezension -Glück ist ein brennendes Flugzeug- von Arnd Dünnebacke

Dem Dünnebacke sein Buch also…

Vorab: der Dünnebacke heißt Arnd und mit Sicherheit nicht Maria mit zweitem Vornamen!

Der Dünnebacke ist ein Dichter.

Aber Vorsicht: wer bei Dichtern und Gedichten an Rilke, Hesse oder andere feingeistige Kameraden denkt, wird bei der Lektüre von Arnd Dünnebackes Band:

                                              Glück ist ein brennendes Flugzeug irritiert sein.
Dünnebacke liefert keine hauchfeinen Metaphern-Teppiche, keine feingliedrige Vershäkelei und kein „Hach-wie-schön“. Dünnebacke läßt keine blauen Bänder anmutig durch die Lüfte flattern.
Aber der Dünnebacke ist auch keiner dieser kühl kalkulierenden, jungen Sprachzertrümmerer, die analytische Syntax-Konstrukte mit ironisch-cooler, post-post-moderner Attitüde zum Besten geben.

Dünnebackes Lyrik orientiert sich, das ist recht deutlich, an der amerikanischen Schule. Nüchterne, prosaische Texte mit (bewußt) ganz einfachem Wortschatz und Motiven.

„Ach, der x-tausend-fachste teutonische Bukowski!“– mag jetzt der Ein oder Andere maulen.
Ja, der olle Charles aus Andernach am Rhein ist sicher ein Säulenheiliger Dünnebackes, es wäre gelogen, das zu leugnen. Der Alkohol und andere Drogen, diverse kleine Schweinigeleien sind auch durchaus Sujets, die sich bei beiden Autoren finden.
Aber, anders als bei anderen Bewunderern des großen alten Mannes der Underground-Literatur, bleibt Dünnebackes Schreiberei niemals in der reinen Nachahmung stecken.

Sicher kann man jetzt fragen:

„Kein Reim, kein Fokus auf der Sprache, wenig Struktur und Poesie?

Sind das denn überhaupt Gedichte?“
Und: Ja! Viele dieser Texte würden auch als Geschichten durchgehen.

Alltagsschilderungen und Kindheitserinnerungen der wenig verklärten Art.
Aber dennoch: Es SIND Gedichte! Und Gute!
Denn der Dünnebacke hat viel zu bieten:
eine enorme Kraft,
einen prallen Haufen Geschichten, die rauswollen,
eine Menge Lebenserfahrung, die er aber nie raushängen läßt,
einen staubtrockenen Humor
UND:
eben diese Eigenschaft, die scheinbar Profanes in Momente verwandelt, in denen man plötzlich Zusammenhänge sieht, Verknüpfungen und Parallelen. Momente, in denen man sich am Schopf gepackt fühlt und Schönheit in etwas erkennt, was karg und trostlos scheint.
Und auch DAS macht Lyrik aus, bei aller Einfachheit und Schnodderigkeit!

Es ist ein Brocken, den der Dünnebacke da im Acheron Verlag vorlegt, kein schmalbrüstiges Bändchen, der Sprachlosigkeit abgetrotzt.
Fast 250 Seiten, dicht gesetzt, demonstrieren Dünnebackes mächtigen Erzähldrang.
Viele der Grundsituationen in Dünnebackes Texten sind scheinbar trostlos:
da ist der Suff, da ist entweder die stumpfe Maloche oder die Arbeitslosigkeit, da ist die „einfache“ Kindheit in den 80ern, die nach heutigen Maßstäben schon nach Prekariat und Kinderarmutsbericht duften dürfte.

Keine schönen Dinge! Aber in dem allen schläft etwas….
Das Glück trudelt durchaus am Himmel entlang, als sichtbar leuchtender Schein.
Dass es ein brennendes Flugzeug ist- okay- aber immerhin ist es nicht GANZ dunkel!
Dünnebacke malt nicht nur schwarz, obwohl er durchaus viel und offen benennt, was ihm auf den S…. geht! Aber hinter, unter, neben all dem, gibt es Dinge, die ganz klar erkennbar „heilig“ sind, auf die er nichts kommen läßt, bei aller abgeklärten Leck-mich-Haltung!
Das vermeindlich Proletenkind hat zwar nicht viel, ist aber frei und reich an Abenteuern, auch wenn es mit Müll spielt.
Und: da ist die Liebe! Denn die in vielen Texten wieder auftauchende Liebste ist ein roter Faden in Dünnebackes Buch und auch, wenn heiße Liebesschwüre und geblümte Hymnen ausfallen, wird klar, dass hier etwas IST, was nicht besungen werden muss.

Alles in Allem finde ich Dünnebackes Buch perfekt für Leser, die lesbare und verständliche Lyrik wollen, fernab vom Eduard-Mörike-Gedächtnis-Häkeln.
Schüler, generell junge und im Herzen jungbliebene Leser werden hier ihren Spaß haben und an vielen Stellen zustimmend nicken, an denen die Germanisten vielleicht noch die Nasen rümpfen!

Dünnebackes Gedichte sind keine Gedichte für den Olymp, nicht für die Wissenschaft und nicht für das Poesiealbum. –Obwohl er sicher nichts dagegen hat, wenn sie dort landen.
Aber im Kern gehören seine Gedichte auch dem Hauptschüler, dem Bauarbeiter und auf die Straße. Und ich würde mich freuen, wenn sie dort landeten, wenn sie Dünnebacke zuhören würden, denn er spricht ihre Sprache und er hat ihnen mehr zu sagen als die Vorbilder, denen sie gewöhnlich folgen.

Ich habe hin und her geblättert in diesem Buch und überall etwas gefunden, was mich begeisterte.

Und:Glück ist ein brennendes Flugzeug ist eines dieser Bücher, in denen man das wieder und wieder tun kann. Ich werde es tun!

Also: Daumen hoch für Dünnebacke!

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